Fahrtwind

Eleni Buck für #kkl41 „Rasender Stillstand“




Fahrtwind

Manchmal, wenn ein Zug an einem vorbeifährt, dann fühlt es sich so an, als ob ein kleiner Teil der Seele mitzieht mit den Wagons. Fast unbemerkt, ganz leise und versteckt, wie ein Flüstern, haucht es dann in einem und aus einem heraus „weg will ich“. Doch der Körper bleibt da. Zusammen mit den wehenden Haaren im fremden Fahrtwind und dem Gefühl, dass gerade irgendwo irgendwie eine Geschichte beginnt, in der alles anders ist. Man wäre ja eingestiegen, dem stillen Wunsch der Seele hinterher hin zum Anfang seiner eigenen Irgendwo-Irgendwann-Geschichte, hätte man gewusst, wann und wo. Hätte man gewusst, woher der Zug kommt und wohin er zieht, wäre man bestimmt eingestiegen. Man hätte ein Ticket gebucht, wäre ganz sicher nicht mehr hier, ganz sicher woanders. Man säße jetzt im warmen Abteil und würde vielleicht gar nicht merken, an wie vielen Geschichten man vorbeiziehen würde, wie viele Seelenteile man mitnehmen und wie viele Augen einem nachsehen würden aus einem Kopf mit wehenden Fremdfahrtwindshaaren heraus. Irgendwo gäbe es dann einen anderen Zug und hätte man gewusst, wo und wann er abfahre, woher er komme und wohin er zöge, dass er überhaupt existiere, wäre man ganz sicher eingestiegen. Ganz sicher säße man dann nicht in diesem Abteil, unwissend der Seelenteile, die mit den Wagons mitziehen, in einem warmen Flur auf einem nummerierten Sitzplatz, wissend, wohin es geht und woher man kommt. Würde man diesen anderen Zug vorbeirauschen sehen, würde ein kleiner Teil der Seele mit ihm mitziehen und man würde leise gegen die Fensterscheibe hauchen „weg will ich“. Doch noch steht man am Bahnhof. Die Haare wehen im Wind. Und hier bleibt man eine Weile, bis man merkt, dass man seinen Zug verpasst hat und nach Hause fährt.




Eleni Buck, geboren im Jahr 2001 in Heidelberg, studiert Medizin in Bonn. Seit der Grundschulzeit schreibt sie Geschichten und Gedichte und besucht 2016/17 die Kulturakademie der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg in der Sparte Literatur. Neben dem Studium arbeitet sie mit nierenkranken Kindern zusammen und verfasst neben Kurzprosatexten über die eigene Gedankenwelt auch gerne Geschichten für Kinder und Jugendliche. 







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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