Ringparabel Canceln

Jochen Stüsser-Simpson für #kkl40 „Friedenskultur“




Ringparabel Canceln


1.

Canceln und Boykott sind Schrott

Was will er, was meint sie, wir müssten sie hören

nicht nur sie 😉 alle beide, bitte nicht stören

zu Wort kommen lassen wir jede und jeden

zu anstehenden Themen müssen wir reden

kontrovers, überraschend und neu soll es sein

und stimmen am Ende wir nicht überein

allemal ist das besser als zu schrumpfen

in den eigenen Vorstellungen zu versumpfen

Personen und Meinungen auszuladen

Ist zu ihrem, zu unserem, zu aller Schaden





2.

Lessings Ringparabel Revisited

Der weise Jude spricht, vor grauen Jahren

lebt ein Mann im Osten, der einen Ring

von unschätzbarem Wert aus lieber Hand besaß

aus Lessings Feder, und rettet so sein Gut und Blut

seine Gedanken rettet Lessing vor christlicher Zensur

mit einem Märchen, der Stein war ein Opal

der hundert schöne Farben spielte, durch Kunst kopiert

das Original sei nur an seiner Wirkung zu erkennen

vor Gott und Menschen angenehm zu machen.

Wo stehen die Kindeskinder, wie hell strahlt ihnen Licht

der aufgeklärten Morgensonnen und spiegelt sich in ihren Ringen

wie endete der Erbschaftsstreit der Eingottreligionen

um besten Glauben, bessere Welt? Jetzt ist sie nicht.

Der junge Christ, von einem Muslim, einem Juden

einst befreit vom Fanatismus, ist alt und schwach geworden

matt sein Ring und antiquarisch stumpf vor leerem Himmel

aus dem die Götter fielen – und Raum für Bomber bleibt.

Und andere alte Männer murmeln beim Barte des Propheten

vom Allerheiligsten in ihre Bärte, beten die Asche an.

Aus Restglut Funken schlagen Kindeskinder

beleidigte verbrannte Seelen, von den Fingern

drehn manche eng gewordene Ringe und verwandeln

zu Abzugsringen sie für Handgranaten

Sprengfallen für das Paradies, das eigene.

Offen bleibt, was Lessing sah, zuvor, vorher

Déjà-vu, lose Prognose, das Kommende als Rückblende

als Vorschau die Erinnerung, Vorher-Sehung.

Offen bleibt, was Nathan spricht, die bessere Welt

jetzt ist sie nicht.





Jochen Stüsser-Simpson liest, schreibt,  joggt gern  – in verschiedenen Landschaften, Genres und Stadtteilen, oft im Bereich der Lyrik, auch der literarischen Prosa, gelegentlich  Fachartikel. Er unterrichtet Philosophie und Deutsch an einem Gymnasium im Hamburger Westen, seit März 2022 auch eine Ukraine-Klasse in Deutsch als Fremdsprache. Toleranz und eine offene Debatten-Kultur erscheinen ihm eine wichtige Voraussetzung, damit wir uns in der aktuell aufgewühlten Zeit nicht als Feinde begegnen.

jstuesser@web.de









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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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