Stefanie Bräunig für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Das ewige Jetzt
Hinter den Zeigern der Zeit sind winzige Zahnräder, die von einem lustigen, schlauen Kobold gedreht werden. Meist in Richtung Zukunft, dann wieder schlägt sich das kleine Wesen auf die Schenkel, erlaubt sich einen Schabernack und dreht alles andersrum: Vergangenheit.
Der Zeit wird ganz schwindelig. „Immer dieses Hin- und Her“, raunt sie.
Plötzlich: doppelte Geschwindigkeit… fünffache Geschwindigkeit… Überschallgeschwindigkeit.
Dann: Stillstand. Stopp.
Von einem Moment auf den anderen geschieht eine Zeitreise. Die Frau mit dem Namen Charlotte verwandelt sich und heißt plötzlich Melokuhle. Auch die Umgebung verändert sich: Charlotte sitzt jetzt nicht mehr mit ihrer Bekannten am Tisch, sondern durch eine Art Buzzer wird sie mit einem Schwupps in eine andere Zeit katapultiert. Nun ist sie also ein Mann und hockt vor einem toten Tier, welches er (oder sie?!) gerade mit seinem Speer erlegt hat. Soso.
Der Kobold dreht wie verrückt erneut an der Zeit. Dieses Mal wieder nach vorne, in Richtung Gegenwart. Leicht schwindlig und etwas benommen, sitzt Charlotte nur einen Moment später wieder am Tisch. Den Geruch des toten Wildschweins hat sie allerdings noch in der Nase.
Sie taumelt ins Badezimmer und wäscht sich erst einmal das virtuelle Blut von den Händen ab. Unter ihrem Rock hat sie ein vages Gefühl und eine leise Ahnung von einem Lendenschurz. Barfuß ist sie auch, obwohl sie doch zum Rock passende Sneakers trägt….
Plötzlich vergehen all die Erinnerungen und sie ist wieder voll im Moment. Leicht berauscht von dem, was da gerade mit ihr geschieht. Ihr Handy piept und brummt und es erscheint eine Erinnerung darauf, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal dort hinreisen soll. Sie schüttelt sich leicht angewidert, schmunzelt dann, streckt ihre Schultern und verlässt das Bad, als sei nichts gewesen. Charlotte ist sich sicher: Hinter der Zeit ist das ewige Jetzt.
Als sie die Badezimmertür von außen schließt, ruft der Kobold: „Zeitreise beendet“. Dann legt er sich für einen Moment auf das winzige Zahnrad von Charlottes innerer Uhr, um sich etwas auszuruhen. Hat ja auch schwer an der Zeit gedreht, der Kleine.
Stefanie Bräunig, geboren 1973, schreibt seit einigen Jahren. Ihre Texte fallen manchmal direkt vom Himmel und begegnen ihr in der Musik oder der Natur. 2023 ist ihr erstes Buch „Juli und der Zauberbaum“ erschienen, im März 2024 folgte ihr Gedichtband „Das Strahlen in Dir“. Auf ihrem YouTube-Kanal lässt sie ihre Texte in Wort und Bild lebendig werden.
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