Veronica Manon Elaine Holl für #kkl42 „Selbstachtung“
Nur mal wieder achtsam sein
Wenn ich könnte, würde ich es gern, nur mal wieder achtsam sein. Nur mal wieder mich selbst achten, aber heute kann ich nicht. Ich habe heute nichts bewegt. Tausend Sachen vorgenommen, voreingenommen, von meiner nicht existenten Achtsamkeit. Mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Fliege raste ich von Aufgabe zu Aufgabe, stets gewappnet für den Aufprall und das ächzende Abperlen in eine andere Sache hinein. Selbstachtung und Achtsamkeit, sich selbst achten und achtsam sein – derselbe Wortstamm. Aber auch dieselbe Bedeutung? Komplemente oder Substitute? Achtgeben, auf sich selbst, achtsam sein, für sich selbst. Sich selbst achten.
Wann achte ich mich selbst?
Heute nicht, denn heute war ich faul. Und das, obwohl ich die ganze Zeit versucht habe, es nicht zu sein. Doch ich war nicht achtsam genug, und nun darf ich mich nicht achten. Heute verachte ich mich eher noch. So schnell kann es gehen. Kein Auftakt, keine Vorbereitung, einfach plötzlich kurz nicht achtsam sein. Der eine schlechte Tag wiegt so viel schwerer, die wenigen Stunden in Relation zu so vielen anderen so viel düsterer, dass sie alle bisher aufgebauten Steine im Turm der Selbstachtung zum Einsturz bringen. Dann starre ich von Vorwürfen zerfurcht an die Wand, die mich höhnisch fragt, warum ich denn nichts produziere, inventiere, warum ich nicht funktioniere, um schließlich zu kollabieren, als nichts taugende Nutzende nur noch an mir selbst zweifelnd und von jeglicher Achtung nur umso weiter entfernt scheine als noch ein paar Stunden zuvor.
Balu der Bär singt „Mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit…“
Aber das Leben ist hektisch, zumindest leben wir es so. Da bleibt keine Zeit zum Überlegen, zum Entspannen, zum Selbstachten. Ich achte mich selbst, wenn ich etwas erreicht habe. Doch wann ist das? Wenn ich mit schwitzenden Händen die letzte Erschöpfung auskeuchend am Boden liege und vor mir etwas aufragen sehe, das davor nie dagewesen zu sein schien? Oder war es auch davor schon da, habe ich es einfach nicht da stehen sehen? Und wenn der kleine Erfolg dann lächelnd durch die Tür marschiert, mir die Hand schüttelnd höflich gratuliert – wie lange dauert es, bis er sich leise entschuldigt, er müsse leider weiter, aber es wäre schön gewesen? Ja, es war schön, aber auch ich muss wieder weiterziehen. Das nächste Projekt ist schon in vollem Gange. Und arbeite ich nicht hart genug, kommt der Erfolg vielleicht gar nicht mehr vorbei. Und die Selbstachtung ist wieder im Eimer.
Ich plane und überlege, arbeite und überarbeite, hinterfrage und verwerfe wieder, dramatisiere (immer) und verzweifle schließlich… denn ich bin es nicht gewohnt, zu verlieren, selbst, wenn ich verliere, weil ich niemals achtsam bin. Ich mache selten Pause, um zu betrachten, was schon da ist, wofür ich mich selbst achten können soll, und vielleicht sogar muss, um nicht dem Wahnsinn dieser Welt zu verfallen. Ich strebe immer weiter nach dem nächsten Ziel, der nächsten Sache, die mich selbst mit Stolz erfüllen soll, auch wenn sie es dann eigentlich gar nicht tut.
Dabei könnte ich mich doch schon heute selbst Stolz machen, wenn ich nur einmal auf mich achtgeben würde. Stattdessen versuche ich alles verbissen zu verbessern, noch sehnsuchtsvoller auf meine sogenannten Ziele abzielend, immer nach irgendeiner Form von Erfüllung trachtend, während ich mir, immer darauf bedacht, mich nicht zu früh schon unverdient zu achten, vorwerfe, nicht früher begonnen oder noch nicht mehr getan zu haben, allgemein nicht härter zu arbeiten. Aber wozu eigentlich?
Wer achtet sich selbst? Ich oder die anderen?
Wahrscheinlich die anderen, aber sicher nicht ich. Die anderen können schließlich alles besser. Dabei ist es nie gut, sich mit ihnen zu vergleichen, denn wir sitzen eben nicht alle im selben Boot. Ich bewege mich kontinuierlich auf neue Koordinaten zu, mit jeder kleinen Entscheidung, und platziere meine Boote, meine Kampfschiffe, neu. Nur ich kenne meine Strategie, und auch mit den Nächsten teile ich sie nicht. Warum nicht? Weil ich mich selbst dafür achten will? Aber eigentlich will, dass mich die anderen dafür achten? Sie sind unser bester Freund und unser größter Feind zugleich. Aber egal was ich bewerkstellige, wie groß auch die Bäume sind, die ich auszureißen vermag – achten mich die anderen nicht dafür, kann ich mich auch selbst nicht achten. Daher stellt sich mir die Frage: Wer ist entscheidender für die Selbstachtung? Ich oder die anderen? Kann ich mich überhaupt selbst achten, wenn die anderen es nicht tun? Ist es nicht so, dass wir es anderen nie recht machen können, aber uns selbst am wenigsten?
Die Herzkönigin sieht auch von ihrem Thron hinauf
Aber vielleicht wissen es die anderen auch nicht besser. Die Herzkönigin wirkt auf alle furchteinflößend und grausam, so als könnte sie nichts und niemand zerstören. Sie wird scheinbar von allen Seiten geachtet. In Wahrheit wird sie von ihrem Volk geächtet, und vor allem sich selbst verachtend stellt sie sich die Frage, ob es nicht besser wäre, geliebt zu werden, als gefürchtet.
Ich muss mich selbst daran erinnern: nur weil ich die Erfolgserlebnisse der anderen sehe, heißt es nicht, dass sie, so wie ich, keine Tiefen verbergen. Es ist schwer, eine unergründliche Seele ergründen zu versuchen, und wenn der Versuch scheitert, entsteht der Eindruck, allen anderen geht es besser.
Wie achte ich mich selbst?
Nach jahrelangem Streben nach Wissen, Können und Ansehen zu sagen, man habe ein bestimmtes Diplom, einen Titel, eine Beförderung, erreicht, ist das eine Situation, die Selbstachtung auslöst? Sie heraufbeschwört aus dem Nichts, da wo stets innere Leere gewesen war? Ist es das Erreichen eines Ziels, das man schon länger verfolgt hat? Womöglich so lange, dass man den Sinn dahinter aus den Augen verloren hat? Dass es sich eher unwirklich anfühlt, überhaupt noch daran festzuhalten oder an dessen Erreichung zu arbeiten? Ist Selbstachtung ein jahrelanger Prozess, ist es ein großes Ereignis oder sind es viele kurze Blicke in den Spiegel, hunderte forschende Gesichtsausdrücke mit der einen Frage auf den Lippen: Bin ich gut, so wie ich bin? Den unvermeidbar geglaubten Sturz der längst am Boden liegenden Selbstachtung vereitelnd versucht man das eigene Tun zu beschönigen, um nur noch länger völlig verirrt und wirr weiter zu streben und zu rasen, ohne Limit in Sicht.
Ich mache Sport, ernähre mich gesund, bin jeden Tag produktiv, arbeite hart, bin immer für meine Liebsten da, weiß genau was ich will und wohin es mich verschlägt. Niemand kann diese Aussage wahrheitsgemäß treffen, schon gar nicht jeden Tag. Deshalb darf der Turm der Selbstachtung, und es ist ein Turm, der mit der Zeit immer wieder ausgebaut oder verkleinert wird, nicht auf wackligem Untergrund stehen, sondern braucht ein festes Fundament, das in schlechten Zeiten Kraft spendet und daran erinnert, wer wir sind und wo wir hinwollen.
Selbstachtung folgt der Selbstakzeptanz
Vielleicht ist es der Selbstachtung förderlich – sofern sie ein Konstrukt ist, das über lange Zeiträume hinweg gebaut und gefestigt werden muss – wenn man lernt, sich selbst zu akzeptieren. Sich gut zu fühlen, so wie man ist, und nicht jede Entscheidung anzuzweifeln, zu hinterfragen und zu überdenken. Nicht immer darauf zu achten, was andere meinen, sondern einfach bedingungslos sich selbst zu achten. Die Wahrheit ist, Entscheidungen wiegen nie so viel, wie die schwere Last, die man selbst dazulegt. Ein Menschenleben sei für das Universum gleichbedeutend mit dem Leben einer Auster, wusste der Philosoph David Hume zu weisen, in Richtung Erleichterung. Es ist nicht alles immer so ernst zu nehmen. Ob Austern überhaupt Selbstwert empfinden können, steht offen, aber solange mir als Mensch die Entscheidung bleibt, habe ich doch lieber mehr davon als weniger. Deshalb achte ich mich selbst doch lieber schon heute. Nur mal wieder achtsam sein, damit ich mich selbst wieder achten kann.
„Das bin ich 🙂

Ich bin eine allzeit lesebegeisterte Vielschreiberin, die in jeder Situation die Sonne sucht und meist auch findet. Ich heiße Veronica Manon Elaine (weil mein Papa der Auffassung war, niemand anderes auf der Welt hieße so; wenn doch, bitte melden!), komme vom herrlichen steirischen Land und liebe jede Form der Literatur, am liebsten habe ich jedoch eine heimelige Bibliothek. Ich liebe es zu reisen, zu lachen und das Leben einfach zu genießen. Mein frühester Berufswunsch, an den ich mich erinnern kann, war Multi-Millionärin, mein zweit-frühester Autorin. Ich bin im Bestreben, letzteres wahr werden zu lassen, einfach weil ich glaube, dass mich Schreiben und Geschichtenerzählen von allen schönen Dingen dieser Welt am meisten begeistern. Mein Studium „Journalismus und Public Relations“ habe ich abgeschlossen, nun bin ich gespannt, wohin es mich als Nächstes verschlägt.“
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