Selbsterkenntnis in den Pyrenäen

Dr. Franziska Proskawetz für #kkl41 „Rasender Stillstand“




Selbsterkenntnis in den Pyrenäen – Von einer Reise, die bewegt

Ich schreibe selten Reiseberichte. Doch nach einer Höhlenexkursionen in Frankreich verspüre ich ein starkes Bedürfnis, meine Erlebnisse und Empfindungen in der Höhle zu Papier zu bringen. Es ist kaum in Worte zu fassen, wie es sich anfühlt, tief im Inneren einer kühlen, feuchten Tropfsteinhöhle nicht nur jahrtausendealte Kunstwerke, sondern auch die eigene Psyche zu erkunden.

Ich halte inne und warte, bis die Gruppe in der Dunkelheit der Höhle verschwunden ist. Für einen Moment bin ich ganz allein. Ich möchte die Höhle spüren, ihre Atmosphäre auf mich wirken lassen, sie ganz für mich allein haben. Ein Selbstexperiment. Um mich herum ist es tiefschwarz. Es ist kühl. Von der Decke tropft es. Plopp. Plopp. Plopp. Sonst kein Geräusch. Stille. Ich drehe mich um und leuchte mit meiner kleinen Taschenlampe tief in die Höhle hinein. Die weißen Tropfsteine reflektieren das Licht. Alles erscheint unwirklich, wie in einer anderen Welt. Plopp. Plopp. Plopp. Hat sich dort am großen Stalagmiten in der Mitte der Höhle gerade etwas bewegt? Was war das dort hinten an der Höhlenwand? Eine Fledermaus? Eine Einbildung? Eine optische Täuschung durch das flackernde Taschenlampenlicht? Oder versteckt sich doch irgendwo ein Höhlenbär? Ein Schauer läuft mir plötzlich den Rücken herunter. Es ist kalt. Stille. Plopp. Plopp. Plopp. Die Geister längst vergangener Zeiten? Meine Fantasie geht mit mir durch. Springt mir dort ein Bison entgegen? Erinnert dieser Vorsprung dort nicht an einen Löwen? Angst steigt in mir auf. Die Dunkelheit, die verwinkelten, unebenen Höhlenwände, die Formationen der Tropfsteine – alles erscheint unheimlich, sobald ich allein bin. Plopp. Plopp. Plopp. Die Gruppe ist weit entfernt. Panik erfasst mich. Ich spüre, dass ich nicht für diese Höhle gemacht bin, dass meine Psyche mir Streiche spielt. Ich ertrage es nicht. Wo ist meine Gruppe? Ich laufe der Gruppe hinterher. Schnell, schnell, nur nicht allein sein und immer Anschluss halten. Sobald die Gruppe in der Nähe ist, fühle ich mich sicher.

Wir sind wieder im Freien. Die Sonne scheint. Es ist Frühling, fast Sommer in den Pyrenäen. Beim Rückweg zum Reisebus über die blumenübersäte Wiese erwärmt sich mein Körper und auch mein Geist. Ich werde ruhig. Zeit zum Nachdenken:

Wie haben unsere Vorfahren die Höhle wahrgenommen? Haben sie gefühlt wie ich? War das Begehen der Höhle eine risikoreiche Mutprobe, die nur die körperlich und mental Stärksten der Gruppe bestehen konnten? Hätte ich versagt? Waren sie mutiger oder vielleicht gar ängstlicher als ich? Sind sie einzeln gekommen oder waren sie zu mehreren unterwegs?

Die Erlebnisse beschäftigen mich. Mein Kopf rattert. Denken, denken, denken. Zahllose Fragen, keine Antworten. Ich möchte so gerne wissen, was die Menschen damals bewegte. Ich möchte fühlen, was sie fühlten, und spüren, was sie spürten.

Zurück in Deutschland denke ich oft an die Höhlen. Ich sehne mich fast nach ihnen, sie ziehen mich magisch an. Sie ziehen einen nach unten. Noch einmal tief und tiefer hineingehen, jeden Winkel erkunden und die Höhlenwände unter meinen Fingern spüren, Mut beweisen, sich der Angst stellen? Die Höhlen lösen Adrenalin aus. Ich kann das Verlangen meiner Vorfahren spüren, diese Höhlen trotz aller Risiken und Gefahren zu erkunden. Ihre Gedanken kenne ich nicht, dafür bin ich zu sehr Mensch meiner Zeit. Die Höhle mit allen Sinnen begreifen, Tiere im Geiste entstehen lassen mithilfe der befremdlichen Mischung aus Angst, Fantasie und Licht – das gelingt uns heute genauso.

Wie sehr kann eine Reise begeistern? Wie sehr zum Nachdenken anregen? Die Reise berührt tief, wenn wir es zulassen. Denn sie führt nicht nur in die Pyrenäen, sondern zu uns selbst. Die Erlebnisse in den Höhlen spiegeln die eigene Gefühlswelt, führen zur Selbsterkenntnis. Die Höhlen befreien vom Alltag, sie berühren, sie wirken lange nach, sie verändern. Und sie verbinden uns mit längst vergangenen Zeiten und möglicherweise der Gefühlswelt unserer Vorfahren, die der unseren ähnlich sein mag.




Dr. Franziska Proskawetz, Jahrgang 1990, Bildungs- und Sozialwissenschaftlerin, Interesse: Eiszeitliche Höhlenkunst.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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