Lichtblau

Britta Badura für #kkl39 „Hinter der Zeit“




Lichtblau

Sonnenbekränzte Sehnsüchte nach Händedruck und Umarmung, nach dem Atem von Erzählungen anderer und nach unbeschwertem Lachen. Es flimmerten Nostalgie und Schmerzen auf, flackernd und nicht unter Kontrolle zu bringen. Unter Kronen reichten wir einander freundliche Wortgirlanden und blaue Tulpen über den Zaun, denn der Mindestabstand muss gewahrt sein. Spüren wir überhaupt die Konturen unserer Körper, wenn wir einander nicht umarmen können?

Doch ich hatte Glück: Meine Tafel war immer voll. Wir saßen zu siebt zusammen, wir aßen und lachten, jeder Tag war ein Fest unseres Beisammenseins. Die Kinder schliefen zu fünft in einem Zimmer, mein Mann und ich immer Haut an Haut. Uns mangelte es an nichts. Wir trieben durch die Wochen, ich lernte die Kontinente neu, vermaß die Weltmeere und tauchte in den Marianengraben. Irgendwann hörten wir auf, am Abend die Nachrichten zu schauen und es ging uns sofort besser.

Wir fanden Trost in den Wäldern und feierten am Abend den Zirkus der Stille: Bilder flackerten über die weiße Wand, in Schüsseln Karamellpopcorn. Rotwein auf der Terrasse, dem Glück auf der Spur. Wir stellten einander neue Fragen und schmiedeten Pläne, denn die Welt hängt immer noch an unserem Angelhaken. Gedanken glitzerten bei Kaffee und Erdbeerroulade. Der Himmel klarte schon früher auf und Brot beduftete das Haus. Zitronenwasser und Ingwertee. So schmeckt die Freiheit im Kleinen.

Wir sind gerne alleine geblieben im Himmel der sieben Wandelsterne. Aus Grashalmen saugten wir Frühlingssäfte und säten den wilden Geist, im Zwitschern jedes Morgen. Schmiedeeiserne Gitter, dahinter raucht der Nachbar in einem weißen Bademantel, irgendwo eine Motorsäge, später das Klopfen des Spechts. Am Wegesrand gestohlener Flieder auf dem gedeckten Mittagstisch. Nach dem Essen ruft der Jüngste „An die Ruder, Matrosen!“ und die Kinder schwärmen aufs Neue in den Garten aus.  




Britta Badura (geb. 1980) ist Germanistin und Schriftstellerin. Sie arbeitet als Schreibwerkstättenleiterin und macht für das Grazer Theater Quadrat die Öffentlichkeitsarbeit und gelegentlich Dramaturgie. Ihre Kurzprosa und Lyrik wurden in verschiedenen Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht und nach der Fertigstellung eines Sachbuchs über ihr Leben als Patchworkmutter von fünf Kindern widmet sich jetzt wieder ihrem Roman.

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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