Was ist Zeit?

Luna Day für #kkl39 „Hinter der Zeit“





Was ist Zeit?

Die Treppen hinunterzurennen, um den Bus nicht zu verpassen ist nicht nur eines der Dinge, die ich an diesem Morgen tue, um nicht zu spät zur Arbeit zu kommen. Aber gerade abgehetzt um die Ecke kommend sehe ich die orangen Lichter, die immer kleiner wurden und an der nächsten Abbiegung komplett verschwinden.

Ich fluche. »Fünf Minuten.« So viel Zeit hatte ich jetzt, um zur U-Bahnhaltestelle zu hetzen, um diese Bahn zu erwischen.

In diesen Moment hasse ich mich wieder selbst, weil ich erstens gerne die Schlummertaste verwende und ich es zweitens noch immer nicht geschafft habe, mich an den Führerschein zu machen. Sicherlich mitten in der Stadt sind Bahn, U-Bahn und Bus nicht weit entfernt und es war bisher unsinnig, aber dann gibt es diese Tage wie heute, wo ich von A nach B hetze und nur Rücklichter sehe. Und genau diese nehmen gerade zu.

Die Treppen hinunter. Die Anzeige sagt noch eine Minute. Das müsste ich schaffen. Noch nach recht abbiegen und wieder Stufen.

»Nein, Nein, Nein«, rufe ich aus. Das Metallkollos schließt die Türen und auf der letzten Stufe rollt er los. Wieder fluche ich und das nicht gerade wenig. Die nächste kommt in zwölf Minuten. Ich komme zu spät zur Arbeit und das ebenfalls nicht das erste Mal diese Woche und wir haben erst Dienstag. Schnell rufe ich meine Kollegin an.

»Hallo«, kommt aus der Leitung.

»Susi …«

»Verarscht. Leute, ich bin beschäftigt, werde mich also erst später melden.« Und damit kommt das Piepen des Anrufbeantworters.

Toll! Nicht!

Ich laufe hin und her. Immer wieder sehe ich auf die Anzeigetafel, gefühlt geht die Zeit nicht weiter. Sicher, jetzt, wo ich brauche, dass es schneller geht, macht sie extra langsam. Zehn Minuten. »Mach schneller«, knurre ich.

»Wie meinen?«

Ich blicke auf einen Mann, der auf der Bank sitzt und mich erwartungsvoll ansieht. »Ich habe nicht Sie gemeint.«

»Aber ich bin als Einziger hier.«

»Ich meinte, die Zeit soll schneller machen.«

»Ah, verstehe, Sie laufen der Zeit hinterher.«

»Nein, die ist gerade zu langsam.«

»Gut, dann laufen sie ihr gerade vor.«

Ich schüttel meinen Kopf. Den Alten lasse ich einfach reden.

Auf einmal steht er auf und reicht mir eine Uhr. »Hier.«

»Danke, aber ich habe ein Handy, da ist eine Uhr drin.«

»Neumodischer Schnickschnack, daran geht die Zeit doch verloren.«

Ich drücke seine Hand mit der silberfarbenen Taschenuhr zu ihm zurück. »Es ist ausreichend.«

»Ihr Menschen versteht einfach nicht, dass ihr nicht die Zeit bestimmt. Sie hat ihren eigenen Rhythmus.« Das Gehäuse hebt er neben meinem Ohr. »Höre das Tick Tack, dass bestimmt die Zeit, nicht du oder jemand anderes. Hört auf hinterherzurennen und findet euren Takt, der im Einklang mit der Sekunde ist.«

Ich will den Arm wegdrücken, doch ich greife ins Leere. Plötzlich ist alles voller Menschen, die gehetzt die Gleise entlang blicken. Verwirrt sehe ich mich um. Wo war der alte Mann hin und warum hatte ich die anderen zuvor nicht bemerkt?

Mein Blick geht auf die Anzeige. Noch sechzig Sekunden. Wo waren die letzten Minuten auf einmal hin?

Die Bahn rollt ein und öffnet die Tür. Ich schüttle meinen Kopf und steige ein. Vermutlich bin ich kurz eingenickt.

Nach drei Stationen höre ich den Schaffner: »Fahrausweise bitte.«

Ich hole aus meinem Rucksack meinen Geldbeutel. Verwundert sehe ich darin die alte Taschenuhr liegen. War das doch kein Traum? Vorsichtig greife ich danach und spüre das kurze Bewegen jeder Sekunde. Beruhigend. Was hatte der alte Mann gesagt?

Wir rennen alle der Zeit hinterher.

Ich blicke zu den Mitreisenden. Einige sehen immer wieder aufs Handy, andere auf ihre Armbanduhr, ein paar wippen nervös mit ihren Beinen.

»Fahrausweis, bitte«, reißt mich der Schaffner, der jetzt neben mir steht, aus meinen Gedanken.

»Was? Auch so, ja.« Aus meinem Geldbeutel hole ich die Karte und reiche sie ihm. Er kontrolliert, nickt und geht weiter.

Je mehr ich die Menschen auf der Fahrt beobachte, umso mehr wird mir klar, dass ich nicht die Einzige bin, die der Zeit hinterherläuft. Aber wie lebt man mit der Zeit und nicht dagegen? Das ist wohl die große Frage, um ein entspanntes Leben zu führen. Doch ist nicht die ganze Welt darauf ausgerichtet, hinterherzulaufen?




Luna Day wurde 1982 in Wertingen geboren und wuchs in Augsburg auf, wo sie immer noch mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie durch Harry Potter und Roll-Play-Games-Fanfiction in Foren. Sie verfasst Kindergeschichten, aber auch Fantasy- und Liebesgeschichten. Trotz ihrer Lese-Rechtschreib-Schwäche hat sie bereits einige Geschichten in Anthologien unterbringen können. Ihre erste Novelle erschien im März 2021.Ausschreibungen






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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