Die Frau als Friedensgarant oder Perpetuierung des Kriegs?

Dr. Claudia Simone Dorchain für #kkl40 „Friedenskultur“




Die Frau als Friedensgarant oder Perpetuierung des Kriegs?
– Sexistische Rollenstereotype im Rahmen der Friedenskultur

“ Unheil beklagen, das nicht mehr zu bessern, heißt umso mehr das Unheil nur vergrößern.“
„Othello“ von William Shakespeare, I. Akt, 3. Aufzug


Meine erste Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex „Friedenskultur“ fand nicht im universitären Kontext statt, sondern im Rahmen einer theaterpraktischen Tätigkeit. Zu dieser Zeit war ich zweiundzwanzig Jahre alt und fungierte als Statistin am Saarbrücker Staatstheater, welches die Inszenierung von Shakespeares Drama „Othello“ aufführte. Zu Beginn des ersten Aktes wurden die verwundeten Soldaten, die vom siegreichen Feldherrn Othello besiegt worden waren, von ihren Ehefrauen oder Freundinnen betrauert und provisorisch medizinisch versorgt. Auch mir wurde hier die Aufgabe übertragen, einem Verwundeten mit dem Ärmel meines Kleides das Blut abzuwischen und ihm Wasser in einem Becher zu reichen. Diese Tätigkeit war einfach, aber dennoch unerträglich: Ich verspürte eine große Wut in mir aufsteigen. Erst später erkannte ich den Grund dafür: Die Hilfe, die die Frauen gemäß ihrer Rolle anbieten mussten, war keine liebenswürdige karitative Tätigkeit, sondern in Wahrheit eine Bedingung der Gewalt. Das Aufpäppeln und Zusammenflicken der Verwundeten stellte eine Gefälligkeitshandlung im Kontext der fortwährenden Gewalt des Kriegs dar, eine Gefälligkeitshandlung, die das Gewaltverhältnis nicht unterbricht und erst recht nicht beendet, sondern aufrechterhält. Durch die fürsorgliche Betreuung der verwundeten Krieger wurden die scheinbar hilfreichen Spontan-Sanitäterinnen zu unverzichtbaren Akteurinnen im Kriegsgeschehen. Sie gewährleisteten faktisch die Aufrechterhaltung der Krieger und somit in der Konsequenz die Fortführung des Krieges.

Frauen wurden hier stereotyp in die Rolle der Unterstützerinnen nicht des Friedens, sondern des Kriegs gebracht; ihre Gefälligkeitshandlung der liebenden Versorgung der Verletzten, eine Tat, mit der sie sich sogar identifizierten, förderte in der Konsequenz die Kriegsfortsetzung. Die Unterstützerinnen mit ihren medizinischen Hilfsmitteln und Spenden sowie ihrem Zuspruch erwiesen sich tatsächlich als Steigbügelhelferinnen der Gewalt – eine bemerkenswerte Moral eines zeitlos gültigen Dramas! Ich wurde aufmerksam und beobachtete die Dynamik, die sich dort auf der Bühne entfaltete. Der Zusammenhang von Hilfe und Gewalt, wie er von Shakespeare dargestellt wird und der ein Ganzes bildet, wurde mir hier zum ersten Mal klar, und ich erkannte, dass Hilfsbemühungen etwas zutiefst Reaktionäres in sich tragen, wenn sie den Kontext, in dem sie gefordert werden, nirgendwo in Frage stellen und durch ihre Wirkung indirekt Gewalt unterstützen, anstatt sie zu bekämpfen. Sollten wir uns nicht fragen, in einem globalen Kontext, ob die „humanitären Einsätze“ der Hilfsmaßnahmen in Wahrheit das Inhumane des Kriegs fördern? Wäre ein Boycott nicht systematisch besser? Weshalb ruft das Hilfsverhalten Respekt hervor, ohne dass die Tiefendimension der indirekten Verlängerung der Kriegshandlung erkannt wird? Denn letztlich impliziert der Koffer des Sanitäters als Symbol nicht weniger Gewalt als die Maschinenpistole. Die Tatsache, dass Frauen stereotyp in die Rolle solcher Helferinnen gedrängt wurden, die sich kritiklos den Kontext des Kriegs zu eigen machten und innerhalb dieses Felds nicht disruptiv, sondern perpetuierend wirkten, empörte mich als Betroffene noch mehr.

Heute fällt auf, dass in mir ein Funke dieser alten Empörung aufsteigt, wenn ich lese, dass die Philosophin Martha Nussbaum seit der Jahrtausendwende die Gleichsetzung von Weiblichkeit und Hilfsverhalten – das indirekt den Unfrieden nicht beendet – ähnlich naiv propagiert. In ihrem vieldiskutierten Werk „Upheavals of Thought“ (2001) beschreibt sie unter anderem, wie Emotionen Gradmesser für moralische Urteile seien und inwiefern klassische Dramen in Wahrheit Lehrstücke in Mitleid darstellten. Durch die Einübung von Mitleid durch das Anschauen dramatischer Stücke sollte, Nussbaum zufolge, ethisches Verhalten gefördert werden. Die Helferrolle von Frauen bei der Perpetuierung von Gewalt sieht sie dabei unkritisch: Eine Handlung wie das Versorgen der Verletzten in „Othello“ wäre für Nussbaum ein Ausdruck von Mitleid, ergo einem Vorläufer von ethischem Verhalten. Doch ist es ethisch vertretbar, Gewalthandlungen aufrechtzuerhalten? Wäre der wirksame Protest hier nicht das Unterlassen aller kriegsfördernden Maßnahmen? Kann insofern eine rein emotional, aus dem Mitleid heraus motivierte Handlung ethisch sein, in diesem Kontext: friedenswahrend sein, während sie tatsächlich den Krieg verlängert? Zuletzt fällt auf, dass Frauen die Rolle der aus Emotion heraus agierenden, von Mitleid getriebenen Helferinnen auch in Nussbaums Reflexion zugeschrieben wird. Hinterfragt wird dieses Stereotyp kaum. Ich jedoch betrachte das Hilfsverhalten als faktische Komplizenschaft der Gewalt, und die pauschale Zuordnung dieser Komplizenschaft zu allen Frauen kann sowohl meine Vorstellung von Gerechtigkeit als auch meine Identität als Frau verletzen.




Dr. Claudia Simone Dorchain, Jahrgang 1976, studierte Philosophie, Psychologie und Klassische Archäologie. M.A., Dr. der Philosophie, Postdoc-Studie „Die Gewalt des Heiligen“ über den Zusammenhang von Gewalt und Rechtfertigungsnarrativen (veröffentlicht 2012, Königshausen & Neumann Verlag Würzburg). Zahlreiche internationale Publikationen über Gewalt und Macht, Medienästhetik, Mystik und interkulturelle Philosophie. Arbeitete als Lektorin für wissenschaftliche Forschungen, Beraterin für öffentliche Einrichtungen, Hochschuldozentin und Mitarbeiterin einer Botschaft, sowie als Journalistin für Rundfunk und Printmedien.

Interview für den #kkl-Kanal HIER







Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar