Endgültiges Gemälde: Künstler und Schicksal

Elisabeth Guarcello für #kkl41 „Rasender Stillstand“





Endgültiges Gemälde: Künstler und Schicksal

Die Malerin meditierte lange vor ihrer Leinwand. Ist das Ihr zweites Bild? Sie zählte nicht mehr. In den letzten Jahrzehnten hat ihr jeder besucht: alt, jung, männlich, weiblich oder beides. Sie war nicht wählerisch, sie schaute sich den Körper auf dem Bild, an. Sie hielt den menschlichen Körper für schön, wunderbar schön, eine der Manifestationen Gottes. Ihr zufolge war niemand hässlich, in jedem Körper, sei er intakt, ohne Gliedmaßen, gesund oder krank, lag der Zauber der Schönheit verborgen und es war ihre Aufgabe, diese Schönheit von dort auf die Leinwand zu zaubern.

Deshalb wurde sie berühmt. Viele Menschen kamen zu ihr, auch aus dem Ausland. Aber das ist jetzt egal, nur der Pinsel, die gemischten Farben und das Bild. Das Bild, zu dem die Inspiration nicht kam. Ein rasender Stillstand.. seit Tagen und sie fühlte, dass die Zeit davon läuft. Ihre Zeit. Auf der Erde. Dies sollte ihr letztes Bild sein: ein riesiges, raumfüllendes. Das letzte Stück ihres Erbes. Wo sind die vielen Ideen und Wünsche geblieben, die Ihre Kunst inspiriert haben? Wo gibt es einen Körper und eine Seele, die sie noch nicht gemalt hat? Sie hat Hunderte von Werken geschaffen und verkauft, aber das perfekte Werk ist ihr noch nicht gelungen. Es war ihr egal, was andere über sie sagten: Wichtig war, was sie über sich selbst sagte, dachte.

Und ihr gefiel nicht, was sie auf dem Leinwand sah. Der war weiss.. und leer. Das perfekte Werk ist noch nicht geschaffen. Sie suchte danach in armen Siedlungen, reichen Vierteln, verlassenen oder bewohnten Villen, unter den Menschen auf der Strasse, konnte es aber nicht finden. Etwas Ähnliches aber Ja. Und sie malte und malte sie fleißig, bis ihre Hände weh taten, aber sie erinnerten sie nur schwach an das, was sie wollte. „Vielleicht suche ich etwas Himmlisches? Einen Körper, eine Seele, ein Auge (denn das Auge ist der Spiegel der Seele), das gar nicht existiert?“ – murmelte sie vor sich hin.

Ihr Gedankengang wurde plötzlich durch einen Hustenanfall unterbrochen. Sie spuckte in ihr Taschentuch, wer weiß wie oft an diesem Tag, schaute es nicht einmal an, weil sie wusste, welche Farbe es hatte, dann wandte sie sich wieder ihren Gedanken zu. „Ich kann es nicht finden, ich kann es einfach nicht finden … und ich kann nicht sterben, ich kann die Welt nicht verlassen, ohne ihn zu malen. Ich möchte meine ganze Seele hineinstecken … Ich hoffe, dass ich es schaffe, das zu erreichen“, sagte sie ihr Blich zum Himmel hebend, wie sie es jeden Tag in den letzten Monaten tat. Die schlechte Nachricht über ihr Zustand kümmerte sie nicht mehr… anfangs war sie deprimiert darüber, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb, aber es gab ihr vielmehr neue Kraft, einen Anstoß, noch härter zu arbeiten und nach dem KÖRPER zu suchen, den sie mit ihrer ganzen Seele malen kann, auf die Leinwand, die ihr seit so vielen Jahrzehnten ein treuer Begleiter ist und war. Den KÖRPER, der alle Funken des Geistes enthält, dessen Augen die Vergangenheit und Gegenwart widerspiegeln und so auf die Zukunft hinweisen. Weil Menschen oft, sehr oft (und hier seufzte sie laut) in der Vergangenheit leben oder in die Zukunft blicken, aber fast nie in der Gegenwart. An der Wand hingen viele Bilder der Vergangenheit, Präsent und der Zukunft  aber sie konnte niemanden finden, bei dem alle drei im Gleichgewicht waren. „Warum in der Vergangenheit verweilen, wenn wir die Schönheiten der Gegenwart vergessen? Die einzige Möglichkeit, aus der Vergangenheit zu lernen, besteht darin, sie in der Gegenwart zu nutzen, aber wenn wir die Gegenwart nicht haben, nicht da drin verweilen, ist es dumm, sich um die Zukunft zu sorgen. Wir wissen noch nicht einmal, was in den nächsten fünf Minuten passieren wird, was uns das Schicksal oder das Leben bringen wird“, fuhr sie in ihrem Gedankengang fort. „Wie dumm wir sind“, murmelte sie, dann setzte sie sich auf den Stuhl vor der Leinwand und starrte auf die leere Leinwand. „Und wie schön das Leben ist“, seufzte sie, „voller wunderschöner Farben, Möglichkeiten, Wärme. Dies ist ein Geschenk, das wir wertschätzen sollten und über das wir uns nicht immer beschweren sollten. Und man braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Je größer unsere Bedürfnisse, desto unglücklicher werden wir sein“, fügte sie noch in Gedanken hinzu , dann stand sie langsam auf, weil ihr Rücken es nicht mehr so aushielt wie früher und es begann zu knacken…  sie ging zum Sims und öffnete das Fenster ihres Ateliers. Sie roch die frische Frühlingsbrise ein, und obwohl ihr Blick nur bis zu den Dächern reichte, konnte sie immer in den offenen Himmel blicken. Einer nach dem anderen starrten die Sterne von oben auf sie herab und flüsterten ihr zu: Hab keine Angst, wir werden immer für dich da sein und leuchten, wohin du auch gehst.

In den nächsten Sekunden spürte sie ein kleines Gewicht auf ihren Schultern. Erschrocken drehte sie sich um und sah eine männliche Gestalt. Er trug eine gerade geschnittene dunkelbraune Hose, ein weißes, enger sitzendes Hemd und einen Schal, der locker um seinen Hals hing. Seine himmelblauen Augen richteten sich auf ihre, und bevor sie schreien konnte, sprach der Mann sehr leise zu ihr: „Ich bin gekommen um deinen letzten Wunsch zu erfüllen“. Die Augen der Frau weiteten sich, die Worte blieben stehen in ihrem Hals. „Es ist nicht mehr viel Zeit übrig und alles wird anders sein, wenn es vorbei ist“, fuhr er fort, nahm sie bei der Hand und führte sie vor die riesige Leinwand. „Ich bin derjenige, den du suchst“, sagte er und sah sie dann an. Die Frau musterte ihn, und da sie von nichts mehr überrascht war (sie hatte viel erlebt), ließ sie ihren Blick über seinen Körper gleiten. „Ich kann mich ausziehen“, lächelte der Mann sie an, und als die Frau nickte, begann er sich nacheinander auszuziehen. Er fing von oben an. Zuerst löste er den Schal und enthüllte seinen dicken (weder großen noch kleinen) Adams-Eva-Hals, auf dem ein schwarzhaariger, bartloser, gut rasierter Kopf saß. Der Mann war wahrscheinlich in seinen Vierzigern, und war erkennbar, dass er das ein oder andere durchgemacht hatte. Er knöpfte langsam sein Hemd auf, dann zog er es aus und enthüllte zwei Symbole, die auf seiner Brust tätowiert waren. „Dies ist das Zeichen des Lebens“ – er zeigte nach links – „Und dies ist das Zeichen des Todes“ – er zeigte nach rechts. „Und was verbindet sie?“ fragte die Künstlerin. „Hm… das ist das Geheimnis des Lebens” – kann dich versichern „und sobald ich weiss, wird dies das nächste Tattoo sein“, antwortete der Mann grinsend und begann dann, mit langsamen Bewegungen, seine Hose zu lockern. „Ich glaube, du willst mich völlig nackt“, schaute sie an und als sie kurz nickte, warf er die ausgezogene Hose auf dem Boden .

Er stand vor ihr, mit seinem 1,80 cm und blickte auf den 1,60 cm Künstlerin herab. Seine Augen suchten neugierig ihre Augen, die forschend jeden Winkel seines Körpers erkundeten. Die Augen des Mannes suchten sanft die Frau ab, die nichts mehr sehen konnte als den Körper des Mannes und durch ihre Augen seine Seele. Der Mann schwieg, ging näher zum Fenster und blieb dort stehen. Durch das offene Fenster dring das Licht der Nachtlampen herein und vermischte sich mit dem Atelier-Eigenes. Er lehnte sich langsam an den Sims. „Bleib so stehen, beweg dich nicht“, bat sie ihn „Perfekt. Du bist Perfekt.” – hörte er ihr noch leise sagen. Sie nahm den Pinsel in die Hand und malte, malte stundenlang, während er leise schmunzelte.

 „Eine Pause?“ fragte der Mann. „Dafür habe ich keine Zeit“, antwortete die Künstlerin und nahm nicht einmal den Pinsel aus der Hand. „Ich weiß“, antwortete der Mann ruhig –  „Aber ich gewähre dir die Zeit. Ich mag dich“, fügte er leise, aber immer noch hörbar hinzu. Das Gesicht der Malerin strahlte und mit einem warmen Lächeln sagte:„Danke. Das ist das schönste Geschenk meines Lebens.“ „Oder vom Tod“, antwortete der andere grinsend. „Oder vom Tod“, nickte die Frau unterwürfig. Die Zeit blieb nochmal still…

Als der erste Hahn krähte, war das Bild fertig. Die Künstlerin trat zurück um ihr Bild noch einmal anzuschauen.. sie seufzte laut und sagte: „Perfekt. Mein letztes Bild“. Der Mann ging auf sie zu, umarmte sie von hinten, betrachtete das Bild und sagte: „Tödliche Kunst“. Die Frau unterschrieb ein letztes Mal ihren Namen, drehte sich um, küsste den Mann auf die Lippen und flüsterte: „Danke.  Jetzt  können wir gehen. Und damit sank sie sanft in die Bewusstlosigkeit in seinen Armen. Ihren Weg begleiteten fortan die Sterne.

Elisabeth Guarcello

Ich bin im Jahr 1973 geboren, ursprünglich aus Debrecen (Ungarn) stammend, lebe ich seit mehr als 20 Jahren in Zürich, Schweiz. 
Nach dem Studium war ich als Kommunikationsberaterin für Business- und Privatleute unterwegs sowie als freiwilliger Job-Coach für Jugendliche in Zürich. 

Gerne schreibe ich Blogs (lisaguarcello.ch).







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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