Mein lieber Mensch

Claudia Dvoracek-Iby für #kkl40 „Friedenskultur“




Mein lieber Mensch

Zwischen uns ist bereits über eine so lange Zeitspanne keine Verbindung möglich, dass du dich wohl in manchen Momenten fragst, ob unsere Symbiose früher tatsächlich bestanden hat. Ob die Erinnerung daran real oder nur eine Art Wunschtraum von dir ist. Ich kann dir versichern, mein lieber Mensch, es gab sie, die harmonischen Zeiten, in denen ich, dein innerer Friede, in dir wohnte.

Natürlich ist klar, dass wir nicht ständig im Einklang sein können. Du wärest kein Mensch, wenn du immer mit mir erfüllt wärst. Jeder Mensch hat kürzere und längere Phasen in seinem Leben, in denen er beispielsweise unruhig, wütend oder angsterfüllt ist, und darum ohne seinen inneren Frieden agiert. Das ist völlig normal, und auch bei dir immer wieder der Fall gewesen.

Doch eine derart langwährende Entfremdung wie zurzeit gab es nie zuvor zwischen uns beiden. Vor einigen Monaten war immerhin noch jede Nacht Raum für mich in dir. Während du schliefst, breitete ich mich in dir aus, und davon hast du – auch wenn es dir nicht bewusst gewesen ist – tagsüber profitiert. Du warst gelassener, hattest einen klareren Blick auf alles, konntest Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden. Seitdem du aber Schlaftabletten nimmst, habe ich auch nachts keinen Zugang mehr zu dir. Tagsüber sowieso nicht, weil, schlicht gesagt, kein Platz für mich ist. Dein innerer Raum, den ich früher bewohnt habe, ist nämlich vollgestopft mit einem Gemisch an diffusen Gefühlen: Zweifel, Gier, Angst, Ärger, Neid …

Darum halte ich mich außerhalb von dir auf. Dies ist nichts Ungewöhnliches, und war auch früher des Öfteren der Fall. Doch damals warst du aufmerksam. Du hast mich überall gefunden: Beim Betrachten einer blühenden Pflanze, beim Lesen tiefgründiger Gedichte, oder wenn du liebevoll eine Katze gestreichelt hast. Und aufgrund deiner Offenheit befand ich mich sogleich wieder in deinem inneren Raum.

Was ist dir passiert, mein lieber Mensch, dass du dich nun derart schwer mit destruktiven Emotionen belastest? Dich von ihnen beherrschen lässt, sodass weder ich noch meine Schwester, die Sehnsucht, Einlass in dich bekommen? So wie ich befindet auch sie sich – immer in deinem Blickfeld – außerhalb von dir.

Soeben sind meine Schwester und ich in deinem Garten. Dein wunderschöner Garten, den du allerdings nicht mehr genießt, sondern benutzt. Jeden Morgen spulst du auf dem Rasen dein Programm ab: Eine Viertelstunde Yoga, die du mittels Handykamera mit deinen Followern ‘teilst‘. Zu gerne würdest du mich in deine tägliche Show integrieren, dich im Einklang mit mir diesen fremden Menschen präsentieren, denn – tja, erfüllt mit innerem Frieden würdest du echte Ruhe ausstrahlen und müsstest sie nicht vorspielen.

Du hast doch nicht vergessen, mein lieber Mensch, wie du dich mit mir verbinden kannst? Natürlich keinesfalls in dieser Yoga-Viertelstunde, in der du hauptsächlich darum bemüht bist, möglichst vorteilhaft zu wirken.

Eine Möglichkeit wäre: Lege das Handy aus der Hand, nimm dir Zeit und komme zur Ruhe, indem du dich – so, wie du es früher oft gemacht hast – unter den Kirschbaum setzt, dich an seinen Stamm lehnst, lesend, träumend, meditierend, schreibend …

Da kommst du wie jeden Morgen eiligen Schrittes aus dem Haus in den Garten, bereitest routiniert das Handy für die übliche Aufnahme vor. Meine Schwester und ich befinden uns dir gegenüber. Gemeinsam erfüllen wir den Kirschbaum. Du stellst dich professionell lächelnd aufrecht vor die Kamera, begrüßt unsichtbare Leute, atmest tief ein und aus. Da fällt dein Blick auf den Baum. Es ist dir unmöglich, meine Schwester und mich nicht darin zu erspüren – zu schön, zu anmutig ist jeder Zweig, jedes Blatt, jede Blüte. Ergriffen schließt du deine Augen. Ein gutes Zeichen. Nun betrachtest du wieder den Kirschbaum. Bevor du deine Yoga-Darbietungen fortsetzt, fotografierst du ihn, und postest das Foto. Darunter schreibst du: „Das Betrachten meines Baumes erfüllt mich mit innerem Frieden“.

Doch nein, mein lieber Mensch, du irrst dich. Nicht ich bin es, den du in dir zu spüren vermeinst.  Es ist meine Schwester und Wegbereiterin, die endlich wieder Zugang zu dir gefunden hat. Und sie, die Sehnsucht, ist hartnäckiger und mächtiger als all die Emotionen, die dich seit Monaten beherrschen. Sie wird erreichen, dass du dich immer öfter, immer stärker nach mir sehnen wirst. Bald schon wirst du nach Möglichkeiten suchen, mir wieder Raum in dir zu schaffen, und dich von all dem, das dir derzeit so wichtig erscheint, trennen. Natürlich wird dies ein längerer Prozess sein, doch der erste Schritt ist getan. Und bis es so weit ist, dass wir wieder eine Einheit sind – so lange warte ich geduldig und zuversichtlich außerhalb von dir.




Claudia Dvoracek-Iby, geb. 1968 in Eisenstadt, lebe in Wien. Schreibe Geschichten, Gedichte und Märchen. Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Preisträgerin einiger Literaturwettbewerbe.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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