Eintönige Vielfalt

Christoph Sames für #kkl41 „Rasender Stillstand“




Eintönige Vielfalt

Ich war seit Tagen an der Küste Spaniens unterwegs und ein Ort glich dem anderen. Die typischen, modernen Küstenmetropolen mit ihren schnurgeraden, palmenbesäumten Strandpromenaden reihten sich aneinander wie Wechselstuben an einer Landesgrenze. Den Namen der Stadt durch die ich an diesem Tag ging, habe ich schon vergessen. In meiner Erinnerung habe ich sie als eine weitere gewöhnliche Ausnahmeerscheinung abgespeichert. Ein weiteres langweiliges Urlaubsparadies am Mittelmeer. Zwischen ein paar Häuserblöcken führten enge Gassen in den Ortskern, wo die Einkaufszeile mit den typischen Souvenirgeschäften, Eiscafes, Modehäusern und Fastfoodketten sich ausbreitete. Ziellos trieb ich durch die Straßen. Vor einem Kino, über dem ein riesiges Plakat von einer Neuverfilmung von Romeo und Julia prangte, küsste sich ein Pärchen innig, als wäre es die nahtlose Fortsetzung des Films in der Realität. Menschen saßen in den Cafes und telefonierten oder starrten auf ihr Handy, während sie sich ab und zu leicht nach vorne beugten, um durch den Strohhalm ein Schluck von den, in der Sonne bunt glänzenden, Schirmchengetränken zu nehmen. Auf einem kleinen Grünstreifen, in der Mitte der Straße, ging eine ältere Frau mit ihrem kleinen Chiwauwa spazieren und wurde fast von einem Schwarm Menschen überrannt, in dem jede*r Einzelne mehrere Einkaufstüten in beiden Händen balancierte. Am Ende der Einkaufsstraße breitete sich ein größerer Marktplatz aus. Plätscherndes Wasser vom Springbrunnen in der Mitte des Platzes, mischte sich mit dem Stimmgewirr von den edlen Restaurants am Rande und dem Techno-Beat von einer kleinen Breakdance-Straßenperformance, um die sich Menschen drängten und tanzten. Zusammen, aber jede*r einzeln, für sich allein, den Blick nach vorne gerichtet. Es war ein heißer Tag und überall waren Menschen draußen unterwegs. Kinder spielten mit den Wasserfontänen des Springbrunnens. Tourist*innen machten Fotos vor der Statue des Reiters, der über dem Brunnen in der Mitte des Platzes thronte und dessen Pferd mehrere Köpfe hatte, sodass es den perfekten panoptischen Rundblick über den Marktplatz hatte. Über den Restaurants, am Rande des Platzes, befanden sich Bürogebäude, eine Sky Bar von der aus wahrscheinlich das Meer zu sehen war und mehrere Fitnessstudios, durch deren Fensterfronten ich die Menschen trainieren sah. Darüber prangten riesige digitale Werbetafeln. „strong is the new skinny“ und „fitness and friends“ stand unter Bildern von breit grinsenden Gesichtern auf schwitzenden und gestählten Körpern.

Warum kam mir dieses Treiben so leblos vor, obwohl es objektiv betrachtet so ein reges Treiben an einem heißen Sommertag in einer ganz hübschen kleinen Stadt an der spanischen Küste war? Mutmaßlich lag es an den sterilen, lieblosen Neubauten, auf deren Balkonen nirgends Menschen zu sehen waren. Oder daran, dass sich nichts unterschied, zu den anderen kleinen Ferienorten entlang der Küste, durch die ich die letzten Tage gekommen bin oder zu den Innenstädten in Deutschland.

Einzig und selbsterklärend machten die Namen der Cafes und Restaurants den Unterschied. Sonst hätte ich überall auf der Welt sein können. Die gleichen Mode und Fastfoodketten, das Gleiche, emotionslose Design von Handy Shops, exemplarisch für die Menschen, die geistesabwesend auf ihr Handy starren und versuchen makellose Profile von sich zu erstellen, sich selber in ein glänzendes, wiederspruchfreies Licht zu rücken, in dem sie immer wieder fotografieren, um Momente festzuhalten und versuchen, das Leben in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen.

Ich ging weiter, hinaus aus dem Zentrum. Die Straßen wurden immer breiter und der Verkehr immer dichter. Ich ging an riesigen Glasfronten vorbei, in denen sich dieselben futuristischen Gebäude der gegenüberliegenden Seite spiegelten. In einer Nebenstraße sah ich einen Obdachlosen, der sich in den Schatten auf einen klapprigen Plastikstuhl gesetzt hatte, aber ansonsten war die Stadt auf merkwürdige Weise bereinigt von Fehlern und strahlte in einer mechanischen Makellosigkeit, wie viele Zentren der Städte Europas, die ich auf meinen Reisen gesehen hatte.

Ich dachte daran, wie diese Gleichheit die Menschen dazu zwingt diesem Lebensstil zu entsprechen. Immer gut aufgelegt und angezogen. Geistreich, aber nicht zu ernst, sodass es den kühlen Humor nicht beeinträchtigt. Wie eingehüllt in eine unsichtbare Schutzatmosphäre der Unnahbarkeit laufen sie umher, während eine andere Wahrheit ebenfalls unsichtbar gemacht wird, in dem man sie an den Rand der Städte drängt. Das Elend. Höchstens auf den blank geputzten Marmorböden in den Foyers der Theater und Museen wird, wenn auch ohne die Betroffenen, im kulturell angemessenen Rahmen über das Elend diskutiert, aber aus den Straßen der Stadt werden die, die nicht ins Bild passen verdrängt, so wie die letzten Staubkrümel unters Bett gekehrt werden, weil es reicht, dass auf den ersten Blick alles sauber ist. Aber es gibt Dinge die nicht ewig verschwiegen werden können und schon ein kleiner Windstoß reicht um den angesammelten Staub im ganzen Haus zu verteilen. Auch die negativen Seiten des Lebens müssen gesellschaftlich reflektiert und verarbeitet werden, sonst werden auch sie unterdrückt und in Zukunft umso stärker hervorbrechen und sich den Platz nehmen, den sie verdienen, genau wie Gefühle und Erlebnisse auf individuell-psychologischer Ebene. Alles wirkt auf den ersten Blick offen und tolerant in diesen Städten, aber die Ausgrenzung ist die Gleiche wie jeher, nur dass sie subtiler geworden ist. Es gibt keinen Schuldigen. Keiner Unterdrückt und beutet den anderen mehr offensichtlich aus, sondern es wird den Menschen vermittelt selbst etwas falsch gemacht zu haben, sich selbst in eine missliche Lage manövriert zu haben. Es wird niemand mehr öffentlich an den Pranger gestellt, alles in dem Glauben in einer offenen, respektvollen Gesellschaft zu leben. Die Armut ist nicht sichtbar, weil sie vereinzelt ist. Menschen in schwierigen Lebenslagen schließen sich nicht mehr zusammen und stellen Forderungen, stattdessen ist nur die schillernde Pluralität der Lebensstile sichtbar, die in Wirklichkeit so einfältig ist.

Die Werbetafeln sprangen mir geradezu ins Gesicht und mir lief ein Schauer über den Rücken: „Das f in facebook steht für Freunde und Familie“, „alles was sich geändert hat ist alles“, „youradventureallreadyplaned.com“, „reaching the top is just the beginnig“,  „sie hat schon viel vor sich und noch mehr hinter sich“.

Mich beschlich das Gefühl, dass der Kapitalismus dazugelernt und die alten, heftigen Gegenwind erzeugenden, Unterdrückungsformen begrenzt hat und jetzt die unterschwellige Angst der Menschen nutzt, um sie ihnen wieder zu verkaufen. Die Angst vor der Einsamkeit, nachdem alte Bezugspunkte wie Familie, Religion und Klassen weggebrochen sind, stellt eine Lücke da die gefüllt werden muss.

Doch sie wurde nicht mit Freiheit gefüllt, sondern mit Konsum. Individualität wird in ihr Gegenteil verkehrt und als Massenware verkauft. Die neuen Dogmen der Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung sorgen für Orientierungslosigkeit und schnell lernen die Menschen sich anzupassen, was unter diesen Vorzeichen bedeutet etwas Besonderes darzustellen und sich von den anderen abzuheben, um genauso zu sein wie sie. Ein Paradox, das aufgedeckt, einen Pseudo Individualismus entlarvt. Selbstdarstellung über industriell gefertigte Produkte und industriell vorgekaute Kultur. Ein Gefühl von: Ich kann nichts mehr selbst. Entfremdung und Vereinzelung. Das tief verletzte Selbstwertgefühl kann bei denen, die es unbewusst ahnen nur durch noch mehr hemmungslosen Konsum, Genuss, Extravaganz und Unberührbarkeit geheilt werden. Oder, wenn das Gespür schon etwas konkreter geworden ist und sich in Depressionen, Ängsten oder Psychosen äußert, durch Ratgeber und alternative Konzepte der Lebensführung, die allesamt das Loslassen predigen. Aber trotz Yoga, Coaching und gesunder Ernährung bleibt das Gefühl von subtiler Verzweiflung, weil es ein Wiederspruch in sich ist. Weil es eben nicht loslassen bedeutet, sondern sich daran festhalten, wie an eine neue Religion. Jede*r ist scheinbar selbst schuld an seinem Scheitern, weil wir doch alle selbstbestimmt sind und uns niemand zu etwas zwingt. Also sieht keine*r den Bezug zu den Verhältnissen und viele versuchen sich selbst zu therapieren, am besten eine Kurzzeittherapie per App, damit es schnell weitergehen kann. Und wieder andere haben den Wunsch nach Selbstverwirklichung in einer unbemerkten Weise so sehr verinnerlicht, dass sie tatsächlich meinen frei und etwas Besonderes zu sein. Aber sie sind das neue Mittelmaß, gezähmt, durchschaubar und gewöhnlich.

Ich vermisse die alte Zeit in Berlin. Wenn ich dort vor Jahrzehnten in ähnlicher Weise durch die Straßen spazieren gegangen bin, wie an diesem Tag in Spanien, spürte ich statt der eisigen Aura der Selbstverliebtheit eine wärmende Poesie des Elends, die in herrlicher chaotischer Vielfalt strahlte. Statt der Vereinzelung und dem Pseudo Individualismus fühlte es sich in manchen Vierteln so an, als wären die Menschen ein einziges Kollektiv und trotzdem jede*r Einzigartig.




Christoph Sames,







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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