Wenn die Zeit dich hinter sich lässt

Kia Zweifler #kkl39 „Hinter der Zeit“





Wenn die Zeit dich hinter sich lässt

Ich war schon einige Male an dem neuen Café vorbei gelaufen, da es in unmittelbarer Nachbarschaft zu meiner Stadtwohnung lag. In den letzten Jahren zog ich diese meinem geräumigeren Landhaus vor. Noch immer redete ich mir ein, dass ich hier mehr Unterhaltung in Form von Kulturangeboten, sozialen Events oder irgendwelchen illustren Einladungen nutzen würde. Was nicht stimmte. Ich verlies die Wohnung beinahe nur noch, um mich mit Lebensmittel zu versorgen. Menschen in meinem Alter essen nicht mehr viel.

Mein Arzt erklärte mir, dass ich bei meinem Essverhalten wohl eher an Mangelerscheinungen sterben würde, als an der üblichen Altersschwäche. Frauen leben vielleicht deswegen länger, weil sie für sich selbst kochen.

Obwohl ich mich immer öfter frage, wofür ich mein Ableben hinauszögern sollte, lies mir die Warnung keine Ruhe. Mit meinen Kochkünsten war es nicht weit her. Als meine Frau vor drei Jahren starb, war ich bereits zu alt, um mich nochmals der peinliche Qual des Anfängerdaseins auszusetzen und einen Kochkurs zu belegen. Der Gedanke daran, mich mit irgendwelchen Mitschülern abgeben zu müssen, war ebenfalls nicht dazu geeignet, mich zu einem solchen Unterfangen zu motivieren zu lassen. Schon immer hatte ich mein soziales Umfeld sehr umsichtig gewählt. Mein intellektueller Anspruch an Gesprächspartner sorgte dafür, dass mein Gesellschaftsleben keine allzu große zeitliche Belastung für mich darstellte und mir genug Freiraum lies für meine Arbeit. Diejenigen, die sich meiner Bekanntschaft erfreuen durften, waren rar, verschwiegen, vergeistigt und heute meist tot oder dement.

Auch wenn ich seit geraumer Zeit gar keine nennenswerten Bekannt- oder gar Freundschaften mehr pflege, so kann ich doch mit einigem Stolz auf meine geistigen Hinterlassenschaften zurückblicken.

Angesichts meiner Unfähigkeit in der Küche blieb mir also nichts anderes übrig, als gelegentlich die Leistungen der Gastronomie in Anspruch zu nehmen.

Das war auch für diesen Mittag mein Plan. Ich betrat also dieses neue Lokal, welches in der Kartenauslage mitteilte, während der Mittagszeit eine erkleckliche Menge an Salatkombinationen anzubieten. Glücklicherweise war ich früh genug da, um mir einen angenehmen Platz im hinteren Bereich aussuchen zu können. Ich bestellte bei einem blassen Jüngelchen ein Glas Sauvignon Blanc, Mineralwasser sowie einen Salat mit pochiertem Ei, Champignons und Spargel.

Während des Wartens wollte ich überprüfen, ob ich genug Bargeld dabei hatte. Ein Griff in die Seitentasche meines Jacketts verriet mir, dass sich meine Brieftasche dort nicht mehr befand. Ich war sicher, dass ich sie am Körper hatte, als ich meine Wohnung verließ. Sie kann im Grunde nur hier irgendwo verloren gegangen sein. So beugte ich mich vorne über und untersuchte den Boden unter der Sitzbank. Meine zunehmende Gebrechlichkeit limitierte diese Bemühung. Mit leichtem Schwindel richtete ich mich wieder auf und erschrak. Ich blickte in zwei grasgrüne Kinderaugen. Genauer gesagt handelte es sich bei diesem Kind um ein bereits pubertierendes Mädchen.

„Haben Sie was verloren? Ich kann Ihnen beim Suchen helfen? Ich passe da besser runter, als Sie.“

„Nein, danke, nicht nötig.“ Natürlich hatte ich kein Interesse, diese Interaktion unnötig lange geschehen zu lassen.

„Da ist sie ja.“ Sie legte die Brieftasche vor mich auf den Tisch.

„Kann ich mich zu Ihnen setzen. Alle Tische sind schon. Ich habe meinen Schlüssel vergessen und soll hier warten. Das geht doch, oder?“

Trotz meine reifen Alters gelingt es mir immer noch nicht  gut, meine Bedürfnisse gegenüber andere Menschen hart durchzusetzen. Ich hatte einfach wenig Übung darin.

„Ähm, also, eigentlich …“

„Danke“ und schon saß die Göre da, mit einem unverschämt breiten Grinsen im Gesicht.

 Meine Güte, muss ich mir jetzt Sorgen machen, dass man mich eines pädophilen Motivs bezichtigen könnte? Oder schütze mich mein altersgerechtes Aussehen vor solchen Unterstellungen? Der Umgang mit unerzogenen Kindern war mir stets ein Gräuel.

„Was machen Sie denn hier? Sind sie nicht eigentlich ein bisschen zu alt für den Laden?“

„Es gibt hier etwas zu essen. Hunger wird ja wohl als Grund akzeptabel sein.“

„Absolut. Habe ich übrigens auch. Eigentlich wollte sich meine Mutter heute Mittag freinehmen und Spaghetti machen. Ich muss mich nämlich noch vorbereiten auf eine ätzende Schulaufgabe morgen. Sie wollte mir helfen. Aber sie hat wieder so einen wichtigen Unterschriftstermin. So was ist dann wichtiger als meine Deutschnote.“

„Aha“. Was sollte ich jetzt dazu sagen?

Dummerweise hatte ich vergessen, eine Zeitung mitzunehmen, um mich darin zu verstecken. Doch einfach nur nichts sagend vor mich hinzustarren, das erlaubte mir meine Vorstellung von einem Mindestmaß an Höflichkeit nicht. Und diesen Anspruch an Höflichkeit möchte ich allen Mitmenschen zugestehen, ungeachtet von Herkunft, Rasse, Geschlecht oder auch Alter. Ich bin ein Mensch mit Prinzipien. Da wir nun gemeinsam unfreiwillig an einem Tisch saßen, blieb mir nichts anderes übrig, als zumindest den Versuch zu machen, Konversation zu betreiben.

„Was wird denn das Thema dieser Schulaufgabe sein?“

„Wir mussten einen Roman lesen und sollen dazu morgen alle möglichen Interpretationsfragen beantworten. Und ob Sie’s glauben oder nicht, ich hab ihn sogar gelesen.“

„Wie ist denn der Titel?“

„Hab ich vergessen… irgendetwas mit Familie.“

„Hat dir das Buch gefallen?“

„Also freiwillig hätte ich mir das nicht angetan. In der Schule nennt man das nicht umsonst Pflichtlektüre.“ Wieder das breites Grinsen. „Gruseliges Buch. Soll zeitgenössisch sein, wie meine Lehrerin behauptet. Klingt aber, als hätte der Typ in einem anderen Jahrtausend gelebt. Hat er wahrscheinlich auch.“

„Was gefällt dir denn daran nicht?“

„Der Vater… die Art , wie er über seine Kinder spricht. Kein Hauch von Stolz oder Zuneigung. Es geht nur darum, die Kinder zu folgsamen Soldaten zu formen. Ich bin selbst so alt wie seine Tochter Lena im Roman. Er tut so, als wolle er für sie nur das Beste. Aber in Wirklichkeit behandelt er sie immer von oben herab. So als hätte er alle Weisheit der Welt mit Löffeln gefressen. Ich wäre bei diesem Vater sicher nicht so lieblich und einsichtig gewesen, wie Lena.“

„So?, was hättest du denn an ihrer Stelle getan?“

„Ich hätte ihm krass meine Meinung gesagt und wäre dann irgendwie abgehauen. Man muss schon ziemlich masochistisch veranlagt sein, um solch einen Zeigefinger-schwingenden Moralapostel in seinem Leben ertragen zu können. Ich glaube, ich habe das Buch nur deswegen zu Ende gelesen, weil ich mich so gerne aufgeregt habe über diesen selbstverliebten Pseudo-Gutmenschen, der am Ende auch noch Recht behält. Es hat so rein gar nichts mit unserem Leben zu tun. Völlig Outdated.

 Diese Vehemenz hatte mich dann doch sehr überrascht. Ich versuchte gerade, mir die richtigen Worte zurecht zu legen, als eine Dame zu uns an den Tisch trat.

„So, Süße, ich habe es viel schneller geschafft, als wir uns das erhofft hatten. Der Autor hat heute endlich unterschrieben. Das wird unseren Verlag hoffentlich ein wenig länger über Wasser halten. Wer hat sich denn hier so freundlich deiner angenommen“, sagte sie als meiner gewahr wurde. Ich stand natürlich sofort auf und wollte mich gerade vorstellen, als sie mich mit kreisrunden Augen erkennend und erstaunt ansah. „Oh mein Gott, Klara, wie hast du das hinbekommen? Ich war dir wohl für die Vorbereitung deiner Schulaufgabe nicht gut genug? Ja klar, den Autor selbst zu interviewen, das ist natürlich schon nochmal eine andere Nummer. Guten Tag Herr …. Es ist mir eine große Ehre, Sie persönlich kennenlernen zu dürfen.“










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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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