Nur ein Moment

Kevin Yves Fonding für #kkl39 „Hinter der Zeit“




Nur ein Moment

Ein schrilles Piepen drängte sich in meine Gedanken. Der Nebel in meinem Kopf löste sich langsam auf. Schwerfällig wuchtete ich mich zur anderen Seite und presste meine Augenlider auseinander. Schlagartig wurde ich hellwach, als ich die Uhrzeit auf dem Display des Weckers sah: 7:17. Die Zeit lief mir voraus.

 Ich hämmerte meine Hand auf ihn, bis das schrille Piepen verstummte, und fiel dabei aus dem Bett. Orientierungslos kämpfte ich mich durch den dichten Kleiderschrank, während hinter mir auf dem Bett der Klamottenstapel immer größer wurde. Mir fehlte die Zeit, um unentschlossen sein zu können.

Vor dem Spiegel hielt ich mir zwei Outfits abwechseln vor mich. Ganze drei Wechsel waren notwendig, bis ich mich für eines entschieden hatte. Drei Wechsel, die mich im Wettlauf gegen die Zeit weiter zurückfallen ließen.

In der Küche lagen mein Laptop und eine Tasche mit groß ausgedruckten Vortragstafeln bereit. Mein Magen meldete sich mit einem tiefen Grummeln. Ein Blick in den Kühlschrank genügte, um zu wissen, dass er nicht befriedigt werden würde. Darin befand sich lediglich ein Pastrami-Sandwich, auf das ich mich schon seit gestern freute und es als Belohnung für meine gehaltene Präsentation aufbewahrte. Ich packte es ein und stürmte hinaus.

Schweratmend lief ich zur Bahnstation, die sich nur zwei Minuten von mir entfernt befand. Die Bahn stand bereits am Bahnsteig. Ich stapfte die Treppen zum Bahnsteig hinauf, wobei ich immer eine übersprang. Fast hatte ich es geschafft. Die Tür stand noch offen, aber das Signal zum Schließen ertönte. Ich knallte gegen die geschlossene Tür und drückte verzweifelt auf den Knopf. Die Tür blieb verschlossen und die Bahn setzte ich langsam in Bewegung. Ein Blick auf mein Handy zeigte mir, dass die Zeit an Vorsprung gewann. Es zeigte bereits 7:36 an. Ich konnte nicht mehr auf die nächste Bahn warten. Ein Taxi musste her.

Das Rumoren meines Magens konkurrierte gegen das Ticken in meinem Kopf, als ich in der Kälte auf meine Rettung wartete. Das Sandwich lag nur einen Handgriff von mir entfernt. Nur ein Biss: Den Rest könnte ich mir dann immer noch für nach der Präsentation aufheben. Langsam fuhr meine Hand in die Tasche und ertastete die Alufolie, in die das Sandwich eingepackt war. Das Taxi bog jedoch schon in die Straße ein.

Scheiße, mein Handy zeigte 8:03 an, als ich vor dem gläsernen Bürogebäude ausstieg. Schnell lief ich hinein und stand vor den Aufzügen. Unkontrolliert tippelte ich mit meinem Fuß auf den Boden herum und beobachtete dabei, wie die gelben Punkte auf der Anzeige viel zu langsam von sechsundvierzig nach unten zählten. Mein Handy zeigte 8:05 an. Ich beschloss, die Treppe zu nehmen.

Keuchend stürzte ich ins Foyer. Barbara, die Dame hinter dem Empfangsschalter, sah mich besorgt an.

„Morgen Barbara“, sagte ich schwerfällig. „Ist der Vorstand noch da? Ich weiß, dass ich zu spät bin, aber zuerst habe ich verschlafen. Dann ist auch noch die Bahn ausgefallen.“

„Beruhig dich“, sagte sie vergebens.

„Der Taxifahre hat dann auch noch ewig gebraucht. Ich glaube, er ist extra einen Umweg gefahren, um mir mehr Geld…“

„Ruhe jetzt“, sagte sie schroff, bevor sie wieder ein freundliches Grinsen aufsetzte. „Das Meeting wurde auf zehn Uhr verschoben. Hast du denn deine Mails nicht gelesen?“

„Meine Mails?“, stammelte ich. Freudig atmete ich aus. „Das ist wunderbar. Dann habe ich ja noch genug Zeit, um alles vorzubereiten.“

Penibel hatte ich den Konferenzraum vorbereitet. Minutenlang schob ich die Flaschen auf dem Tisch herum, bis ich das Gefühl hatte, dass sie richtig standen. Meine Vortragstafeln standen in einem fünfundvierzig Grad Winkel zum langen Tisch gerichtet aus. Mit zittriger Hand steckte ich das Kabel des Beamers erst nach mehrfachen Versuchen richtig in meinen Laptop ein. Ich schaltete ihn an, doch die Wand blieb weiß. „Scheiße, Scheiße, Scheiße“, sagte ich vor mich hin, während ich mich durch die verschiedenen Bildschirmeinstellungen wühlte. Die Zeiger der Uhr im Konferenzraum polterten gnadenlos und zeigten bereits 8:56 an.

Schweren Schrittes stapfte ich zu Barbara. „Könntest du den Tech-Support anrufen?“ Sie sah mich verdutzt an. „Der Beamer funktioniert nicht und meine Präsentation ist in einer Stunde.“

Ich versank förmlich im Sessel des Foyers, während ich Barbara dabei beobachtete, wie sie telefonierte. Mein Magen knurrte wie eine wilde Bestie. Nur einen Moment vor der großen Präsentation hätte ich gebraucht. Einen Moment der Ruhe in dieser Hetzjagd gegen die Zeit. Barbara legte auf und ich stürmte sofort zu ihr.

„Es tut mir leid“, sagte sie. „Aber die können erst in drei Stunden jemanden schicken.“ Wie ein nasser Sack fiel mein Körper in sich zusammen. „Aber vielleicht versuchst du im Elektroladen nebenan, einen neuen zu kaufen.“

Eine kleine Klingel am Eingang kündigte mein plumpes Eintreten an. Der Laden war klein und bestand lediglich aus einem Kassenbereich und fünf Regalen mit Techniksachen. Ich stellte mich an der Kasse an, wo ein Mann gerade einen Beamer kaufte.

„So einen nehme ich auch“, sagte ich schweratmend.

„Tut mir leid, aber das hier ist der Letzte“, sagte der dickbäuchige Verkäufer, während er die Ware für den Mann einpackte.

„Nein, das kann nicht sein. Gucken Sie bitte noch einmal im Lager nach. Es ist wirklich wichtig.“

„Das hier ist ein kleiner Laden. Wir bestellen kleine Stückzahlen und, glauben Sie mir, die habe ich gut im Blick. So bitte.“ Er übergab die Tüte an den Mann, der sich auf dem Weg nach Draußen begab.

„Haben Sie Irgendeinen anderen Beamer? Es muss nicht genau dieser sein.“

„Leider nicht. Alle ausverkauft.“

Ich knirschte lautstark mit den Zähnen, sodass ich Angst hatte, sie würden zersplittern. Ein Blick auf mein Handy zeigte 9:36 an. „Ey, bitte warten Sie kurz“, rief ich dem Mann, der gerade den Beamer gekauft hatte, hinterher und fing ihn an der Tür ab. „Entschuldigen Sie die Störung, aber ich brauche den Beamer wirklich sehr dringend. Würden Sie ihn mehr verkaufen?“

Kritisch beäugte er mich von unten nach oben. „Ich brauche ihn ebenfalls“, sagte er schroff.

„Ich wäre bereit, Ihnen mehr dafür zu zahlen.“ Ich zückte mein Portmonee und zählte die Scheine. „Wie viel?“

Gedudlig beobachtete er die Scheine, bevor er antwortete: „Dreihundert.“ Ich schaute auf das Preisschild. Er wollte mir das Dreifache abknüpfen. In meinem Kopf tickte es. Widerwillig legte ich ihm die Scheine trotzdem in die Hand.

Alles war vorbereitet. Der Beamer funktionierte. Mit speichelbesetztem Mund stand ich vor dem Snackautomaten und wartete darauf, dass der Schokoriegel endlich ausgeworfen werden würde. Die Uhr zeigte 9:46, noch genug Zeit für einen kurzen Moment und einen kleinen Snack.

Das Bimmeln des ankommenden Fahrstuhls ertönte. Ich vernahm Gemurmel aus dieser Richtung. Barbara stellte sich aufrecht hin und empfing die Mitglieder des Vorstandes. „Zu früh“, schimpfte ich. Der Schokoriegel hatte sich fast aus der Spirale gelöst. So lange konnte ich nicht mehr warten. Ich musste vor ihnen im Konferenzraum sein.

Während die Mitglieder sich setzten, versuchte ich, meine klammen Hände an meiner Hose zu trocknen. Langsam wurde es stiller. Ihre Blicke fokussierten mich.

„Herzlich willkommen“, startete ich. „Ich hoffe, Sie haben gut hergefunden. In Anbetracht Ihres frühzeitigen Erscheinens gehe ich mal davon aus, dass es so war.“ Ich lachte nervös, doch ihre Gesichter blieben hart. Ich drückte auf meine Fernbedienung und präsentierte die erste Seite, auf der ein verwackeltes Foto zu sehen war. „Wir alle haben schon einmal ein Foto gemacht, nur um im Anschluss feststellen zu müssen, dass es durch die Bewegung verwackelt ist. Der Versuch, einen echten, lebendigen Moment einzufangen, ist damit meistens gescheitert. Was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass es eine Kamera gibt, die jeden Moment perfekt einfängt, unabhängig davon, wie viel Bewegung in dem Bild steckt. Ein perfekt eingefangener Moment, bei dem die Zeit für immer stillsteht. Ein Moment…“

Einer der Mitglieder hob seine Hand. „Es tut uns leid, aber die Firma muss Kosten sparen. Wir glauben nicht, dass eine Kamera heutzutage noch großen Gewinn einfahren kann.“

Wie in Zeitraffer standen sie auf und hatten nur wenige Momente später den Raum verlassen. Besiegt sank ich auf den Stuhl und holte mein Sandwich aus meiner Tasche. Der Moment war gekommen. Ich hatte Ruhe. Nach einem großen Biss drängte sich ein Grinsen in mein Gesicht, bevor es im nächsten Moment wieder verschwand. Der Moment war bereits wieder Vergangenheit geworden. Es gab keine Sieger im Wettrennen gegen die Zeit.




Kevin Yves Fonding oder mit bürgerlichem Namen Kevin Henne ist am 28.01.1995 in Hagen geboren. Momentan lebt er in Dortmund und arbeitet als Lehrer für Geschichte und Philosophie an einer Gesamtschule in Wuppertal, wo er regelmäßig eine AG für Kreatives Schreiben anbietet, um seine bisher gesammelten Erfahrungen didaktisch aufbereitet an die zukünftige Generation von potenziellen Autorinnen und Autoren weiterzugeben.

Email: k.y.fonding@gmx.de







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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