Stefanie Bräunig für #kkl40 „Friedenskultur“
Engelchen und Teufelchen
Es waren einmal ein Engelchen und ein Teufelchen. Sie saßen auf je einer Schulter eines Lichtwesens. Jeder der beiden war sich sicher, dass er das Sagen hatte.
Allerdings wussten sie beide nicht, dass keiner von ihnen weder die Hosen anhatte, noch das Zepter in der Hand hielt… denn das Lichtwesen, auf dem sie saßen und lebten, war Gott.
Und wie wir wissen, liebt Gott alles, was er erschaffen hat. Engelchen und Teufelchen. Gut und Böse. Licht und Schatten.
Rief das Teufelchen wieder einmal zu einem anderen Menschen: „Ich hasse dich.“ oder „Ich könnte dich mit meinen Blicken töten“, verdrehte Gott einfach nur die Augen und sagte „Jaja.“
Das wiederum brachte das Teufelchen dann völlig aus dem Gleichgewicht. Es sprang und tobte nur so auf der Schulter herum, dass es ein wahres Körperbeben in Gott gab. Schlagseite gab es auch.
Das Engelchen auf der anderen Schulter wollte wiederum sofort Frieden schließen. Unharmonisch mochte es das Engelchen gar nicht. Es versuchte die Aktion des Teufelchens auszugleichen, indem es zunächst sanft, dann aber vehement virtuell an der ungleichen Seite der Wippe zog.
Gott nickte wissend. Er kannte das Engelchen ja nun schon seit längerer Zeit. Trotzdem fühlte er zu beiden die gleiche Liebe. Er achtete beide, Engelchen und Teufelchen, es war ihm sogar egal, was beide taten und dachten.
Das Engelchen dankte Gott dafür, das Teufelchen verfluchte ihn. Was ja nun einmal bei einem Gott nicht funktioniert. Der Fluch kam direkt an den Absender zurück und warf das Teufelchen von der Schulter.
Das konnte das Engelchen nun aber auch nicht haben. Ihr wisst schon: Harmoniebedürfnis.
Es reichte dem Teufelchen die Hand und dieses nahm sie entgegen. Nicht gerade dankbar, aber es nahm die Hand. Es zog allerdings so fest daran und hatte einen solchen Schwung aufgenommen, dass es selbst plötzlich auf seiner Seite der Schulter saß, das Engelchen nun aber am Boden lag. „Pech für das Engelchen“, dachte das Teufelchen.
Gott setzte daraufhin das Engelchen wieder an seinen Platz und verdrehte abermals die Augen.
Und wenn sie nicht gestorben sind…
…dann flucht Teufelchen und harmonisiert Engelchen noch heute.
Stefanie Bräunig, geboren 1973, schreibt seit einigen Jahren. Ihre Texte fallen manchmal direkt vom Himmel und begegnen ihr in der Musik oder der Natur. Sie veröffentlicht diese in verschiedenen Anthologien. 2023 ist ihr erstes Buch „Juli und der Zauberbaum“ erschienen, vor kurzem folgte ihr Gedichtband „Das Strahlen in Dir“.
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