Christian Günther für #kkl40 „Friedenskultur“
D‘Holzkopferten
»Wagen TS-89, für Zentrale?«, hörten wir über Funk. Der Dienst fing gut an! Wir waren keine zehn Minuten auf Streife und die Sonne lugte noch vorsichtig über die östlichen Gipfel.
Miriam griff zum Funkgerät. »Wagen TS-89, Homberg hört«, bestätigte sie.
»Wo sind Sie grad?«
»B305, Höhe Schmelz.«
»Passt! Dann hab ich einen Einsatz für Sie: Sachbeschädigung, Melder ist ein Herr Hobl, Bichlstraße.« »Okay, Homberg und Steiner übernehmen!« »Lang nimma dort gewesen«, seufzte ich, als sie das Funkgerät wieder einhängte.
»Du kennst ihn, Mike?«, fragte Miriam und klappte die Sonnenblende herunter.
»Der und sei Nachbar, der Mair, die machen sich’s Leben seit Jahr und Tag schwer. Des letzte Moi war, bevor du kamst, Miri.« Miriam, Ende zwanzig, schlank und mit langem blondem Zopf, war seit zwei Wochen die Vertretung für die Stammpartnerin, die sich die Haxen gebrochen hatte. Die meisten Unfälle passierten im Haushalt.
»Dei Partnerinnen werden a immer jünger, Michael«, stellte der Hobl-Schorsch fest, als ich vor dem Bauernhof aus dem 3er-BMW Kombi stieg. »Grüß Gott!« Miriam erwiderte seinen Gruß und lockerte ihre Krawatte. Die Schutzweste hatte sie beim Aussteigen wohl heruntergezogen und unangenehm stramm gemacht.
»Des is mit zunehmendem Alter so, gä?«, antwortete ich ihm. »Grüß Gott! Des is die Kollegin Homberg.« »Schöne Frau, bei mir dürfen‘s gern öfter vorbeikimma.« »Na, des hoff i ned«, entgegnete Miriam reserviert. »Was is‘n passiert?« »Schad!« Er deutete zu seinem alten Benz aus den Achtzigern, das Fenster auf der Fahrerseite halb geöffnet. »Hob Eile g‘habt gestern Abend und des Fenster vergessen. Auf Nacht hod jemand neibieselt. Wer, des konn i mir denken. Do braucht‘s bloß a Urinprobe nehm‘.« »Freilich, des tun mir, sicher!« Auf dem gegenüberliegenden Bauernhof startete der Mair-Anton seinen Traktor.
»Do is er«, rief der Hobl-Schorsch: »Wollt‘s ihr ihn ned aufhalten?« »Mit dem Trecker kommt der ned weit«, prognostizierte ich. »Des is koa Fluchtversuch.« Der Betroffene fuchtelte nun wild mit den Armen herum. »Du narrischer Depp, du! Des zohl i dir heim, do kannst Gift drauf nehma!« »Ah gä, beruhig di, Schorsch«, bat ich: »Hör auf mit dem Schmarrn! Des schaukelt sich nua hoch!« Der Traktor kam an uns vorbeigefahren. »Wos au immer is, i wor‘s neda«, schrie der für das Opfer als Täter feststehende und fuhr auf sein Feld.
»Der Urin auf dem Sitz ist von einer Kuh«, berichtete die Spurenexpertin Eva spätnachmittags, kurz vor dem Feierabend von Miriam und mir, »und nicht von einem Menschen.« »Der lasst sich aber zuordnen, oder?«, fragte Miriam.
»Mit einer Vergleichsprobe gewiss.«
»Wenn mir Glück ham, kriegen mia oan Beschluss«, meinte ich.
»… und wenn ned?«, wollte Miriam wissen.
»Dann bringst du des dem Schorsch bei, Miri.« »Warum i?« »I kann des scho, du musst no üben.« »Witzig! Bis grad hab i di noch g‘mocht, Mike! Oida Sack! Bist scho fuffz‘ge?« »Na, des san noch a paar Jahr. Mach mi ned oida als i bin! Obwohl: Könn‘st fast mei Tochter sei, gä?« »Ah nee, bitte ned!« »Wieso jetzt neda?« »Hast do scho zwoare, die‘s eh kaum siehst. Mi siehst fast täglich.« Wo sie recht hatte, hatte sie recht.
Der Verdacht reichte nicht aus und stand in keinem Verhältnis zum Aufwand, aber mit dem Mair-Anton zu reden, das war nicht verboten. So fuhren wir die Bichlstraße am nächsten Morgen entlang und hielten vor dem Mair‘schen Bauernhof an. Der Bauer sah uns und startete hektisch seinen Trecker. Als Miriam ausstieg und der Traktor losfuhr, gab es einen lauten Knall.
Erschrocken hob der Verdächtige seine Hände und das Fahrzeug rollte aus. »Is guad, schöne Frau! Brauchst ned glei auf mi schießen!« »I hab ned g‘schossen, und i hab Eahna ned des Du an‘boten, Herr Mair! Machen‘s den Motor aus, bittschön!« Er kam ihrer Bitte nach. »Mia san hier au‘m Land. San‘s neda von hier?« »Doch, scho! Aber ned aus Inzell, sondern aus Bad Reichenhall. Des is a bisserl größer, a Stadt.« Aus dem Reifen des Treckers war einige Luft entwichen. »Wos des wieder kost‘!« Ich sah, wie der Hobl-Schorsch grinsend aus seinem Bauernhaus trat und zum Stall gehen wollte.
»Kimmst amoi her?«, rief ich laut.
»I hob nix g‘macht, wos au immer passiert is«, kam als Antwort.
Miriam platzte der Kragen, sie stellte sich mitten auf die Straße: »Mei, ihr zwoa depperten Holzkopferten! Da vorn is a Wirtschaft, kehrt‘s dort eini, besauft’s euch und vertragt‘s euch! Mir zwoa müssen dauernd we‘n euch bösen kloanen Buben ausrücken! Ihr seid’s doch koa echte Mannsbilder mit dem, was ihr hier macht‘s! Wisst’s ihr überhaupt, was so a Einsatz kostet? Ihr solltet‘s euch schämen! Den nächsten, den lass i mir zahlen, dann könnt‘s blechen! Kräftig blechen! Da reicht euer Taschengeld ned für, des kann i euch versprechen! Also ab mit euch, ihr Narrischen! Sauft‘s kräftig, gebt’s euer Geld besser dafür aus! Aber vertragt‘s euch! Habt’s ihr des jetza g‘schnallt?« Amen!, dachte ich.
Ein Monat war vorüber. Miriam und ich hatten Spätdienst und kehrten vom Adlgaß zurück. Den Einsatz dort abgeschlossen, nahte der Feierabend. Wir waren beide hungrig und durstig. So beschlossen wir, uns zu stärken. Wir steuerten die Wirtschaft nahe der beiden Steithähne an, von denen wir seit Miriams Ansprache nichts mehr gehört hatten.
»Ah gä, des glaub i jetzt ned«, meinte die Kollegin beim Aussteigen und deutete auf ein Schild am Eingang. Werbung für eine Veranstaltung, die heute stattfand.
»D‘Holzkopferten«, las ich ab: »G‘schichten außm richtigen Lebn. Na, die könn‘ wohl a ganze Nacht mit ihr’m Programm füllen! Aber sie ham sich gut z‘sammg‘rauft und was Gemeinsames auf d’ Beine g‘stellt. Da ham mir zukünftig oan paar Einsätze weniger.«
Christian Günther wurde 1979 in Essen geboren. Er ist gelernter Industrie-Technologe und examinierter Altenpfleger. Schon in jungen Jahren veröffentlichte er Zeitungsartikel und Bücher. Seit 2022 geht sein Essener Ermittlerduo Judith Reiter & Nick Fengler mit Ruhrpott-Slang und gleichberechtigt als »Die zivilen Fahnder/innen« auf Streife, als Krimiserie und in Kurzgeschichten.
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