Gipfel der Unruhe

Martin A. Völker für #kkl40 „Friedenskultur“




Gipfel der Unruhe

Den Wald mit seinen dunklen Tannen hast du hinter dir gelassen. Frühlingshell wird alles. Die morgendliche Kühle ist einer angenehmen Lauheit gewichen. Der vor dir liegende Weg schlängelt sich und steigt an. Du spürst es in den Waden und Oberschenkeln. Tiefer geht dein Atem, dein Gang wird konzentrierter. Beide Daumen stecken links und rechts zwischen Schulter und Rucksackriemen. Kein Schwächeln erlaubt, bald ist es geschafft. Der perfekte Aufstieg soll mit einem grandiosen Weitblick belohnt werden. Doch was ist das? Befand sich an dieser Stelle nicht das Gipfelkreuz? Das Schild, auf dem steht, dass man das Kreuz aus Schutz vor Vandalismus abmontiert hat, wirst du erst später halb von Geröll und kleinen Ästen bedeckt entdecken. Und noch eine andere Sache nimmst du mit Unwillen wahr: Es zieht sich zu. Die klare Sicht fehlt. Wolken, die wirken, als hätten sie tiefviolette Tinte aufgesogen, so weit das Auge reicht oder eben nicht reicht. Der Frühling ist unberechenbar. Zum geistigen Gegrummel gesellt sich Magengrimmen. Das Frühstück musste ausfallen für eine Stunde längeren Schlaf. Das liebevoll zubereitete und sorgfältig für den Rucksack in Plastikdosen gefüllte Mittagessen? Im Kühlschrank zurückgelassen. Hoffentlich ist die Kühlschranktür verschlossen, in den vergangenen Tagen sprang sie nämlich manchmal wieder auf. War der Herd ausgeschaltet? Den letzten prüfenden Blick hast du vergessen. Wie konnte das passieren? Gedanklich warst du schon unterwegs. Aber die Wohnungstür hast du abgeschlossen. Hast du? Wenn der Herd in Flammen aufgeht, wird die Feuerwehr sowieso die Tür aufbrechen. Die freundliche Nachbarin wird dich benachrichtigen. Wo steckt das verdammte Telefon? In der linken Tasche deiner übergroßen Regenjacke, die nicht in den Rucksack passte. Jacke, Handy, Kühlschrank und Herd werden verbrennen, während du hier oben in eingewölkter Idylle herumstehst, weil die alte Holzbank längst in das Totenreich platonischer Ideen eingegangen ist. Was heißt überhaupt Idylle? Da ist dieses merkwürdige Geräusch. Irgendein Vogel treibt irgendwo sein klangliches Unwesen. Seine Sangeskünste pendeln zwischen Plock-plock und Wupp-wupp und erinnern dich an den Klang eingehender E-Mails, die du jetzt vielleicht via Handy rasch durchgesehen hättest. Wie viele E-Mails es schon sein mögen? Du hast keine Abwesenheitsnotiz verfasst, weil du niemanden auf deinen freien Tag hinweisen wolltest. So aber werden alle denken, dass sie dich einfach nicht erreichen können, und sie werden weitere E-Mails schicken, sie werden anrufen, simsen, whatsappen. Wie sollst du die vielen Anfragen und Anliegen nachher beantworten mit einem verkohlten Handy im Homeoffice-Desaster? Höchste Zeit, den Heimweg anzutreten – im einsetzenden Regen. Der Weg führt zurück, aber führt er zu dir? Den Frieden kann nur finden, wer ihn für sich gefunden hat. Was unternimmst du, um die innere Klimakatastrophe, die geistige Überhitzung, das seelische Ausdorren, den alles wegspülenden Starkregen schlechter Gedanken, den Tsunami toxischer Konsumwünsche zu verhindern? Du bist deine eigene letzte Generation.




Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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