Wolfgang Schwerdt für #kkl42 „Selbstachtung“
Der geschwätzige Kater
Es war einmal ein Kater, der, wie jeder ordentliche Kater gerne durch die Gegend streifte. Abenteuer erleben war das Größte für den kleinen Kater. Und so war ihm keine Hecke zu dicht, kein Gestrüpp zu undurchdringlich. Denn dort raschelten und wuselten die Mäuse, die Vögel und allerlei anderes Getier. Und wenn der Kater von seinen Streifzügen zurückkehrte, ein wenig zerzaust und zerrupft, dann erzählte er seinen Menschen mit großem Maunzen und Schnattern von seinen kleinen und großen Abenteuern. Und die Menschen freuten sich und antworteten, vor allem aber wurde der Kater gebührend gelobt und gestreichelt. Aber irgendwie hatte der Kater das Gefühl, dass die Menschen gar nicht so richtig verstanden, was er ihnen erzählte, denn sie reagierten immer gleich. Ob er sich lautstark über ein anderes Katzentier beschwerte, das in sein Revier eingebrochen war, ob er ganz vertraulich über sein nächtliches amouröses Abenteuer schwatzte, oder ob er einfach nur erzählte, dass gar nichts los gewesen war, immer legten die Menschen das gleiche Verhalten an den Tag. Natürlich war es schön, gelobt und gestreichelt zu werden, aber der Kleine fühlte sich unverstanden.

Und so wagte er es schließlich dem Waschbären, dem er ansonsten vorsichtshalber immer aus dem Weg gegangen war, seine kleinen Geschichten zu erzählen. Der aber ließ ihm einfach links liegen, fauchte kurz und meinte dann, dass er Wichtigeres zu tun hätte, als Katerchens albernes Geplapper zu erdulden. Natürlich war der Kater beleidigt und ging von nun an dem Waschbären wieder aus dem Weg. Und beim Fuchs war es noch schlimmer. Der hörte sich Katerchens Geschichten an, die vor allem davon handelten wie er ein besonders listiges Mäuschen gefangen oder ein junges Karnickel verschleppt hatte. Als Katerchen aber schließlich eine kleine Pause einlegte, da sprach der Fuchs mit lauerndem Gesichtsausdruck: „Interessant, interessant, deine Geschichten. Mäuse und Kaninchen sind auch meine Lieblingsspeise. Aber ich will dir mal erzählen, was ich mache, wenn die Nahrung im Winter knapp wird und meine Kleinen vor Hunger schreien. Dann mache ich Jagd auf fette Hauskatzen wie dich.“
Von da an ging der Kater auch dem Fuchs wieder aus dem Weg. Und irgendwie hatte er auch vergessen, beleidigt zu sein.
Eines Tages, der Kater war gerade wieder in eines seiner kleinen Mäuseabenteuer vertieft, da zog ein gewaltiges Gewitter auf. Waschbär und Fuchs waren längst in ihrem sicheren Bau verschwunden, aber für Katerchen war es zu spät, nach Hause zu laufen. Er hätte sowieso nicht laufen können, denn seine Beine versagten ihm vor Angst den Dienst. Und so saß er mit schreckgeweiteten Augen, der Ohnmacht nahe unter einem Busch, der zwar einigermaßen Schutz vor dem Hagel, kaum aber vor dem folgenden Platzregen bot. Die Blitze zuckten um den kleinen Kerl herum und das Krachen und Donnergrollen ließen den Kater jedes Mal heftig zusammenzucken. Der Kleine wäre fast gestorben vor Angst, wäre er nicht schließlich in einen tranceartigen Zustand verfallen.
Der Kater begann zu träumen. Er träumte, ein gewaltiges Untier komme auf ihn zu, mit donnerndem Gebrüll und riesigen blitzenden Augen. Und er, der Kater, er war bereit, sein größtes Abenteuer zu bestehen. Er stand auf, machte einen Buckel, so dass er wuchs und wuchs, bis er so riesig und gewaltig wurde, dass er dem donnernden Ungeheuer ebenbürtig war. Und dann stimmte er seinen Kampfgesang an. Zunächst ein dumpfes Grollen nur, dann ein Gebrüll, dass die Stimme des Untieres darin unterging. Und wenn der Kater mit seinen gewaltigen Tatzen auf den Boden stampfte, dass es donnerte, dann bebte der Boden. Das Untier wurde immer kleiner, leiser. Und als der kleine Kater aufwachte und vorsichtig seine Nase unter dem schützenden Schwanz hervorzog, da war das Unwetter verschwunden. Lediglich ein leichter Nieselregen und große Wasserpfützen kündeten noch von dem Unwetter.
Als Fuchs und Waschbär ihren Bau verließen, da stand der kleine Kater völlig durchnässt aber stolz und selbstbewusst da. Und Fuchs und Waschbär wussten, er hatte dem Unwetter standgehalten, während sie in ihrem sicheren Bau lagen. Was für ein Kerl. Und Katerchen wusste es noch besser. Er hatte das gewaltige Untier besiegt!
Seit diesem Tag hatte der Kater es nicht mehr nötig, allen von seinen kleinen Abenteuern zu erzählen. Stolz setzte er sich stundenlang mitten auf die kleine Lichtung, träumte von seinem größten Abenteuer und Fuchs und Waschbär gingen ihm geflissentlich aus dem Weg.
Die Katze, die gerne groß sein wollte
Klein war sie, die schwarze Katze mit den großen Kulleraugen. Und auch wenn sie inzwischen schon rund sechs Jahre alt war, wirkte sie immer noch wie ein etwas älteres Kätzchen und nicht wie eine ausgewachsene Katze. So richtig ernst genommen wurde sie von den anderen Katzen nicht. Die machten sich eher einen Spaß daraus, die Kleine zu jagen und auch zu verprügeln, wenn sie nicht rechtzeitig einen sicheren Unterschlupf erreichte.
So war es kein Wunder, dass die kleine Katze keine Freunde unter ihresgleichen hatte, sie wurde bestenfalls von älteren, weiseren Katzen geduldet. Sie war Einzelgängerin wider Willen. Immer wieder versuchte sie Kontakt zu anderen Katzen aufzunehmen, aber sie wurde nur weggejagt. Natürlich träumte die kleine Katze davon, groß zu sein, am besten größer als alle anderen. Aber was nützen die schönsten Träume, wenn einen die Wirklichkeit ganz schnell wieder einholt. Deshalb machte sie sich schließlich auf den Weg in den Wald, um dort ihre Ruhe vor den anderen zu finden. Tagelang lief sie immer tiefer in den Wald, bis sie sicher sein konnte, keinem Artgenossen mehr zu begegnen. Natürlich gab es hier viele andere Tiere, aber je tiefer sie in den Wald vordrang, desto weniger der wilden Tiere kannten Katzen. Und schließlich gab es keine Tiere mehr, die wussten, dass Katzen normalerweise deutlich größer sind als die kleine Schwarze. Natürlich, auch hier im Wald wurde sie gejagt. Aber sie war klug genug, immer geeignete Verstecke zu finden, wenn der Gegner übermächtig war, und sie war im Zweifelsfall auch selbst sehr wehrhaft.

Und die Tiere, die einmal Bekanntschaft mit ihren scharfen Krallen und der Kampfkraft und Schnelligkeit einer wütenden oder in die Enge getriebenen Katze gemacht hatten, bekamen schnell Respekt vor der Kleinen. Und Freunde fand sie auch hier im Wald. Jene Tiere, die wegen ihrer geringen Größe nicht voreingenommen waren und die kleine Katze einfach so nahmen, wie sie war.
Eigentlich konnte die kleine Katze ganz zufrieden sein. Aber sie war trotzdem unglücklich, denn auch wenn die anderen Tiere nicht wussten, dass sie furchtbar klein für eine Katze war – sie wusste es!
Eines Tages kam sie auf ihren Streifzügen an einen dunklen Waldsee. Dort verbrachte sie den ganzen Nachmittag und weinte. Sie wollte so gerne groß sein und sie wusste, sie würde es nie werden. Und deshalb weinte sie herzzerreißend, sodass die alten Bäume am Ufer die Äste herabhängen ließen und sie sanft streichelten.
„Warum weinst du so herzzerreißend, meine Kleine?“ fragte eine alte Ulme und ließ ihre Zweige raschelnd über das Fell der Katze streifen.
„Ich bin so klein“, jammerte die Katze, „und ich werde nie wachsen.“
„Du bist klein?“ fragte die alte Ulme, „das habe ich gar nicht bemerkt.“ Und die anderen Bäume am Ufer schüttelten gemächlich ihre Häupter. „Du bist klein?“ fragten sie erstaunt.
Die Katze versuchte ihr Problem zu erklären, aber die weisen Bäume wollten es nicht verstehen.
„Du bist hier in den Wald gekommen, ohne zu wissen, was dich erwartet. Du hast dich durchgesetzt, die Tiere haben Respekt vor dir und du hast sogar Freunde. Für eine verwöhnte Hauskatze eine beachtliche Leistung“, knarrte die alte Ulme. „Seit du hier bist“, wisperte die Ulme verschwörerisch, „bist du gewaltig gewachsen. Schau doch einfach mal in den Teich.“
Inzwischen war es Abend geworden und die untergehende Sonne ließ die Wolken, die sich im dunklen Teich spiegelten, in einem tiefroten Licht erstrahlen. Und als die kleine Katze ihr Köpfchen über den stillen Wasserspiegel streckte und hineinsah, da verdeckte ihr Gesichtchen fast den ganzen Himmel und die Wolken.
Jubelnd sprang die kleine Katze auf. „Ich bin gewachsen, ich bin groß geworden, ich bin riesig“, kreischte sie überglücklich. Und selbst wenn sie immer noch zu anderen Tieren aufsehen musste, sie beklagte nie wieder, dass sie zu klein sei.
– Die Geschichten entstammen dem Buch „Katzenaugen“
– Der geschwätzige Kater (Bild: eigenes Foto, digital bearbeitet)
– Die Katze, die gerne groß sein wollte (Bild: eigene Fotos, digital montiert)
Wolfgang Schwerdt, Historiker, freier Dozent, Buchautor. Geboren 1951 in Berlin. Studium der technischen Chemie und Betriebswirtschaft. Seit 1986 publizierte er zahlreiche journalistische (gelegentlich auch wissenschaftliche) Beiträge zu archäologischen und kulturgeschichtlichen Themen in Print-, Hörfunk- und Online-Medien.
Seit 2010 Publikation von Sachbüchern, Essays, Kurzgeschichten und Romanen in Verlagen und im Selbstverlag. Seine aktuellen Themenschwerpunkte: Globalisierungsgeschichte der frühen Neuzeit, Seefahrtsgeschichte, Human-Animal-Studies, sechstes Massenartensterben.
Home: http://wolfgangschwerdt.wordpress.com/
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