Betrachtet

Lyra für #kkl39 „Hinter der Zeit“





Betrachtet

Neulich ist mir in meinem Kiez aufgefallen, dass hier eine neue Ära begonnen hat.
Kann sein, dass andere es vor mir bemerkt haben. Mir ist es entgangen.
Mein eigener Veränderungsprozess,
das Älterwerden, hat mich beschäftigt. Werde ich schon anders
wahrgenommen oder überhaupt mit meiner Individualität noch gesehen?
Das Alter repräsentierte für mich bisher eine alte Frau aus unserem
Kiez. Wenn ich sie sah, dachte ich an ein Fossil,
das ausgegraben worden war, in dem noch etwas Leben steckte.
Von alten Fotografien, die ich mir in meiner Kindheit im Spreewald anschaute, kenne ich die Muhmen, alte vermummte
Frauen,
die aus einer geöffneten Zeitkapsel entwichen schienen.
Große Tücher, dreieckig gefaltet, weit über die Schulter reichend, am
Rücken die Spitze des Tuches, eng am Kopf gebunden,
die Haare verborgen. Zerfurchte Gesichter eingerahmt.
Lange weite Röcke, darüber Schürzen, Strickjacken, selbst gestrickt auch
die Strümpfe.
Holzpantinen, eine Kiepe aus Weidenruten, geflochten auf dem Rücken.
So bekleidet, nur ohne Kiepe, schlurfte auch die Alte um den Häuserblock,
untergehakt bei ihrem greisen Mann in seiner abgewetzten Anzughose,
gestreift, mit weitem Bein, eine Bügelfalte konnte man noch erahnen,
Strickjacke, darüber eine Weste, Schiebermütze. Miteinander sprechen habe ich die beiden nie gesehen.
Auch sah ich sie von meinem Balkon aus am offenen Fenster ihrer Wohnung alleine ohne ihren Mann sitzen, immer mit
Kopftuch.
Nachts brannte in ihrem Fenster Licht, das konnte ich bei meiner
nächtlichen und frühmorgendlichen Zigarette sehen.
Im vergangenen Sommer beobachtete ich Renovierungsarbeiten in ihrer
Wohnung, von der Wohnbaugesellschaft ausgeführt. Neue Mieter zogen ein, mit kleinen Kindern.
Beide im Seniorenheim oder verstorben? So spekuliere ich.
Vor ein paar Tagen beim Joggen auf dem geraden Weg, der quer durch den Park führt, erkenne ich sie schon von
weitem,
die Alte, das Fossil.
Sie war noch da, als ich an ihr vorbeilief, nickte ich ihr zu, lächelte sie vertraut an.
Sie stand da wie ein Denkmal, ihre Augen ausdruckslos, nicht offen für
ihre Umgebung, starr in eine andere Zeit zurückblickend.


Fotografie © by Philipp Wieder



Lyra, ich wohne in Augsburg/Bayern
Geschichtenerzählerin, Texterin und Träumerin
Worte lieben Bild und Ton – brauchen einander – so denke ich
Ich spreche alle an, die mit in diesen Genres umgesetzte Gedanken und Gefühle in Resonanz gehen Eindrücke, Erfahrungen, Erinnerungen, Emotionen, früher durch gesprochene Worte ausgedrückt, deshalb auch die Anerkennung meiner Lehrer – „Lyra schwätzt, gern“ gebe ich sehr lange schon, geschrieben  auf e-stories und Lyras-Words einen Raum, durch Musik und Malerei inspiriert.“






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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