Jürgen Schlusnus für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Ich. Ein Fragment.
Was auf meinem Grabstein stehen soll?
Der Typ fragt mich tatsächlich und ganz im Ernst, wie es scheint, was auf meinem Grabstein stehen soll. Es ist ein wunderschöner Tag, mit blauem Himmel und so, ein Tag, der wider alle Vernunft den Eindruck erwecken will, als komme im Leben nichts Böses mehr. Ich sehe Palmen vor diesem Blau herum wedeln. Fontänen springen ausgelassen in die Sonne hoch, ein Frühlingstag fast wie am Mittelmeer. Antibes käme mir als Nächstes in den Sinn, aber bevor es mir in den Sinn kommen kann, kommt mir so einer mit so einer Frage.
Nichts! sage ich. Name, Geburtstag und Todestag, sonst nichts. Aber, füge ich schnell hinzu, das ist nicht das Problem. Was dann das Problem sei?, fragt der Typ und schaut mich, wie ich finde, listig an.
Der richtige Ort, sage ich wahrheitsgemäß. Erde, Feuer, Luft oder Wasser? Keine Ahnung, sage ich, ich habe den Ort, an dem ich tot sein will, noch nicht gefunden.
Der Typ hat Zeit, alle Zeit der Welt, wie es scheint, und genauso schaut er mich an. Er drängt nicht, er fragt nichts, weder mit Worten, noch mit seinen Blicken. Er schaut mich einfach an und wartet in aller Seelenruhe, ob oder dass ich noch etwas dazu sage.
Ich sitze auf einer beigefarbenen Couch unter dem Bild einer roten Blume, im einzigen Raum des Hotels, in dem man rauchen darf, und ich rauche. Mich irritieren seine seelenruhigen Blicke, und so sage ich, wahrscheinlich, um ihnen auszuweichen, etwas, was ich eigentlich gar nicht sagen will. Zumindest jetzt noch nicht.
Sehen Sie, sage ich, es ist ja nun weiß Gott nicht so, dass ich jeden Morgen aus dem Schlaf hochschrecke und denke: O Gott, ich habe jetzt diese Krankheit, die zum Tode führen wird. Nein, sage ich, so ist es eben ganz und gar nicht.
Wie es denn dann sei? fragt der Typ.
Eigentlich, sage ich, eigentlich habe ich nur eine Furcht, und sie ist, finde ich, ganz merkwürdig. Dass ich so lange tot sein werde. Millionen von Jahren werde ich tot sein. Ein schrecklicher Gedanke ist das. Wenn ich es jetzt, fast im Nachhinein, noch einmal genau bedenke, dann dämmert es mir, dass ich noch nicht einmal bei denen, die mich lieben, wirklich beliebt bin. Womöglich hätte ich hier und da etwas zurückhaltender sein können, vielleicht sogar müssen, was mein Auftreten angeht. Ich will es nicht ausschließen, dass ich vielleicht das eine oder andere Mal die Wirkungen meiner Handlungen unterschätzt habe. Ich weiß es wirklich nicht. Jeder Tag hat nun einmal nur vierundzwanzig Stunden, eine fünfundzwanzigste gibt es nicht. Nie. Die Zeit wird langsam knapp, das gebe ich zu, und das einzige, was mir bleibt, ist, von Tag zu Tag zu entscheiden, was ich nicht tun will. Kennen Sie das?
Der Typ schüttelt mit dem Kopf. Nein, sagt er und lächelt. Das wiederum verursacht in mir eine Wut. Aber das hilft nicht weiter, und so fahre ich, meine Wut unterdrückend, so ruhig wie es irgend geht, fort: Ich denke darüber nach, sage ich, was möglich ist. Wie alles begann. Und wie es enden wird. Ich komme aus dem Dunkel. Wir, berichtige ich mich, um ihn einzubeziehen, kommen alle aus dem Dunkel, und dorthin gehen wir zurück. In dieser Dunkelheit liegt womöglich eine Bedeutung. So ist das Leben, sage ich. Gerade jetzt im Frühling, wenn die Amseln kommen, muss ich viel darüber nachdenken. Ich frühstücke, wenn das Wetter es zulässt, morgens draußen auf der Terrasse. Und dann sitzt da diese Amsel, fast jeden Morgen sitzt sie da, während ich frühstücke, und es ist immer dieselbe. Da bin ich mir ziemlich sicher. Ich habe mich immer ausgesprochen wohl gefühlt unter Menschen, denen ein Blick, eine Handbewegung genügt, um sich verständlich zu machen. Solche Menschen trifft man eher in vergleichsweise menschenleeren Gegenden. In der Heide vielleicht. An der Küste. Oder im Gebirge. Aber nicht hier, schon gar nicht auf meiner Terrasse. Gottlob. Und deswegen liebe ich meine Amsel. Abends fängt sie unweigerlich an zu singen. Sie singt so wunderbar, die Amsel, schöner als die Lerchen, finde ich, und ich denke, wenn ich ihr zuhöre: Ist das wohl dieselbe Amsel wie im letzten Jahr? Oder ihr Bruder? Womöglich ist die Amsel, die im letzten Frühling hier saß, während ich frühstückte, längst tot, und das hier ist ihr Kind. Aber das ist eigentlich egal. Dieser merkwürdige Chor von Leben und Tod, das ist es, was mich anrührt und manchmal ein wenig traurig macht.
Ich sitze da auf dieser Couch, die Beine übereinander geschlagen, Jeans, gelber Pulli, roter Hemdkragen, schlank und sehr gut, ja prächtig aussehend. Das mit dem Aussehen sage nicht ich, ich wiederhole lediglich, was ich so höre und lese über mich. Ein Mann, so sagen es die anderen, der mit sich, so wie es aussieht, im Reinen ist. Phänomenal selbstgewusst, ja, dafür ist er berühmt, so berühmt wie für seine Werke. Kein bisschen gelitten hat er, sagen sie, mit all den Jahren und trotz dem abnehmenden Erfolg. Ein Mann, der weiß, was er kann. Der weiß, was Kunst bedeutet. Was der Wert von Kunst ist und der Wert seiner Werke.

„Ich schreibe in erster Linie zu meiner Unterhaltung. Dabei versuche ich, so gut zu schreiben, dass es mir als Leser gefallen würde. Wenn mir das gelingt und meine Texte auch andere unterhalten, freut mich das.“
Jürgen Schlusnus, geboren 1957, studierte in Oldenburg Germanistik und Geschichte und schloss das Magisterstudium mit einer Arbeit über den preußischen Schriftsteller Julius von Voß ab.
Während des Studiums gründete er einen Kleinstverlag und gab dort neben ein paar wenigen Büchern auch die Oldenburger Literaturzeitschrift „Nicht Direkt“ heraus. Er gründete 1984 die heute noch bestehende Oldenburger Autorengruppe WORTSTATT und war neben Kai Engelke Mitorganisator der „Surwolder Literaturgespräche“. Nach dem Studium arbeitete er kurzfristig als Paketzusteller und dann fast 30 Jahre als Verwaltungsbeamter in leitenden Positionen. Seit 1989 lebt er mit Frau, Kindern und Enkelkindern auf dem Hollenhof in Stuckenborstel im Landkreis Rotenburg (Wümme). Seit 2019 im Ruhestand (und somit endlich freier Schriftsteller). Er selbst beschreibt seinen Schreibstil als „magischen Realismus“, weil er in seinen Texten magische Elemente in realistische Situationen einbindet. Schreibt neben seiner literarischen Arbeit an einer Dissertation (Uni Bremen) mit dem Titel: „Geschichtserfahrung und Geschichtsdeutung zwischen Aufklärung und Vormärz. Christian von Massenbach (1758-1827) und die preußische Öffentlichkeit“.
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