VIELLEICHT

Oliver Kai Knütter für #kkl40 „Friedenskultur“





VIELLEICHT


gab es sie schon,

die eine große Idee,

die alles Morden und Töten

auf der Welt beendet hätte,


doch niemand hörte sie,


weil die Frau, die sie hatte,

nicht mehr sprach, denn wenn

sie sprach, schmerzten

seine Liebkosungen doppelt.


Vielleicht


war er schon da, der eine Satz,

der sein Herz geheilt und ihr

eine Stimme gegeben hätte,

durch die Zartheit seiner Hände,


doch niemand hörte ihn


und gab ihn weiter, denn der

Mann, der ihn aussprach,

war alt und krank und stank,

hinter einer Tür ohne Ohren.


Vielleicht


schleicht ein kleines Mädchen

mit zitternden Knien und glühendem

Gesicht durch die verbotene Tür

zum vertrauten, sterbenden Freund


und hört seinen letzten Satz.


Sie schreibt ihn in ihrer Seele fort und

säht ihn aus, unaufhaltsam langsam

heilen Herzen, werden Hände weich

und in den Köpfen bricht Frieden aus.




GERHARD

Oma/kein Wort/zwei Weltkriege/nicht ein Wort/verblichenes Foto/vergilbt auch/

gelb oder gräulich braun irgendwie/was weiß ich/dachte immer: Kind im Fasching/ als Matrose verkleidet/nie ein Wort über irgendwas/die wässerigste Gemüsesuppe/ Bassermann verdünnt/nimm‘ man Junge/wenn Du nur hast is jut/ich mochte sie

Mama/ich dachte: Hör auf!/Erzähl nicht immer vom Krieg, den ich nicht kannte/

doch Du hast ihn irgendwie in mich hineingelegt/immer wieder/bis Du nicht mehr konntest/hast Du mir erzählt vom Hunger/vom Verschüttetsein/von der Angst, die Dir abhandenkam mit zwölf aus Gewohnheit/vom Funkenflug/vom Schützen hinten im Tiefflieger/vom Bombenhagel/von den ängstlichen Augen der russischen Soldaten, Finger am Abzug, die durch die Luftschutzbunker gingen, und Du dachtest, dass Du jetzt stirbst/wie das Wetter war an dem Tag, als Oma am Radio saß und ausrief: Oh Gott, jetzt ist Krieg!/unheimlich, gelb oder gräulich braun, windstill, wie es vor Gewittern ist/und vom besten Bruder der Welt/Gerhard, still, friedlich, freundlich/

gefallen vor Spitzbergen/U-Boot

Deine Augen wurden gar nicht feucht,

doch sie brachen jedes Mal,

und dann hast Du immer aufgehört zu erzählen.

Nie wieder Krieg! sagtest Du mir. Darum hast Du mir das alles erzählt. Das sollte hinein in mich. Niemals Krieg!

Heute ist der 16.04.2024.

Ich bin zweiundfünfzig.

Ich schaue in die Welt

und weiß nicht weiter.




Oliver Kai Knütter, geb. 1971 in Basel, aufgewachsen in München, lebt heute im Landkreis Pfaffenhofen a.d. Ilm. Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie.

Er schreibt Lyrik und kurze Prosatexte.

Website: http://www.text-und-sein.jimdofree.com,

Youtube-Kanal mit Lesungen und Vorträgen.

Veröffentlichungen in folgenden Medien:

  • Haiku-Jahrbuch „Temperatursturz“ 2022 und Haiku-Jahrbuch “Aufbrüche” 2023, beide erschienen bei Edition Blaue Felder, Tübingen
  • Zeitschrift “HAIKU HEUTE”
  • “eXperimenta” – Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft
  • “Umtrieb”, das Kulturmagazin zum Connecten






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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