Zahnrad-Familie

Stephanie Hope für #kkl39 „Hinter der Zeit“




Zahnrad-Familie

Das Thema lässt mich nachts nicht mehr schlafen. Es schleicht sich in meine Träume und weckt mich mit Ideen, die ich nicht greifen kann. Ich wache auf und schaue auf die Uhr. Und schon hat sie mich wieder fest im Griff: die Zeit.

Aber was liegt denn bitte „hinter der Zeit“? Ist es der Traum, der das Raum-Zeit-Kontinuum durchbricht und jenseits der Zeit in seiner ganz eigenen Welt stattfindet? Manche Träume ziehen sich über Jahre hinweg, obwohl sie in Wirklichkeit nur wenige Sekunden andauern. In anderen Träumen bestehe ich Abenteuer in der Zukunft, obwohl ich genauso jung bin wie jetzt, oder reise in vergangene Erinnerungen, ohne dabei noch jünger zu werden. Aber ich kann doch in einer Kurzgeschichte nicht über sämtliche Träume referieren.

„Ach, mich würden deine Träume schon interessieren“, meint Papa, der mir schon wieder frech über die Schulter geschaut hat, während ich verzweifelt versuche, ein paar Zeilen zu Papier zu bringen. Sie machen es immer, Papa, die älteste Tochter, der älteste Sohn und sogar schon der Mittlere. Lediglich die zwei Kleinen spicken nicht heimlich in meine Notizen, was nur daran liegt, dass sie noch nicht lesen können.

„Wie interpretierst du denn dieses Thema?“, frage ich. „Der Abschlusstermin rückt immer näher, die Zeit sitzt mir im Nacken und ich habe keinen blassen Schimmer, was mir dieser Satz sagen will.“

Papa schaut mich erschüttert an. Dann ruft er laut: „Kinder, habt ihr das gehört? Mama fragt mich um Rat, weil sie keine kreativen Ideen hat! Diesen Tag müssen wir mit Neonfarben im Kalender eintragen.“ Er freut sich und grinst wie ein Honigkuchenpferd.

„Ich finde das gar nicht so witzig“, mosere ich. „Außerdem frage ich euch alle oft um Rat, aber meistens kommt einfach nichts Brauchbares.“

„Tja, wenn dir die Zeit im Nacken sitzt, ist das natürlich ein Problem“, überlegt Papa. „Denn da ist ja dann die Zeit hinter dir und nicht umgekehrt.“

Ich verdrehe die Augen. „Genau das meine ich“, sage ich. „Nichts Brauchbares.“

„Manche Menschen rennen hinter der Zeit her“, bringt die älteste Tochter Clara einen Vorschlag ein. „Sie sind immer im Stress und in Hektik. Wie das weiße Kaninchen bei Alice im Wunderland. Das ist doch auch berühmt geworden. Darüber kannst du schreiben, Mama.“

Ich schüttle den Kopf. „Darüber hat doch schon jemand anderes geschrieben. Ich brauche eine eigene zündende Idee.“

„Dann schreib doch über ein schwarzes Kaninchen“, schlägt Finley pragmatisch vor, während er seine Eldrador-Drachen gegen die Monster aus dem Nebelreich kämpfen lässt.

„Ihr versteht alle nicht, wie wichtig mir diese Ausschreibung ist“, beschwere ich mich.

„Schreib doch eine Erörterung über den Unterschied zwischen den Menschen, die ihrer Zeit voraus sind und denjenigen, die ihrer Zeit hinterherhinken“, meint Elias und entfernt dabei eine halbe Seite Schrift in seinem Deutschheft mit Tintenkiller. „Also intelligente Genies wie ich im Vergleich zu langsamen Menschen wie meinen Geschwistern.“

„Haha, du bist so witzig, Junge!“, blafft Clara vor Sarkasmus strotzend. „Wenn du so hyperintelligent bist, warum musst du dann die halbe Seite wegkillern?“

„Genies sind ganz oft Schulversager“, erklärt ihr der Bruder. „Denk an Albert Einstein. Hat der nicht auch eine These zur Zeit und was dahintersteckt entwickelt?“

„Und vergleichst du dich jetzt eher mit dem Schulversager oder dem Erfinder?“, fragt Clara provozierend.

Ehe es zum handgreiflichen Streit unter Geschwistern eskaliert, greife ich das Thema der berühmten Persönlichkeiten auf. „Also ich weiß, dass Leonardo da Vinci die Triebfeder für eine Uhr entwickelt und Galileo Galilei Zeichnungen einer Pendeluhr entworfen hat, aber Albert Einstein bringe ich dann doch eher mit der Relativitätstheorie in Verbindung.“

„Interessante Thesen“, schaltet sich Papa ein. „Schwarze Löcher, die alles aufsaugen, was ihnen in den Weg kommt. Materie und Antimaterie. Einfach verschluckt. Auf Nimmerwiedersehen.“ Ein ganzes hartgekochtes Ei verschwindet auf einen Happen in seinem Mund, ebenfalls auf Nimmerwiedersehen.

„Cool!“, ruft Elias. „Ich will auch ein schwarzes Loch für zu Hause. Dann können meine Hausaufgaben darin verschwinden und nie wieder zurückkehren.“

„In den schwarzen Löchern existiert bestimmt auch keine Zeit; sie liegen sozusagen hinter der Zeit“, meint Papa. „Schreib doch darüber.“

„Oh ja!“, ruft Finley begeistert. „Können wir in so ein schwarzes Loch reisen und nachschauen, wie das mit der Zeit ist? Vielleicht gibt es dort ja auch echte Drachen!“ Seine Augen glänzen voll Begeisterung und Tatendrang.

„Hast du denn Papa nicht zugehört?“, fragt Clara. „Auf Nimmerwiedersehen und ohne Rückkehr!“

Finley nickt. „Du hast Recht, dann sollten wir lieber Elias dorthin schicken. Wir sind ja zu langsame Menschen, während er als Genie bestimmt einen Weg zurück findet. Hinter der Zeit her, dann kann er Mama bei ihrer Geschichte helfen.“

„Wie viel Uhr ist es eigentlich?“, fragt Elias, ohne auf Finleys Stichelei einzugehen. „Ich will nämlich noch zu meiner Freundin. Papa, wann gibt es Abendessen?“

„Um welche Zeit willst du denn zu Abend essen, Sohn?“, kontert Papa.

Also wenn ich Zeit mit Uhr gleichsetze, dann bekommt das Ausschreibungsthema gleich mal einen ganz anderen Sinn. Was steckt denn hinter der Uhr? Die ersten Sonnenuhren gab es bereits dreitausend Jahre vor Christus in Ägypten. Dort war ja auch reichlich Sonne vorhanden, um damit die Zeit zu messen, nur in der Nacht hatte man keine Chance. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelten die Menschen immer ausgefeiltere Zeitmessgeräte für präzisiere Angaben. Richtige Uhren kennt man seit dem dreizehnten Jahrhundert, doch erst dreihundert Jahre später erfand der deutsche Uhrmacher Peter Henlein die kleine, portable Uhr. Mittlerweile besitzt jeder von uns mindestens eine Armbanduhr, aber keiner macht sich darüber Gedanken, was dahintersteckt: Hinter dem edlen Gehäuse, hinter den unterschiedlich schnellen Zeigern auf dem Ziffernblatt, hinter der Zeit.

Eine mechanische Uhr ist aus mehreren Zahnrädern aufgebaut, die alle perfekt ineinandergreifen und sich gegenseitig unterstützen. „Wie in unserer Familie“, ruft Clara, die jetzt Schokoriegel-kauend meine Notizen überfliegt. „Wenn meine Brüder streiten, dann steht die ganze Zeit still.“

„Da hast du Recht“, stimme ich ihr zu. „Wie bei uns, hat jedes Rädchen seine Aufgabe und nur im Zusammenspiel kann alles funktionieren. Papa zum Beispiel ist das Unruh-Feder-Schwingsystem im Herzen der Uhr. Er ist ständig in Aktion, sorgt dafür, dass in unserer Familie alles zum Laufen gebracht wird, treibt die einzelnen Zahnradkinder an, sich zu bewegen. Als erstes den kleinen Neal, der mit dem Hemmungsrad gleichzusetzen ist. Dieses nimmt überschüssige Energie heraus, deshalb heißt es im Englischen auch Fluchtrad. Wenn unser Baby Neal zu viel Energie hat, dann flieht er auch vor uns und zwar ohne Hemmungen. Die beiden verbindet der Anker, das ist dann wohl die Babytrage, in die Papa den kleinen Frechdachs setzt, wenn die Energie aufgebraucht ist und er schlafen soll.“ Meine Ausführungen zum Aufbau einer Armbanduhr erwecken offensichtlich das Interesse meiner Familie, denn alle haben ihre aktuell ausgeübte Tätigkeit niedergelegt und hören mir zu. Anscheinend sind sie alle gespannt, welches Zahnrad ihnen zugeteilt wird. Also fahre ich fort: „Mechthild ist das Kleinbodenrad. Sie ist klein und spielt am liebsten auf dem Boden. Außerdem sitzt sie beim Fernsehschauen immer zwischen dem Sekundenrad Finley und dem Minutenrad Elias – genau die Position, die das Kleinbodenrad auch im Uhrengehäuse innehat. Finley also, der für den Sekundenzeiger zuständig ist. Er redet schnell, rennt schnell, denkt schnell und hat für nichts wirklich Zeit. Da hast du auch dein weißes Kaninchen“, nicke ich in Richtung Clara. „Das Minutenrad ist Elias, weil er sich immer nur wenige Minuten mit den Hausaufgaben beschäftigt. Außerdem ist er groß und schlank, wie der Zeiger auf dem Uhrenblatt. Clara ist das Stundenrad, das weiter oben angebracht ist, sie ist ja auch die Größte. Außerdem braucht sie manchmal Stunden für ihren Style. Passt also alles.“

Einige Zeit herrscht Stille. Offenbar müssen sie die Informationsflut erst einmal auf sich wirken lassen. Vielleicht sind sie auch noch hinter der Zeit und konnten mir nicht so ganz folgen. Schließlich fragt Clara: „Und welches Rad bist du, Mama?“

„Was für eine Frage“, lacht Papa. „Mama ist natürlich das Kronrad. Sie bestimmt, wo es langgeht, was gemacht wird, wie es gemacht wird und wann es gemacht wird. Wenn sie keine Power mehr hat, dann steht hier alles still.“

„Jetzt wissen wir also, wie wir eine Uhr bauen können, falls unsere Smartwatch mal versagt“, stellt Elias trocken fest. „Aber ich weiß immer noch nicht, wann es Abendessen gibt. Papa Unruh, kannst du mir das bitte sagen?“

„Natürlich, du Minutenrad“, sagt Papa. „Es dauert noch mindestens zwei Clara-Umdrehungen.“

„Ich wäre jetzt gerne Neal und würde flüchten“, meint Finley. „Meine ganze Familie ist irgendwie verrückt.“

„Sagt derjenige, der in schwarzen Löchern Urlaub machen möchte“, kontert Clara.

„Wir sind nicht verrückt. Wir sind nur unserer Zeit voraus“, verbessert Elias seinen Bruder.

„Aber ob ich darüber tatsächlich etwas schreiben kann?“, überlege ich laut.

„Ach Schatz“, sagt Papa gutmütig, „du hast uns so toll erklärt, was hinter der Zeit steht. Schreib es doch einfach, wir Zahnräder stehen auf jeden Fall immer hinter dir!“




Stephanie Hope ist Mama.

Und das gleich fünf Mal. Da bleibt nicht viel Zeit zum Schreiben. Nur gut, dass Kinder irgendwann mal schlafen müssen, der Laptop hingegen immer einsatzbereit ist. Sofern man vor lauter Kindern nicht vergessen hat, den Akku zu laden. Irgendwie klappt es aber doch immer mit der einen oder anderen Kurzgeschichte. Mehr von Familie Hoppe und anderen Geschichten gibt es unter www.stephanie-hope.com






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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