Astrid Hammerthaler für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Museales
Die Nacht hatte sich bereits über die Insel gelegt, als ich gedankenverloren die kleine Anhöhe hochschlenderte, die zum Dorfbrunnen führte.
Es war stockfinster. Wir hatten Neumond. Nur die spärliche Straßenbeleuchtung half gelegentlich, den Weg nicht zu verlieren.
Da sah ich, dass sich im letzten Haus vor dem Brunnen jemand aufhalten musste. Erstmalig brannte darin Licht. Dieses alte Häuschen hatte ich nie richtig zur Kenntnis genommen. Mit seinen verschlossenen Fensterläden und Türen wirkte es unbewohnt. Oder es war nur ein Sommerdomizil. Hätte ich genauer hingeschaut, wäre mir aufgefallen, dass das Haus dem Verfall preisgegeben war.
Wer mochte sich nun also darin aufhalten?
Langsam kam ich näher. Kein Mensch war zu sehen.
Geräusche machten allein die Dinge, die vom Sturm aufgerüttelt wurden. Dieser schien auch für die Öffnung der Fensterläden und der Tür des kleinen Gebäudes verantwortlich zu sein.
Ich entdeckte, dass es die Straßenlaterne war, die ihr Licht durch das marode, halboffene Dach in das Innere des Hauses geworfen hatte.
Es war einem Scheinwerfer gleich in den Raum hinein gerichtet wie auf eine besonders eindrucksvolle Theaterszene. Das Loch im eingebrochenen Dach wirkte wie ein Trichter, durch das die Beleuchtung einen zielgerichteten Weg in die Mitte des Zimmers fand.
Das Haus beherbergte einen einzigen Raum.
Ein verrostender Kühlschrank lag auf der Seite, als müsse er sich ausruhen. Rechts stand ein tiefes, grün lackiertes Holzschränkchen, das mir so gut gefiel, dass ich es gerne mit nach Hause genommen hätte. Als Rucksackreisende war mir das kaum möglich.
Geröll, Erdhaufen und auch ein paar aberwitzige Pflanzen hatten sich bereits des Raumes ermächtigt. Es roch nach feuchter Erde.
Am Boden lag ein alter, inzwischen unvollständiger Teppich. Ich versuchte mir die Person vorzustellen, die tagaus, tagein mit diesem bräunlichen Muster zu Füssen gelebt hatte.
Und deren Blick sich immer wieder darin verfangen hatte, vielleicht unbewusst.
Weshalb ließ man die Besitztümer hier vermodern? So wie das eigentlich hübsche Häuschen?
Ein Bett konnte ich nicht erkennen, nicht einmal eine alte Matratze.
Aber manche Ecken blieben im Finstern, so sehr ich mich auch bemühte etwas zu erkennen.
Wer mochte hier gelebt haben? Und wann?
Der Raum hatte etwas einladendes.
Er erzählte mir Geschichten, die persönlich waren und die ich diskret behandeln würde.
Alles war eingetaucht in diesen warmen Lichtstrahl, der auf eine verlassene und zunehmend verfallende Privatheit fiel.
Aufgewühlt befüllte ich im Anschluss meine Flasche am Brunnen. Ich hatte das Gefühl, dass sich doch jemand in der Ruine befunden hatte und ich darauf aufmerksam gemacht werden sollte.
Am nächsten Tag schaute ich noch einmal nach dem Haus.
Entlang der oberen Hauskante verlief ein Riss, als habe das gesamte Dach versucht abzuheben. Die Toilette befand sich außerhalb, in einem gemauerten Türmchen. Es hat mich nicht überrascht, dass Fenster und Tür wieder verschlossen waren. Wer hatte das getan? Tatsächlich der Wind?

Später befragte ich eine Nachbarin. Das private Museum sei schon lange unbewohnt.
Zuletzt habe eine Yiayia – eine Großmutter – darin gelebt. Sie sei vor dreißig Jahren gestorben.
Astrid Hammerthaler, geboren in Wasserburg am Inn, in München lebend, fotografiert, schreibt, coacht und begleitet Menschen u.a. mit der Arbeit am Tonfeld®. Zuletzt Veröffentlichungen bei #kkl (u.a. „Kein Hund in der Kirche“) und im Haller Literaturmagazin „Weihnachten“.
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