Ilona Gruber Drivdal für #kkl41 „Rasender Stillstand
Fünf Fragen und ein Mantra
An den Himmel:
Wie weit
am Himmelsbogen
sind die Pfeile geflogen:
die rasende Zeit?
*
An die Sonne:
Umdrehen
und rastlose Reisen.
Wer hat in den Kreisen
die Mitte gesehen?
*
An den Mond:
Hat mein Hoffen
aus dunkelster Stunde
die mondvolle Runde
getroffen?
*
An die Sterne:
Wo Sterne
auf die Erde fallen
leuchtets in den Eiskristallen.
Wie naht sich uns allen
die Ferne?
*
An die Erde:
Hat unser Getue
beim Erd-Umrunden
die Mitte gefunden:
die Ruhe?
*
Mitte!
Im äußeren Getue
in diesem Rasen und Rotieren
darf ich die Mitte nicht verlieren!
Sie ist in mir, ich weiß es:
Im Innern des Kreises
DIE RUHE.
Punkt.
Mein Ausgangs-Punkt ist das Kommen und Gehen
Mein Retourpunkt: auf rastlosen Reisen
die Welt aus der Mitte zu sehen.
Einen Augenblick stille zu stehen,
ein ruhender Punkt in rotierenden Kreisen
mein Standpunkt, die Welt zu verstehen.
Dazwischen die wertvollen Stunden
Noch zählen wir Zeiten.
Die Jahre, die Monate, Tage – sie gleiten
wie Schätze, die zwischen den Fingern zerrinnen,
wie Schatten in unserem Uhrzeiger-Sinnen.
Von Norden her treibt es mich südwärts zur Schlucht
wo ich zwischen zwei Hügeln die Mitte gesucht,
um nach Süden hin wild durch die Enge zu treiben,
im reißenden Fluss, und nur Felsen verbleiben.
Wo Räume sich weiten – von Osten nach Westen
sich Zeiten anzeigen: Dort zwischen den Ästen,
und zwischen zwei Wipfeln,
und zwischen zwei Gipfeln…
Dort: über der Schlucht, in der Mitte des Landes,
dort sah ich etwas, es erschien, dann verschwand es
im Bogen des Tages, von Osten nach Westen,
dort hab‘ ich‘s gesehen! Dort, zwischen den Ästen.
Dort öffnet die Pforte sich: Zwischen den Hügeln
erscheint mir die Sonne mit feurigen Flügeln
in täglichen Zyklen mein Tal zu umrunden.
Dort zwischen den Schatten: Die wertvollsten Stunden!
Mein Tal war verdunkelt. Die Schlucht, sie durchbricht es,
denn täglich erscheinen uns Zeichen des Lichtes,
entfesseln sich Fesseln des Felsengewandes
und sprengen den Weg durch die Mitte des Landes.
In ewigen Kreisen das Tal zu umrunden:
Die Sonne – sie hat hier die Mitte gefunden,
durch schaurige Schluchten zum Durchbruch gedrängt,
bis am Ende des Tunnels der Tag mich empfängt.
Ich strecke den Bogen, mein Atem wird weit:
Ein Atemzug Stille. Und die Pfeile der Zeit.
Fließen lassen
Die Wasser: sie klopfen
es Tropfen für Tropfen
in steinerne Wand.
Die Felsen: sie bleiben.
Die Ströme: sie schreiben
mit lautloser Hand
ihren Schriftzug durchs Land,
ein verbindendes Band
aber doch ohne Bindung.
Er fällt von den Höhen,
er bleibt niemals stehen,
er wünscht sich zur Mündung…
Und wieder zur Quelle:
Als freies Gefälle
ergießt sich der Fluss,
Und er flüstert beim Reisen
die Worte des Weisen:
die Botschaft: dass es fließen muss.
Der Fluss treibt durchs Tal,
und zum wievielten Mal
hör ich Heraklit,
Wenn er sagt: ‚alles regt sich
alles fließt und bewegt sich‘…
Und ich fließe mit.
Er fällt von den Höhen,
er bleibt niemals stehen,
denn: ‚Zeit‘ heißt der Fluss.
Es wird Vergehen,
stets Neues entstehen,
weil alles fließen muss.
So raste sie durchs wilde Land:
Die Zeit, die niemals stille stand.
Der Felsen blieb noch hier am Ort.
Dort halt ich inne, um zu lauschen:
Im Stillstand rauscht ein ewig Rauschen
Es wiederholt sich dieses Wort:
Lass fließen, weil es fließen muss.
Er ist schon wieder fort,
der Fluss.
Ilona Gruber Drivdal *in Darmstadt, seit 1980 in Norwegen.
Mit Ausgangspunkt Norwegen bin ich als Anthropologin etwas in der Welt herumgekommen und habe mich für die interkulturelle Zusammenarbeit und Friedensarbeit engagiert (Austauschprogramme, Studienreisen). Als Bio-Bäuerin, Imkerin und Aktivistin habe ich mit Bauernvereinen und NGOs weltweit zusammengearbeitet. In Norwegen habe ich mehrere Artikel, Workshop Papers und wissenschaftliche Arbeiten und Übersetzungen veröffentlicht sowie ein Buch mit meinen Kulturbeschreibungen In Oxford habe ich eine Übersetzung veröffentlicht: „The Poetry and Thinking of the Chagga“. In letzter Zeit habe ich auch Germanistik und Literaturwissenschaften studiert, als eine Art Heimkehr zu meiner Muttersprache.
Ich liebe das einfache Leben in meiner Hütte im Wald, mit Blick auf den Fjord. Die norwegische Natur hat mich zur Lyrik inspiriert¸ die ich nur in meiner Muttersprache schreibe. Daher freue ich mich, mit deutschsprachigen Lyrikern und Künstlern in Kontakt zu kommen.

„Foto: mit dem Buch „Rondane-Kilimanjaro. Vennskap flytter fjell“ (Freundschaft kann Berge versetzen).“
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