Jana Milena Müller für #kkl40 „Friedenskultur“
Yara
; aus dem Persischen „die Kraft“
Ich vergrabe meine Hände in glühende Asche. Sie verbrüht meine Haut, beißt in den Augen, quält bei jedem schwachen Atemzug und zwingt mich zu Boden. Verzweifelt kämpfe ich gegen das übermächtige Gefühl der Hoffnungslosigkeit, einzig und allein mein eiserner Überlebenswillen lässt mich nicht aufgeben. Ein weiterer dumpfer Schmerz, ein ohrenbetäubender Knall folgt. Die Wucht eines Aufpralls drückt mich rücklings auf die sandige Erde, presst die Luft aus meinen Lungen, lässt meine Wirbelsäule knacken, weitere Knochen zerbersten. Doch der unfassbare Schmerz ist nichts im Vergleich zu dem Gefühl der Aussichtslosigkeit. Doch dann. Ein schrilles Läuten weckt mich aus meinem unliebsamen Traum und meine zittrige Hand fährt über mein schweißnasses Gesicht. Wieder und wieder.
„Frieden bedeutet für manche Einigkeit, für andere wiederum Ruhe. Für mich bedeutet es Krieg, unser Krieg, mein Krieg.“, ich war mir nicht sicher, ob es mir erlaubt war, solche Worte auszusprechen, doch konnte ich nicht anders, als meine eigenen Regeln zu beugen. „Können Sie mir sagen, warum es für Sie diese Bedeutung hat?“, fragte die Therapeutin mit dem strengen Pferdeschwanz und dem offensichtlichen Schweißproblem interessiert nach. Ich wollte nicht darüber nachdenken und doch wollte oder konnte ich nicht vergessen. Was hatte ich gesehen, gehört oder gerochen. Den Duft von Sterbenden, man konnte ihn nicht abwaschen, diesen Gestank müsste ich auf ewig mit mir tragen. Nicht zuletzt, weil ich Reue empfand. Meine persönliche Strafe für die Taten, die man mich im Namen des Staates verüben ließ. Es wäre ein notwendiges Übel, um andere zu schützen, das sagte man mir. Gewalt mit noch mehr Gewalt erwidern, Blut mit Blut bekämpfen, bis eine Seite hoffentlich aufgibt. „Ich weiß nicht.“, es war eine Lüge, aber alles, was ich zustande brachte.
Der schmale Sekundenzeiger der beigen Wanduhr bewegte sich nur quälend langsam voran, ein Weggesehen war dennoch nicht möglich, zu qualvoll waren die schreienden Gedanken, die sich dann in meinem Kopf zusammenbrauten. Die geschulten Augen der Therapeutin bemerkten meine unruhigen Zuckungen und gewissenhaft notierte sie ihre neusten Erkenntnisse, aber sie blieb stumm. Ich hingegen schrie, in meinem Kopf der immer gleiche Gedanke, dass immer gleiche Szenario, diese schrecklichen Momente der Zerstörung, die sich mir in Dauerschleife zeigten.
Es war spät geworden, der erste Frost legte sich auf die spärlich beleuchtete Straße, dampfende Schwaden krochen aus den Abluftrohren der Schnellimbisse und brachten den Duft von gebratenem Reis, sowie geschmolzenem Käse. Eiligen Schrittes schlängelte ich mich durch die schmalen Gassen, ehe die Tür eines der Häuser mit bröckelnder Fassade und nicht minder schwefligem Geruch, mich zum Stillstand zwang. „Marion, wie schön, dass du es geschafft hast.“, öffnete man mir willkommen die Tür und die etwas ältere Dame mit selbst gehäkeltem Blumenpullunder lächelte mich bedeutungsschwanger an. Ich wusste, hier war man froh über jede helfende Hand, um jedes kleine bisschen Zuneigung. Man hoffte auf das Mitgefühl, doch mischte sich vieles in die Gründe der helfenden Hände. Aufopferungsvoll oder doch gesteuert von purem Egoismus. Vielleicht auch nur das vage Gefühl eines schlechten Gewissen.
Inmitten von dampfenden Schalen Essen, schimmligen Wänden und dem fahlen Gestank von abgestandenem Öl, fand ich mich einem älteren Mann zugewiesen. Sein Gesicht der Erde zugewandt, die lichten Haare über die gebräunte Kopfhaut gekämmt, die knittrigen Finger fuhren über die zerfledderten Seiten eines Buches. Doch er schien es mit größter Sorgfalt zu umsorgen oder war es doch die kleine Hand zu seiner Rechten. Ein junges Mädchen kritzelte glühend vor Begeisterung mit geknickten Wachsmalkreiden auf einem Stück Papier. Das Chaos schien sie dabei nicht zu kümmern. Viele kleine Perlen hatte es sich um die Handgelenke geschnürt, das blaue T-Shirt mit der quietschgelben Ente wirkte beinahe fremd in dieser Umgebung. Oder war es nur fremd für mich.
Vorsichtig ließ ich mich neben ihr nieder und für einen Moment zögerte ich, kam mir beinahe albern vor, eines dieser bedeutungslosen Gespräche anzufangen. Deshalb zog ich es vor zu schweigen. „Findest du schön?“, fragte ein dünnes Stimmchen unerwartet nach und die braunen Augen des Mädchens sahen mich erwartungsvoll an. „Ja, das find ich toll“, war meine wenig geistreiche Antwort und plötzlich verschränkte es die dünnen Ärmchen vor dem Körper. „Du hast nicht … geschaut“, kam die trotzige Antwort und perplex kam mir ein leises Lachen über die Lippen. Dieses Mädchen brachte eine gestandene Soldatin ins Schwitzen. Und sie hatte recht, ich hatte angenommen, sie würde meine Steifheit nicht bemerken. „Wie dein … Name?“ kam also sogleich die Frage. „Marion und deiner?“, entgegnete ich mit einem sanften Lächeln und für einen Moment wurde ich mit einem prüfenden Blick bedacht. „Yara.“, kam es dann und sogleich wurde meine Hand gegriffen, fest geschüttelt. „Sehr erfreut, Yara und ist das dein Opa?“, ich zeigte auf den Mann neben mir. Sie nickte nur eilig und ihre kleine Hand griff in den Mantel ihres Großvaters, der ihr sogleich liebevoll über den Schopf streichelte. Berührt von der Unbekümmertheit dieses Kindes und den liebevollen Gesten des Älteren, war es nun ich, die diese Umgebung zu vergessen schien.
Ich verbrachte beinahe eine Stunde sitzend bei Yara. Wir redeten nicht viel, aber das war nicht nötig, denn schon allein ihre Hand zu halten, brachte mir den Frieden, den ich so dringend wollte. „Fertig.“, kreischte das junge Mädchen plötzlich, stellte sich auf den knarzenden Stuhl und reckte stolz ihre kleinen Finger in die Höhe. Dann schnappte sie sich das Stück Papier und hielt es vor meine Nase. Yara war künstlerisch äußerst begabt. Das Bild zeigte eine sandige Landschaft mit vereinzelten Häusern und ein kleines Mädchen mit Zöpfen inmitten vieler Menschen. Sie lachten, aßen und tranken.
„Du.“, meinte das Mädchen und zeigte auf eine junge Frau. Es lag Spott in ihrer Stimme, als wäre es merkwürdig, dass ich mich nicht gleich erkannt hatte. Aber diese junge Frau auf diesem Bild stand nicht abseits, sie lachte, aß und trank inmitten der Menschen. Meine Hand wischte sich über die schwitzende Stirn, mit meinem Haar verbarg ich die stummen Tränen, doch es war vergebens. Das Kind sah meine Trauer, mein Leid, es spiegelte sich in ihm wider. Es hatte vermutlich vieles gesehen, mehr als ein Kind ertragen könnte und doch sah ich Hoffnung in seinen Augen. Hoffnung auf Leben, Hoffnung auf Frieden. Die zarten Finger gruben sich in meinen Arm, hielten mich einfach nur fest. Und in diesem Moment hoffte ich mehr denn je, auf eine Welt in der, Waffen schweigen würden.
Jana Milena Müller, geboren am 16.02.1998 und in Linz aufgewachsen. In ihrer frühen Jugend entdeckte sie durch ihre Leidenschaft für die Musik ihre Faszination für die Lyrik. Mit vierzehn Jahren machte sie beim Landeswettbewerb in der Kategorie „Songwriting“ den zweiten Platz. Während Ihrer Arbeit in der Bestattungsvorsorge und der Vorbereitung auf die Berufsreifeprüfung, arbeitet Sie ehrenamtlich im Flüchtlingsbereich, vor allem in der Begleitung von Familien in laufenden Asylverfahren. In ihrer Freizeit versucht sie ihrer Leidenschaft für das Schreiben und der Musik nachzugehen.
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