Christian Wolf für #kkl41 „Rasender Stillstand“
Tagesanbruch
Die Mulden deiner Fingerkuppen
in der Matratze.
Ich fülle sie mit Sehnsucht.
Den Tatbestand aufnehmend,
deine Krallensprache,
der Tatort rot umrissen.
Mord,
die Sonne kriecht durch deine Wege
in meinem Rücken,
leckt durch die Blutspur,
mein Schneeengel,
stürzt uns den Frost von den Wimpern
beim Dampf von Spiegelei und Matcha,
ein Aquarell mit Pfefferspuren überm Tag.
Wir taumeln kurz
aus unsrem weichen Grab.
Wir tauchen wieder tief
in uns hinein.
Und unsre Liebe
birgt uns tiefer
als ein Sarg.
Herzzeit
Wenn wir uns treffen und wegschießen,
entsteht dieser ballistische Ballast. Humor,
der kitschig klingelt wie Patronenhülsen,
das Raum-Zeit-Gefüge penetriert, gefügig macht.
Punktuell pointierte Zielsprünge,
die gekrümmten Raum bereisen,
auf der Suche nach dem Glück. Banal.
Aber wusstest du, dass meine Playlist Richtung
Zeitreise-Serien springen wird,
ich schon vor-hin gesprungen bin, immer am Sprung,
nicht bleiben will wie Kameralinsen,
getauschte Augenblicke gegen Geld, also Spielzeit,
also all das Festhalten bin ich, ohne Film,
ohne Beschau, nur im Filmriss?
Immer am Sprung ohne Ankunft,
mit so vielen Wunden an den Füßen,
dass ich nie wieder landen kann.
Nur mit Lachen durch die Tränen schießen
in slow motion, in der du mich siehst,
wie sich mein Geist bewegt,
im erstarrten Körper nicht mehr folgen kann
dem Uhrwerk des mechanischen, zeitspringenden Herzens.
Youth
Die Sonne lag ausgestreckt im Flussbett,
diktierte die Ankunftszeit,
das Protokoll unsrer Augen,
die folgten, schnitt uns u-bahnfensterweit
mit den Schatten, mit brennender Kühle
überbrückt von Geschwindigkeit.
Viel zu langsam,
und nichts mehr wird klar sein,
was man morgen noch
von heute weiß,
jahrelang dann, erst einmal rauschend
und zum zweiten Mal wieder begreift.
Dieser Flusstakt,
in dem wir verschwommen,
überflutet und ausgefüllt waren,
dieser Strom, der die Ebbe bezwungen,
nur um eines ins Flussbett zu tragen,
dass uns nur die Erinnerung bleibt.
Romantozän
Müsste ich dir ein Bild malen,
du kennst die Tapete dahinter,
angerissen, als wir Liebe
an ihr machten.
Schnell ging, wie die Zigarette,
von Mund zu Mund gefluchter Rauch.
Dampfend am Balkon,
das krachende Holz,
ein Fehlgriff geht auf
dein Konto, die Wohnung,
die morsche Bleibe,
wo alles ausbleibt,
besser nicht genau hinsehen.
Ich, verliebt in deine
Versprechungen,
an den Himmel geklebt,
an die traumschwangere Luft und
vanillefarbenen Sterne,
der Geschmack deiner Haut,
den schon niemand mehr glaubt,
ohne feuchte Finger
nimmt mich mein Handy-
display nicht an,
lässt sich so wenig beschreiben
wie diese nimmer,
und dafür ein Herz,
erwiderte Nacht.
t-rieb-räume
ersticken in lust
diese blicke die fremdgehen
fremde werden
fragen ins fleisch legen
maden
schaben sich aus den
augen
richten die fadenkreuze
inwendig auf
die augenweißen fremdlinge
vollgefressen
von lichtstrecken
die meine augen zurücklegen
bis an den anfangs
punkt
strahlende weise
ich frag euch
wohin geht die reise
in mir
Der nackte Terror
Deine Silhouette am Morgen
mit Augen zu betrachten,
die nichts sehen werden.
Gefühle in Konserven aufreißen,
in ein gieriges Herz kippen,
das alles hinunterschlingt
und nichts wieder ausspuckt.
Keinen Fangarm, kein Fischbein,
an die man sich erinnern könnte,
was sie mal gewesen waren.
Wir.
Den Finger am Abzug.
Mit unserer Fernbedienung
töten wir Bilder,
angeschwemmtes Treibgut
im Rauschen der Autokolonnen.
Unsere Sinne sind Nomaden,
die weiterziehn.
Selbst angehalten
blicken sie durch uns hindurch.
Wir
schwimmen mit den Walfischen aus Glas
dem Fluss entlang, der Promenade.
Mal frisst uns eine dieser Bars,
mal werfen uns
die Bierverkäufer was ans Ufer.
In die Mündungen
klatschen die Wellen-
berge zusammen.
Verpflanzen wir uns,
teilen das Gras,
bestreuen uns …
Lassen uns berieseln
vom Tag, von Wasser und Licht,
das niederbricht,
mit der Nacht zum Strom wird.
Umspannwerk unserer Tage,
wir haben nur einander,
nur die Welt, nur die Goldadern,
lichtdurchzuckt, Goldnasen,
Neongehirne.
Nur manchmal
strauchelt der Luftzug,
lässt sich nicht reibungslos atmen
mit geteerten Lungen,
geht die Stadt mitten durchs Herz
beim Erwachsen, Werden.
Christian Wolf, geboren 1996 in Velden am Wörthersee, studierte Philosophie an der Universität Wien. Neben Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften (u.a. DUM, manuskripte, Pappelblatt) sind drei Lyrikbände von ihm erschienen: „Bewusstseinsinseln“ (2021) und „Die Sinnspur spüren“ (2023) in der Edition Sonne und Mond, „Schall und Rauch“ (2022) im Sisyphus Verlag. 2019 erhielt Christian Wolf den „Wiener Werkstattpreis“.
Homepage: https://echriwo.wixsite.com/christianwolf
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