Mariam Kaba für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Hinter der Zeit rennt ein Schatten
Im stetigem Rhythmus der tickenden Zeiger treibt er sie voran, drückt und schiebt gegen die dicken Nadeln. Mit jedem Schritt eine weitere Sekunde, Minute, Stunde, die vergeht, den Atem der Erde bewegt. Der Schatten schwitzt und keucht und bleibt nie stehen, seine Beine stets in Bewegung.
Hinter der Zeit rennt ein Schatten. Er drückt und schiebt gegen die dicken Zeiger und treibt sie voran.
„Warum rennst du?“ fragt die Zeit den Schatten eines Tages..
„Warum rennst du mir hinterher? Drückst und schiebst gegen meine Zeiger, obwohl dein Leib schwitzt, dein Atem zittert?“
„Weil ich muss,“ keucht der Schatten, seinen Lauf nicht unterbrechend. „Wenn ich nicht renne, hinter dir, wer treibt dich dann voran? Wer sorgt dafür, dass der Atem der Welt weiter im Rhythmus deiner Zeiger tanzt?“
Die Zeit genervt. „Ich verstehe. Du gehörst zu jenen Kleinen, die wünschten, sie könnten mich kontrollieren. Erlaube mir dein Leben zu vereinfachen und dir zu zeigen, dass deine Wünsche vergebens sind. Dumme Seele, die du bist, lass mich dir offenbaren, was sehen du solltest.“
Die Zeit zeigt dem Schatten eine Szene, einen kurzen Moment in ihrer unendlicher Existenz:
Unter dem Big Ben stehen zwei Figuren. Max und seine Freundin. Beide in ihrer Bewegung erstarrt. Max die Augenbrauen zusammengezogen, die Lippen zu einer Linie verzogen. Seine Freundin mit den Armen um ihren Körper geschlungen. Wie zum Schutze.
Max ist sauer. Verletzt. Sein Herzschlag pocht zu laut in seinen Ohren, sein Mund schmeckt nach Metall. Hinter den Augen scharfes Brennen, Tränen, die verlangen die Freiheit des Tageslichts zu erfahren. Aber Max hält sie zurück, drängt sie zurück in die Höhlen seiner Augen, weil seine Verletzlichkeit zu schwer wiegt, als dass er sie wie nasse Spuren auf seiner Wange zeigen könnte. Stattdessen öffnet er den Mund, spricht Worte, die er gar nicht meint, von denen er nicht weiß woher sie kommen. Er weiß nur, dass er nicht der Einzige sein will, der diesen Schmerz zwischen seinen Rippen fühlt.
Die Zeit zeigt dem Schatten den Moment, in dem ein weiteres scharfes Wort Max Lippen verlässt. Den Moment, in dem Max sieht, wie seine Freundin ihre Arme fester um sich schlingt, versucht nicht zurückzuweichen, ihr Körper schwingend. Ein Grashalm gegen skrupellosen Herbstwind, bemüht seinen verletzlichsten Part vor den sonst doch so sanften Berührungen zu schützen.
Die Zeit zeigt dem Schatten genau den Moment, in dem Max bereut. Versucht den Fluss Zerstörung, der aus seinem Mund kommt zu stoppen, hofft er könnte die Zeit in ihrem Lauf aufhalten, ihre Zeiger zu einem Moment zurückdrehen, in dem er entscheidet seinen Tränen freie Bahn zu lassen. Die Worte, die seiner Zungenspitze entweichen sanft wie Sommerwind schmecken zu lassen. Salzig und die Stille Bitte um Vergebung in ihrer Luft.
Die Zeit zeigt dem Schatten, den Moment, in dem Max ein einzelner Wunsch durch den Kopf hallt.
Ich wünschte, ich könnte die Zeit anhalten.
Die Szene verblasst.
„Siehst du, was zeigen ich dir will?“ fragt die Zeit.
Der Schatten schüttelt den Kopf. „Du brauchst mich. Genau wie er. Ohne mich wären deine Zeiger still, auf ewig. Die Welt erstarrt in ihrem Atem. Keine Chance auf Vergebung, Liebe ein Phantom. Der Dank der Welt gebührt mir, aber ich fordere ihn nicht ein. Ich renne nur weiter, treibe still die Zeit voran.“
Die Zeit empört. „Dank gebührt nicht einem von euch. Ich brauche dich nicht, meine Macht ist unbegrenzt! Ob du rennst oder stehst hat keine Bedeutung! Stolze Seele, die du bist, lass mich dir offenbaren, was zu sehen du verkennst!“
Die Zeit zeigt dem Schatten eine Szene, ein kurzer Moment in ihrer unendlichen Existenz:
Ein Flughafen in Amsterdam. Ein Mann in der Uhr.
Unter ihm eine Frau auf einem der metallenem Sitzen. Sie blickt ängstlich auf die Gestalt in der Uhr, die in regelmäßigen Abständen die Zeiger abwischt und neu aufzeichnet. Mit jeder Bewegung des Mannes, jedem neu aufgezeichnetem Zeiger tippt ihr Fuß schneller gegen den dreckigen Boden, ihre Finger schwitzen stärker gegen ihren Koffer.
Sie senkt den Blick auf ihre Hände. Ihre Augen haften auf dem Ticket in der rechten schwitzigen Hand. Auf den schwarzen Zahlen, die ihr Herz rasend in ihrer Brust pochen lassen. 00:00 Uhr. Boarding Time.
Noch 5 Minuten.
Ihre Augen wandern zurück zu dem Mann in der Uhr, der den den schwarzen Farbpinsel gerade neu ansetzt. Vier Minuten. Sie bildet sich ein, sie kann das dumpfe Geräusch, das der Pinsel gegen das Glas der Uhr macht, hören, den Farbgeruch leicht in der Luft riechen. Die Atmosphäre um sie herum summt in einer gewissen Aufregung. Links und rechts Leute, die zu ihren Gates hasten, umkehren oder sich suchend umschauen.
Und mitten im für Flughäfen gewöhnlichen Chaos, sie. Mit pochendem Herzen und schwitzenden Händen. In 4 Minuten verschwindet auch sie hinter dem Gate. In den sterilen Tunnel, der ihre Gedanken nur noch lauter echoen lässt. In das Flugzeug. Und dann….
Daran will sie nicht denken. Seit Monaten weiß sie, dass sie es hinter sich bringen muss. Und letzte Woche hat sie endlich die Entscheidung getroffen. Sie weiß, was nach dem Flugzeug auf sie wartet wird ihr ganzes Leben bestimmen. Ein kleiner Moment in der Unendlichkeit von Zeit, der den Rest ihrer endlichen Zeit bestimmt. Beim Gedanken daran wird ihr schlecht. Sie will am liebsten für immer hier sitzen bleiben. Sie fühlt sich nicht bereit. Wenn sie doch nur hier sitzen bleiben könnte, bis ihr Herz sich beruhigt hat und ihre Hände trocken sind. Ein paar mehr Sekunden. Oder Stunden. Oder Jahre.
Die Zeit zeigt dem Schatten den Moment, in dem der Mann in der Uhr den Pinsel für den Tag ein letztes Mal ansetzt und ein einsamer Gedanke durch den Kopf der Frau schallt, wie sonst nur in Flugzeugtunneln.
Ach, wie wünschte ich, ich könnte die Zeit anhalten.
Die Szene verblasst.
„Siehst du, was zeigen ich dir will?“ fragt die Zeit.
Der Schatten schüttelt den Kopf. „ Ein rasendes Herz, eine schwitzende Hand für einen Hach einer Ewigkeit ist besser als eine Ewigkeit in Starre. Ich renne, damit ein Hauch ein solcher bleibt. Aber sorge dich nicht um mein Wohlergehen. Der Sinn meiner Existenz liegt hier. Ich bin hier, ein Schatten, ohne Fleisch und ohne Leben, um der Erde meine Dienste zu erweisen.“
Die Zeit spöttisch lachend. „Ich brauche dich nicht, habe es nie getan. Ob du stehst oder rennst, schwitzt oder zitterst beeinflusst mich nicht. Dein Wohlergehen kümmert mich nicht. Meine Zeiger ticken immer weiter, Sekunden Stunden und Tage vergehen, ob du es willst oder nicht. Wahrlich, deine Existenz ist unbegründet, deine Kontrolle eine Farce. Naive Seele, die du bist, lass mich dir offenbaren, was zu sehen du dich weigerst.“
Eine Szene der Zeit. Ein kurzer Moment in ihrer unendlichen Existenz:
An dem Handgelenk einer Fotografin tickt eine Uhr. Der melodische Ton fliegt durch die schwüle Sommerluft. Die Fotografin steht im dichten Grün eines Waldes, ihr Körper still, ihr Atem ruhig, ihre gesamte Konzentration auf die Kamera vor ihrem Auge gerichtet. Ein Auge geschlossen, blickt sie mit dem anderen auf die Landschaft, die sich vor ihrer Linse erstreckt.
Blumen, die in lauten Farben aus der Erde springen, helles Grün der Bäume im Gold der Sonne. Das Gluckern des Flusses, das wie ein Bild in der Luft liegt. Zarte Sonnenstrahlen reflektieren sich auf der Wasseroberfläche, tränken die Luft in funkelndes Licht.
Und dann ein einsamer Schmetterling, der durch die Idylle fliegt.
Die Zeit zeigt dem Schatten den Moment, in dem sich ein klares Bild in der Linse zeigt.
Der Moment, in dem die Kamera im Rhythmus des Flügelschlages atmet. Der Schmetterling durch die glitzernde Luft, Sonnenlicht das sich auf seine Flügeln sammelt wie Hoffnung auf einem Traumfänger. Und für einen kleinen Moment fühlt die Fotografin sich als hätte die Linse ihrer Kamera die Zeit angehalten. Für einen kleinen Moment existieren für die Fotografin nur sie, die Kamera und der kleine Moment von jetzt. Das Jetzt, in dem Sonnenstrahlen zart über Flügelspitzen streichen und grünes Gras im Wind tanzt.
Und noch bevor das Klicken ihrer Kamera die Idylle unterbricht, gräbt sich ein Gefühl von Nostalgie in ihrer Brust ein. Die Art von Nostalgie für einen Moment, der noch gar nicht vorbei ist. Die beim Gedanken, dass dieser Moment von Frieden nicht für ewig bleibt, entsteht. Und ein einzelner Wunsch hallt in den Tiefen ihres Herzens.
Wie ich wünschte, ich könnte die Zeit für immer anhalten.
Die Szene verblasst.
Stille. Die Art, die Glieder erschwert.
Der Schatten hält inne. Das Bild von der Kamera, die glaubt, ein Stück Zeit eingefangen zu haben vor ihm.
Seine Schritte werden langsamer, sein Atem ruhiger.
Und dann bleibt er stehen. Gibt seinen Lauf gegen die Zeit auf.
Und die Zeig tickt weiter. Von den Taten des Schatten unberührt.
„Siehst du, was sagen ich dir will?“
Der Schatten auf seinen Knien, vor den mächtigen Zeigern der Zeit. Etwas wie Verzweiflung bahnt sich durch seine Konturen.
„Meine Existenz…ohne Sinn. Ich bin für dich ein Schatten geworden! Habe das Mensch-Sein, das Träumen geopfert um der Welt zu dienen! Und wofür? Für die Illusion von Kontrolle? Wer bin ich wenn ich dir nicht hinterherrenne?“
Er flüstert zu sich selbst. „Wer bin ich, wenn ich der Zeit nicht hinterherrenne?“
Die Zeit traurig. „Arme Gestalt, glaube mir, du bist nicht der erste Schatten, der mir hinterher rennt. Millionen verstecken sich in meinem Schatten, verbringen die kleine Ewigkeit, die ihnen bleibt damit hinter mir her zu hasten. Versuchen mich zu kontrollieren. Als wäre es vorbestimmt, als hätten sie keine andere Wahl. Ein trauriges Schicksal, findest du nicht?
Weil es am Ende nichts ändert. Weil egal was ihr, die in meinem Schatten sich verstecken, macht, denkt, fühlt, hofft, ob ihr vor oder hinter mir rennt, ob ihr mir nachtrauert oder mich fürchtet, es ändert sich nichts. Ich laufe immer weiter.
Einsame Seele, die du bist, lass mich dir offenbaren was sehen du musst.“
Die Zeit zeigt dem Schatten ein letztes Bild.
Ein Mädchen, das unter dem stetigen Ticken des Big Ben ihrem Freund den Rücken zuwendet.
Ein Flugzeug in Amsterdam, das in die Wolken aufsteigt, während der Mann in der Uhr sich bückt um einen neuen Pinselstrich anzusetzen.
Ein Schmetterling, der vorbeifliegt, eng an der tickenden Uhr an dem Handgelenk einer Fotografin.
„Ich laufe immer weiter. Sag, wirst du aufhören hinter mir zu laufen? In der kleinen Ewigkeit, die dir bleibt, läufst du lieber mit mir?“
Mariam Kaba
Veröffentlichung im Sammelband des Care Schreibwettbewerbs 2023 „Was Dich Hält“
