Daniel Mylow für #kkl39 „Hinter der Zeit“
H I N T E R D E R Z E I T
Irgendwo verhallten die Rufe. Lange Schatten Dämmer fielen über den See. Nervös traten seine Schuhspitzen in den Kies. Das flache Atmen des Windes kratzte an der Haut des Sees. Als der Stein schwarz wurde und der Mond den Tag stahl, ging er.
Die Treppe hatte ganz helle Stufen, aber er sah nur einen schmalen weißen Strich und vor dem Geländer einen Schatten wie auf einem alten Bild. Sie sagte nichts. Er wusste, dass sie schon lange dort gewartet und ihn beobachtet hatte. Ihre Abwesenheit war das Warten. Sie nahm voraus, was er sagen und tun würde. Sie küssten sich und sie ließ ein Gesicht für ihn zurück, dass er ein Gefühl hatte für die traurige Unbewegtheit ihrer Züge und dass er später nicht erschrak, wenn sich ihre Hände voneinander lösten. Die Bilder eines Traumes schwammen wie ein dunkler See vor seinen Augen. Es wurde unaufhörlich stiller. Sie sagte seltsame Dinge hinter ihrem Gesicht, das sie ihm in die Nacht hielt. Der Mond warf schmale Lichtbündel über ihre Augen. Sie weinte nicht. Er hob den Kopf. Es war niemand da, der es ihm erklärte. Ihre Hände waren so kalt, dass es an die Grenze seiner Vorstellung stieß. Er nickte aber, als sie nach einer Stunde sagte, dass es jetzt Zeit wäre zu gehen.
Sie nahm alles, was ihr gehörte. Das waren zwei Kisten in seinem Auto und eine Handvoll Zeit in seinem Leben. Er war dankbar für ihr Schweigen. Seine Erinnerung wusste kein Wort dafür. Sie stieg in ihren Wagen. Die Scheinwerfer rissen Lichtkrater in den Wald. Dann war es still. Er horchte hinaus auf das weiche und metallen glänzende Schimmern des Sees zwischen den Bäumen. Es schien, als sei nur das Ticken einer Uhr verstummt.
Daniel Mylow, 1964 geb. in Stuttgart, Aufenthalte in Düsseldorf, Hannover, Berlin, Krefeld. Studium in Bonn und Marburg. Ausbildung in Kassel. Oberstufenlehrer in Hof und Wernstein, Marburg, Mainz, seit 2018 an der Freien Waldorfschule in Überlingen/Bodensee. Poesiepädagoge und Dozent für Literatur.
Letzte Publikation: Rotes Moor (Poetischer Thriller), Cocon Verlag Hanau 2017. Greisenkind (Roman) net Verlag Chemnitz 2020.
Zahlreiche Publikationen von Lyrik und Kurzprosa in Anthologien und Literaturzeitschriften. Diverse Auszeichnungen, zuletzt 2021 Lore Perls Literaturpreis (Verleihung 2022) und Bonner Literaturpreis. Kempener Literaturpreis 2017, Preis der Sparkassenstiftung Groß Gerau 2017, Merck-Stipendiat der Stadt Darmstadt 2018
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