Harald Birgfeld für #kkl40 „Friedenskultur“
Aus Essay: Zeit was ist das
Trost, Hoffnung, Glaube
Zur Erinnerung:
Zeit ist die Wahrnehmung eines Ereignisses. Fehlt die Wahrnehmung, gibt es keine Zeit und kein Ereignis.
Trost ist das erfüllte Verlangen nach Beseitigung eines seelischen Schmerzes. Die Beseitigung kann z.B. Zuspruch sein, also die Weitergabe einer Wahrnehmung eines Ereignisses durch einen anderen an mich, und zur Wahrnehmung eines Ereignisses in meiner eigenen Zeit werden. Seelischer Schmerz ist dabei immer die Wahrnehmung von Ereignissen meines eigenen Ichs.
Auch Trost an sich ist die Folge einer Wahrnehmung von Ereignissen in eigener Zeit. Er ist keine Wahrnehmung von Ereignissen meines eigenen Ichs. Erst, wenn ich diesen Trost an mir zulasse, ihn annehme, wandelt sich das erfüllte Verlangen nach Trost und auch der damit erfolgte Trost als Wahrnehmung von Ereignissen in eigener Zeit um zu einer Wahrnehmung von Ereignissen meines eigenen Ichs.
Trost schafft Erleichterung und Erleichterung kann Trost schaffen. Auch wenn Trost scheinbar von außen an mich herangetragen zu sein scheint, mir Trost gespendet wird, entsteht Trost immer in mir selbst. Trost kann ich mir nur selber spenden, aber ich muss ihn zulassen. Mein verletztes Ich kann mit einem „Pflaster“, der Wahrnehmung von Ereignissen in anderer oder eigener Zeit, nämlich durch freundliche oder aufklärende Worte, ein Geschenk oder die liebevolle Zuwendung, Berührung oder Zuspruch, also durch die Wahrnehmung von Ereignissen Erleichterung erfahren. Das empfinde ich als Trost. Sollte der Grund für meinen seelischen Schmerz ein Irrtum gewesen sein, und ich mich davon überzeugt haben, existiert das Verlangen nach Trost nicht mehr. Leider bleibt jedoch ein Misstrauen mir selbst gegenüber, weil ich die Wahrnehmung eines solchen Ereignisses nicht als Teil meines eigenen Ichs empfange, sondern als Wahrnehmung eines Ereignisses in eigener Zeit oder sogar in anderer Zeit. An das Verschwinden des Bedürfnisses nach Trost muss ich mich erst gewöhnen. Das kann lange dauern.
Der größte und zuverlässigste Bote von Trost als Wahrnehmung eines Ereignisses in eigener Zeit ist die Hoffnung. Wer hofft, kann vielleicht auch glauben, aber wer glaubt ist immer voller Hoffnung. Glauben ist mit Hoffnung untrennbar verbunden, Hoffnung aber nicht unbedingt mit Glauben. Beide können Teile meines eigenen Ichs sein.
Glaube und die damit verbundene Hoffnung z.B. sind immer Wahrnehmungen von Ereignissen in meiner eigenen Zeit und Teile meines eigenen Ichs. Wenn ich jedoch nicht glaube, kann ich diese Art der Hoffnung nicht empfinden. Hoffnung ist dann die Wahrnehmung von Ereignissen, vielleicht in eigener Zeit meistens aber in anderer Zeit.
Hoffnung ohne Glauben ist die Wahrnehmung von Ereignissen in eigener oder anderer Zeit und so nicht Teil meines eigenen Ichs. Glauben aber, ohne Hoffnung, gibt es nicht.
Wird mir Trost gespendet, wird immer der Versuch unternommen, mir mit der Wahrnehmung eines Ereignisses in anderer Zeit meine eigene Zeit um diese Aufwendung zu erweitern. Nehme ich sie an, bin ich bereit für eine solche Spende, dann empfinde ich tatsächlich Erleichterung und vielleicht sogar den Abbau eines Schmerzes, der das Verlangen nach Trost ausgelöst hat. Diesen Schmerz nennt man in erster Linie seelischen Schmerz, die Wahrnehmung eines Ereignisses meines eigenen Ichs. Er kann in körperliche Schmerzen ausarten und wird so zur Wahrnehmung eines Ereignisses in eigener Zeit. Trost kann aber nur ich meinem seelischen Schmerz spenden. Da dieser Schmerz die Wahrnehmung eines Ereignisses in meiner eigenen Zeit ist, auch wenn er mir möglicherweise von außen zugefügt wurde, kann er auch nur durch die Wahrnehmung eines Ereignisses in meiner eigenen Zeit gemildert oder gar beendet werden.
Genugtuung und Befriedigung unterscheiden sich gravierend von Trost, weil sie Wahrnehmungen von Ereignissen in anderer Zeit oder in eigener Zeit sein können. Sie sind aber keine Wahrnehmungen von Ereignissen meines eigenen Ichs.
Trost kommt wie das Glück unversehens. Ich kann Trost nicht erzwingen, nicht mit Zuverlässigkeit verschenken. Trost begegnet mir stets unerwartet und oft auch unerkannt.
Trost ist immer ein Geschenk, welches mir widerfährt.

Harald Birgfeld,. 1938 in Rostock, lebt seit 2001 in BW, 79423 Heitersheim. Von Hause aus Dipl.-Ingenieur, befasst er sich seit 1980 mit Lyrik, Prosa und Malerei.
Veröffentlichungen
„Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik. e.V.“ Leipzig, ISBN: 3-937264.
Weitere Veröffentlichungen auch in Druck und Herstellung bei BoD, Norderstedt.
Es erschienen mehr als 27 Gedichtbände, 2 Epen, mehrere Sachbücher.
Harald Birgfeld ist in über 40 Anthologien vertreten, z.B.
Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“, 82166 Gräfelfing/München,
„Ausgewählte Gedichte“:
2008, 2009, 2010, 2012, 2013, 2014, 2015, 2017, 2019, 2021.
Lorbeer Verlag, Bielefeld, 2017, 2019, 2020, 2021.
experimenta, Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Bingen, 2020.
Quintus-Verlag, Berlin, Ulrich Grasnick Lyrikpreis, 2022.
#kkl, Magazin und Initiative für Kunst, Kultur und Literatur 2022, 2023 (2x) und 2024.
Geest-Verlag, “Poets of the New World”, 2024.
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