Sternenhagel

Inken Hübner für #kkl40 „Friedenskultur“




Sternenhagel

Die Luft ist noch warm, obwohl der Mond bereits den Platz der Sonne eingenommen hat. Die Grillen zirpen und geben ein Konzert in der Stille der Nacht. Ich liege auf dem Rücken im Gras, um nach oben in den Nachthimmel zu starren. Die Sterne am tiefschwarzen Himmel funkeln um die Wette, als würde es kein Morgen geben. Manchmal kann man von hier unten Sternschnuppen sehen. Sie sind so schnell weg, wie sie gekommen sind. Wenn man es schafft, sie doch zu erblicken, dann hat man einen Wunsch frei.

Ich hätte da so einige Wünsche, die noch erfüllt werden müssen.

Als ich noch ein Kind war, da war meine Welt noch heil. Nichts konnte mir etwas anhaben. Die Welt stand mir offen und ich war bereit sie zu erobern. Doch je älter ich werde, desto mehr muss ich realisieren, dass die Welt nicht heil ist. Unsere Erde hat so viele verschiedene Verletzungen, dass ein Pflaster nicht reicht, um ihre Wunden zu versorgen. Selbst, wenn wir Verbände angelegt haben, reichen diese nicht aus, um die Blutungen zu stoppen. Schneeweiß wird zu blutrot.

Das Erwachen in der Realität war hart. Es tat weh. Es tut weh. Noch heute fühlt es sich an, als wäre ein Teil meiner Kindheit gestohlen worden. Ein Teil, den andere Kinder nie erfahren konnten oder werden. Nicht, wenn wir so weitermachen, wie wir es gerade tun. Überall auf der Welt sprechen die Menschen nur noch mit Waffen miteinander, anstatt ihre Worte zu benutzen. Panzer, Bomben und Raketen haben Nomen, Verben und Adjektive ersetzt.

Der Himmel wird vom Rauch der brennenden Landstriche verdunkelt und durch die lärmende Stille hallen Schreie der Verzweiflung, fast wie ein Aufstand gegen diesen Zustand, bis sie endgültig für immer verstummen. Wir sehen lediglich die Bilder der Geschehnisse über den Bildschirm huschen. Dennoch schneiden sie mir die Luft zum Atmen ab und lassen ein dumpfes Gefühl in meiner Magengegend zurück. Es kann doch nicht richtig sein, dass wir uns als Menschen gegenseitig solche Gräueltaten antun, oder?

Irgendwo habe ich mir noch einen Teil kindlicher Naivität bewahrt. Ich frage mich, warum es so schwer ist, einfach zu erkennen, dass wir alle gleich sind. Es gibt in jedem Menschen etwas, was uns mit ihm verbindet. Sei es nur der Fakt, dass wir beide Menschen sind. Warum gehen wir aufeinander los wie wild gewordene Tiere? Ich habe kein Verständnis mehr dafür, dass wir lieber Brücken zerschlagen, anstatt neue zu errichten.

Eigentlich stellen wir als eine Gesellschaft ein wunderschönes Mosaik dar. Das Farbenspiel ist atemberaubend. Trotz oder gerade wegen unserer Unterschiede macht es so viel Spaß, Teil der Menschheit zu sein. Doch schon vor langer Zeit ist dieses Mosaik kaputt gegangen. Hass, Diskriminierung und Hetze haben es zersplittern lassen. Wir werden viel Kleber brauchen, um es je wieder zusammensetzen zu können.  

Ich habe einige Wünsche, die noch erfüllt werden müssen.

Ich wünsche mir meine Kindheit zurück.

Ich wünsche mir, dass kein Kind mehr in Krieg aufwachsen muss.

Ich wünsche mir, dass wir wieder miteinander reden.

Ich wünsche mir, dass wir mehr Brücken bauen.

Ich wünsche mir Frieden.

Eine leichte Brise zieht auf und hinterlässt eine Gänsehaut. Die Grillen haben ihr Konzert beendet und packen ihre Instrumente weg. Ich blicke weiterhin hinauf in das Sternenmeer.

Ich sehe eine Sternschnuppe vorbei huschen.





Inken Hübner

Veröffentlichungen

  1. Vechtaer Jugendliteraturpreis 2023 „So geht’s weiter!?“ mit dem Beitrag „Die Zukunft. Welche Zukunft?“






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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