Ronny Thon für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Galmuth
Quietschen. In der Redaktion klebte die Langeweile an den Wänden fest, als dieses Geräusch in meine Ohren schlüpfte. Ohne etwas Spannendes zu erwarten, blickte ich auf und spiegelte mich in den Brillengläsern eines kleinen Mannes. Er schien sehr alt zu sein. Mit der linken Hand umfasste er den Griff eines kleinen Wägelchens, beschwert mit einem Klotz dünner Papierseiten. Etwas Entwaffnendes haftete an diesem Mann. Eine Aura, wie sie sonst nur graue Katzen besitzen.
Ein Ventilator brummte auf leise, stupide Weise, eine einzelne Fliege summte an der Decke entlang. Es war Sommer, es war heiß. Ich bereute es, mein Praktikum für die Schule in dieser sterbenslangweiligen Redaktion abzuleisten. Die anderen aus meiner Klasse, so war ich mir eisenfest sicher, würden gerade mächtig viel Spaß haben. Aber ich musste ja unbedingt auf meinen Vater hören und einen Dienst verrichten, der früher sicher spannend gewesen war, aber mittlerweile nur noch zwischen sinn- und phantasielos hin und her kroch. Er sei so stolz darauf, dass ausgerechnet jemand von uns dort arbeiten dürfe, teilte er mir mehr als einmal mit.
Genaugenommen war das Geräusch des Ventilators auch kein Brummen, sondern eher ein dreimal sich wiederholendes „FFppRRR“. Deshalb musste ich den kleinen Mann darum bitten, lauter zu sprechen, nachdem er das Wort an mich gerichtet hatte. Wie in Zeitlupe löste er sich vom Wägelchen und platzierte eines der Blätter auf meinen Schreibtisch.
„Die Liste mit den guten und schlechten Wörtern für diesen Monat.“
Ich erkannte keinen Sinn darin und machte ein Geräusch, dass wohl ähnlich klingen musste wie dasjenige des Ventilators.
Er verstand mein verwirrtes Ventilatorisch und verwies mich auf den allmonatlichen Prozess der Auswahl der guten Wörter, von denen jedes mindestens viermal pro Ausgabe erscheinen sollte und auf die Auswahl der schlechten Wörter, die auf keinen Fall auftauchen dürften.
„Wörter wie homosexuell und Zigeuner?“
Rasch hob der kleine Mann seine Hände und, ich schwöre es hoch und heilig, sogar der Ventilator stoppte für einen kurzen Moment.
„Lesen Sie einfach die Liste. Seit Artikel Fünf in Kraft ist, sollte man sich lieber auf überprüfte Listen verlassen.“
Ich gab ihm Recht, die Fliege summte und er rollte davon. Sofort vergaß ich ihn und starrte minutenlang aus dem Fenster. Von dort aus hatte man Sicht auf die graue Straße. Zwischen den Autos, glänzendem Asphalt und stickiger Luft versuchte ich jemanden auszumachen, den man ansprechen könnte. Jemand, der etwas zu sagen hätte. Jemand, der sich nicht sofort ängstlich abduckte und schweigend davonschlich. Doch so jemand war in diesem Zivilisationslabyrinth nicht auszumachen und so kehrte mein Blick resigniert zum Schreibtisch zurück. Die Liste kam mir wieder in den Sinn. Aber wozu brauchte ich sie? Das Praktikum war doch sowieso komplett sinnlos. Meine Aufgabe bestand darin, in dieser Nische zu sitzen und die Sekundenanzeiger an der Uhr solange anzustupsen, bis der Feierabend sich einstellte.
Der Ventilator verstummte. Plötzlich war es nicht mehr die Fliege, die herum summte, sondern die Redakteure, die Zensoren und einfach jeder im Raum (mit Ausnahme der Fliege, die nun auf den Rotorblättern des abgeschalteten Ventilators Platz genommen hatte).
Was denn mit der Liste sei, wurde wild diskutiert.
Ich hätte es nicht tun sollen, doch ich stand auf, verließ meinen Platz und schaute fragend in die Menge. Man sah mich, vielleicht zum ersten Mal.
„Vielleicht kennt der Bengel ja die Wörter,“ posaunte ein dicklicher, schwitzender Mann.
Eine junge Frau im grauen Blazer blickte erschrocken drein. „Aber er ist doch ein…“ Theatralisch hustete sie etwas und verstummte.
Ich wollte endlich wissen was los sei. Die monatlich erscheinende Liste sei aufgrund zweier Dinge seltsam, berichtete man mir aufgeregt. Erstens seien die Wörter gar nicht eingeteilt in gut oder schlecht, was sie per se eigentlich unbrauchbar machen würde (Wann bräuchte eine Redaktion schon eine unbrauchbare Liste).
Und zweitens wären die Wörter „komisch“, wie es eine schmale, bebrillte Frau mit Teetasse und Löffel in den Fingern ausdrückte. Niemand kannte nämlich die Wörter.
„Was denn für Wörter?“ war die einzige Frage, die sich mir stellte und ich warf sie den noch immer verdutzten Gesichtern zu. (Vielleicht waren sie auch verdutzt, weil ich überhaupt sprechen konnte, oder vielleicht auch, weil plötzlich wieder der Ventilator ansprang und die kleine Fliege zerfetzte).
„Hier, schauen Sie. „Poltieren“. „Fikantifikation“. Oder dieses hier: „Galmuth“. Was sind das denn für Wörter?“
Sehr ausführlich betrachtete ich die Liste, versuchte mich zu erinnern und hörte in meinen Gedanken doch nur den Teelöffel der kleinen Frau, mit dem sie laut polternd in der Teetasse rührte.
„Ich kenne diese Wörter auch nicht“, gab ich zu und um es zu verdeutlichen, zuckte ich mit meinen Schultern, wobei mir auffiel, wie sich mein ganzer Körper durch das bisherige Sitzen in dieser Redaktion versteift hatte.
„Aber ich muss doch wenigstens die Wörter kennen, die ich für meine Berichte nicht benutzen darf!“, beschwerte sich der dicke schwitzende Mann.
„Haben wir nicht einen, der mal studiert hat?“, fragte jemand.
Die Frau im Blazer schaute skeptisch. „Bent? Ich weiß nicht, die hellste Kerze ist er eigentlich nicht gerade. Aber fragen kostet ja nichts. Hey Bent, komm mal kurz her.“
Ein Mann um die dreißig Jahre, erhob sich und stoß zu uns. Eine schwere altmodische Hornbrille balancierte auf seiner Nase. Die junge Dame zeigte ihm die Liste.
„Hm. Also, Poltieren sagt mir etwas. Ist das nicht ein anderes Wort für!“§$%&/()=?* ( Dieses Wort ist momentan nicht erwünscht, Anmerkung des Zensors) ?“
Die Frau errötete leicht. „Also deshalb kenne ich es nicht.“
„Und dieses hier. „Breilung“. Ich glaube das schon einmal gehört zu haben. Die Sprayer benutzen das, habe ich mal gehört. Aber „Galmuth“ sagt mir überhaupt nichts. Am besten wir halten uns einfach an die neue Liste und verwenden diese Wörter nicht mehr.“
„Alle Wörter?“, sangen die Redakteure als Chor. Eine Putzfrau fegte derweil die Überreste der Fliege mit einem Besen davon.
„Wörter, die einem nichts sagen, sind ja wohl eher schlecht als gut, oder?“
Und damit war die Debatte erledigt. Eifrig wurde jemand auserkoren die Liste zu kopieren und sie überall im Haus zu verteilen. Auf die Frage, warum das nicht gleich der alte Mann gemacht habe, wurde mir ein Achselzucken verabreicht.
Also tat ich wie befohlen, kopierte die Liste, verteilte sie und zog mich schließlich wieder in meine Nische zurück. Doch irgendwie konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Etwas war in Gang gesetzt worden.
Plötzlich fiel ein Körper an meinem Fenster entlang. Ein lauter Aufprall und hupende Autos waren zu vernehmen. Sofort wusste ich was passiert war, doch ich rührte mich nicht. Ich musste an die Fliege auf dem Ventilator denken.
Später durfte ich nach Hause gehen. Ich vermied es, die Absturzstelle des Mannes zu betrachten. Mittlerweile tuschelte die ganze Redaktion über diesen Mann. Und wie sein letzter Arbeitstag nach über 40 Jahren geendet hatte. Doch erst jetzt erfuhren die meisten seiner Kollegen seinen Namen. Aber es spielte keine Rolle mehr. Am nächsten Morgen erschien dieser Name auf der echten Liste der schlechten Wörter. Der Ventilator lief wieder, eine unverbrauchte Fliege summte herum und die Langeweile stolzierte wie ein Schwan zwischen den Gängen.
Ich starrte weiter aus dem Fenster heraus, spürte, wie mein Mund trocken wurde und ritzte mit meinem Taschenmesser ein kleines Wort in den Holzrahmen.
Galmuth.
Ronny Thon
„Nach dem Abitur absolvierte ich 2010/2011 ein Freiwilliges Soziales Jahr und anschließend ein halbes Jahr Bundesfreiwilligendienst in einem Altenpflegeheim. Zwischen 2012 und 2015 erlernte ich den Beruf des Altenpflegers. 2017 begann ich an der Universität Erfurt Geschichte als Hauptfach und Literatur als Nebenfach zu studieren und erreichte 2021 darin den Bachelor. Im Anschluss studierte ich an derselben Universität Transkulturelle Geschichtswissenschaften und schloss 2023 mit dem Master ab. Gegenwärtig studiere ich im Master Filmwissenschaft und Kunstgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.“
Bibliografie
2017 Erster Platz im Kurzgeschichtenwettbewerb des Fachschaftsrats Literaturwissenschaft der Universität Erfurt mit der Geschichte „Tabu“
2018 Veröffentlichung der Kurzgeschichte „Tägliche Kontrolle des Wasserstands“ in „hEFt“-Ausgabe 52, Juli
2020 Veröffentlichung der Kurzgeschichte „Schatzsucher“ in der Anthologie „Schatz“ im Rahmen eines Wettbewerbs des Literareon-Verlags
2021 Veröffentlichung der Kurzgeschichte „Regentanz“ in der Rubrik „Literatür“ auf der Homepage des Verlags „Kul-ja! Publications“→ https://www.kul-ja.com/die-literatuer/
Mai 2022-März 2023 Mitarbeit am Motion Comic „Die Dichte von Freiheit“ im Rahmen des Projekts „MoCom Memorys. Motion Comics als Erinnerungsarbeit“→ https://mocom-memories.de/die-dichte-von-freiheit/
2023 Veröffentlichung der Kurzgeschichte „Loch an Loch“ im Begleitmaterial zum Motion Comic „Die Dichte von Freiheit“, beides soll im Schulunterricht (v.a. im Fach Geschichte) Anwendung finden und ist auf der Webseite des Projekts kostenlos herunterzuladen
März 2024 Veröffentlichung der Kurzgeschichte „Galmuth“ in Palmbaum, Heft 1/2024 (ISSN 0943-545X)→ https://www.literaturland-thueringen.de/artikel/palmbaum-1-2024-zum-thema-welterbe-thueringen-glanz-elend-der-kleinstaaterei/
Herbst 2024 (geplante) Veröffentlichung des Romans „Der Filmkritiker“ im Verlag „Kul-ja! Publications“→ https://www.kul-ja.com/autoren/
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