Rainer Reno Rebscher für #kkl40 „Friedenskultur“
Lale Devri (Tulpenzeit) 16. Jhd.
Turban trug man damals noch
in Istanbul – Tülbent.
Turbanblumen reisten
vom Bosporus bis Wien und Holland –
kurz nachdem Europas Städte
vor den Türken zitterten.
Der Farbenrausch der Tulipane
goss sich über Praterwiesen
und am Tulpenmeer lag Amsterdam.
Turbomanisch, manotulpisch,
hollantürkisch, türkhollandisch,
alle sprachen durcheinander
und durch tausend
Tulpenblüten, Farben
gegen Hasstiraden – so
verbindend für Europa.
Übersät den Bosporus mit
seinen alten Friedensboten!
Graffitiwalk in Friedrichshain
Kleiner Mann mit Krempenhut
auf kariöser Hausfassade
hastet vorwärts durch die Prügel
gasse zwischen Hass erfüllten
Fratzen blickt er geradeaus
zu Boden achtet nicht
auf bissige Grimassen die
den Umsturz fordern lautstark
zwischen Panzerfäusten
Diesem grün gesprayten Mann
singt der wind of change
im Herzen
dessen Groove er trotzig folgt
gegen alle Wanddämonen
und Parolen der Verachtung
setzt er auf ein Lied
vom Traum des Friedens
Aus der Nacht
Die wuchtige Eichenholzpforte knarrt
Ein Mann kommt schlotternd
herein aus der Nacht
Auf dem Altar zündet der Messdiener
Kerzen an
Der Pfarrer hält inne
blickt zu dem Fremden
Der setzt sich auf
die hinterste Bank
Die Gläubigen schweigen
Sie wissen genau
woher der Mann kommt
Angst getrieben
schlich er sich durch
die Grenze im Dunkeln
Gebeugt vom Elend
sucht er verschämt
das Tor zu einem würdigen Leben
Rebscher, Rainer Reno, *1949, ärztlicher Psychotherapeut, Liedermacher, Autor, Lyriker.
3 Gedichtbände, zuletzt „Neue Boote für die hellen Tage“ 2020, Reihe „Poesie 21“, Hrsg. Anton G. Leitner, Verlag Steinmeier in Deiningen, und 2 CDs mit Liedpoesie: „Auf stillen Pfaden“ 2012 und „Zwischenland“ 2016, bei Conträr Musik Schwarzenbek.
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