Schwereloses Gleichgewicht

Eugenia Maranke für #kkl42 „Selbstachtung“




Schwereloses Gleichgewicht


Es begab sich zu der Zeit, als ich auf einem Monster-Selbstfindungs-Trip war, weil ich dachte, dass ich aus meinem inneren Schlamassel in diesem Leben nicht mehr herauskommen würde. Da lernte ich jemanden kennen: Ein kleines Wesen erschien mir eines Nachts, als ich gerade ein Psycho-Buch wälzte. Es stand auf einmal neben meinem Bett und entpuppte sich als eine kleine Selbstachtung. Sie ging mir so bis zum Knie und war nett anzuschauen. Sie hatte große, blaue Augen und ein leuchtendes Lächeln. Auch roch sie gut: so ungefähr wie jemand mit sehr langen Haaren, der gerade drei Stunden durch einen Wald gewandert ist. Ich hatte sie wirklich gerne und wollte sie immer wieder auf den Arm nehmen, einfach damit wir uns näher wären. Aber jedes Mal, wenn ich es probierte, gelang es nicht. Sie war einfach zu schwer. Angefüllt mit Bedeutungen, guten Vorsätzen und Moral, besaß sie fast eine eigene Gravitation. Ich bekam sie wirklich nicht mal einen Zentimeter vom Boden hochgehoben. Es hatte eine gewisse Tragik, wie sie da so den ganzen Tag neben mir herlief, mit ausgestreckten Armen, aber ich konnte sie einfach nicht annehmen.

Es war zum Heulen. Dabei hatte ich schon viele Selbsthilfe-Ratgeber gelesen – und alle sagten, wie wichtig Selbstachtung sei, und wie man sie leicht annehmen könne.

Noch ein anderes Wesen begleitete mich tagtäglich, was ich in der damaligen Zeit deutlicher wahrnehmen konnte. Es saß locker, leicht und lässig auf meiner rechten Schulter: die Selbstverachtung. Sie war nicht beliebt bei mir, hatte keine Bedeutung, dafür aber einen kruden Humor. Sie flüsterte mir oft ins Ohr: „Du solltest echt mehr Selbstachtung haben. Aber das ist ja so typisch für dich, dass du das nicht schaffst!“ Danach bekam sie oft einen meckernden Lachanfall und hüpfte auf meiner Schulter herum, bis sie weh tat. Diese „Witze“ erzählte sie so hundertmal am Tag und amüsierte sich köstlich. Und mal abgesehen von ein paar Momenten, hatte mich schon so daran gewöhnt, dass ich es gar nicht mehr richtig mitbekam.

Ich dachte dann nur: „Mensch, ich sollte mir mal eine Massage gönnen. Echt, so fiese Verspannungen … Yoga wäre bestimmt auch nicht schlecht.“ Daraufhin kam natürlich prompt die Antwort als Geflüster in meinem Ohr an: „Ja, aber das machst du ja sowieso nicht. Du gönnst dir einfach zu wenig. Und Yoga – vergiss es! Dazu hast du ja gar nicht die Disziplin, und das, obwohl alle Selbsthilfe-Ratgeber sagen, wie wichtig Selbstdisziplin ist. Du bist eben einfach zu willensschwach, und – ja, eben auch einfach dumm. Eine blöde Doofe, die immer um sich selbst kreist und nichts gebacken bekommt. Ach, das wird einfach alles nichts mit dir …“

Unglaublich! Damals habe ich wirklich nicht mehr gemerkt, was mir die Selbstverachtung da einflüsterte. Ich dachte, das seien meine eigenen Gedanken. Manchmal konnte ich aus weiter Entfernung hören, wie sich etwas kugelte vor Lachen. Wenn ich dann versuchte, dieses Etwas zu greifen, war es weg. Tja, die Selbstverachtung war eben leicht, wie ein Sahnehäubchen und glitschig, wie eine Nacktschnecke.

Der Selbstfindungs-Trip erweiterte mein Bücherregal, aber ansonsten verlief er in der Leere. Nach mehreren Jahrzehnten Zusammenlebens mit diesen beiden ungleichen Freundinnen, teuren Massagen, einer langen Therapie und viel blasen in meine Trübsal-Trompete, trat jedoch jemand neues in mein Leben: die Meditation.

Schwer zu sagen, ob sie groß oder klein, schwer oder leicht, hübsch oder hässlich war. Sie war … immer anders – anders, als erwartet. Ich begegnete ihr im Jetzt, was ja einfach so ist, wie es ist. Aber das konnte ich ja vorher nicht wissen, und nachher war es dann doch oft anders, als gedacht. Nur eine Vorliebe von meiner neuen Freundin war offensichtlich: Sie liebte die Stille, die Bewegungslosigkeit und den Atem. Ehrlich gesagt, fand ich sie manchmal auch ein wenig langweilig, aber das machte ihr nichts. Sie brauchte keine  Anerkennung von mir. Dementsprechend machte es ihr auch nichts aus, wenn ich sie blöd fand. Es ist aber auch nicht leicht, jemanden zu mögen, der immer still herumsitzt. Trotzdem – ihre Gegenwart war einfach beruhigend und angenehm. Endlich mal jemand, der nichts von mir wollte! Wenn es mir dann zu langweilig wurde, ich aufstand und sie sitzen ließ, sah sie mich einfach an und sagte: „Egal.“

Eines Tages – ich weiß noch, es war ein Dienstag, es regnete und die Melodie, die meine Trübsal-Trompete erschallen ließ, war nicht besonders erfreulich – versuchte ich mal wieder vergeblich, die Selbstachtung anzunehmen und die Selbstverachtung von meiner Schulter zu schütteln. Plötzlich erschien meine neue gute Freundin. Sie schaute mir mit ihren intensiven meergraublaugrünen  Augen mitten ins Gesicht und sagte recht laut: „Egal!“

Ich war wie vom Donner gerührt. Auf einmal verstand ich, was sie mir sagen wollte. Mir fiel das französische Wort „Égalité“ ein. Es bedeutet „Gleichheit“. Menschenskinder! Die Erkenntnis durchzuckte mich, wie ein Blitzschlag.

Alles ist gleich! In einer Welt der Gegensätze ist es doch logisch, dass jedes Ding sein Gegenteil hat. Da kommt etwas auf mich zu, und im nächsten Augenblick erlebe ich schon das Gegenteil davon. Und auch wenn die Erfahrung unterschiedlich ist, so ist doch alles, was ich erfahre gleich, weil jede Erfahrung ihr Gegenteil schon beinhaltet. Das eine braucht das andere. Selbstachtung braucht Selbstverachtung, Schwere braucht Leichtigkeit und so weiter. Das war die Erkenntnis des Jahrhunderts, und ich kam mir unheimlich schlau vor. Irgendwo hatte ich das schon mal in einem Ratgeber gelesen, aber erst in diesem Moment wurde es mir klar.

Wie durch Zauberhand schwebte die Selbstachtung plötzlich empor. Sie erhob sich so langsam, wie der Samen einer Pusteblume und sank gelassen auf meine linke Schulter. Ihre Berührung war sanft – wie ein Schmetterlingskuss. Ich konnte es kaum fassen. Lachend fielen wir uns in die Arme und die Selbstverachtung zog eine Schnute.

Seitdem sitzt die Selbstachtung auf meiner linken Schulter und die Selbstverachtung hockt schön weiter auf meiner rechten. Ich habe kaum noch Verspannungen, weil die beiden sich im Gleichgewicht halten – so, als ob sie auf einer Wippe säßen. Immer öfter überkommt mich eine gewisse Gleich-Gültigkeit, die sich wunderbar anfühlt. Ich weiß nicht, ob ich mich jetzt selbst gefunden habe, aber irgendwie möchte ich das auch gar nicht mehr. Wenn ich mich selbst finde, kann ich mich ja auch wieder verlieren. Und das möchte ich nicht, dafür habe ich mich selbst zu lieb gewonnen.

Und wenn es mal hart auf hart kommt, und die Besitzerinnen der linken und rechten Schulter sich streiten, bekomme ich eine schöne Massage von der Meditation. Sie greift mir einfühlsam in den Nacken, grinst meistens dabei, holt tief Luft und spricht das Zauberwort: „Egal!“.




Eugenia Maranke war ihr Leben lang in vielseitigen kreativ/künstlerischen Berufen tätig, unter anderem als Clownin, Närrin, Schauspielerin oder Storyteller. Weiterhin leitete sie 25 Jahre Seminare in „Fooling“. Zurzeit arbeitet sie freiberuflich als Autorin, Texterin, Ghostwriter und Illustratorin (u.a. Portraits und Fotokunst). Sie schreibt mit Vorliebe über Tiefgründiges: Bewusstheit, Meditation, Psychologie … Fantasievoll und sachlich, poetisch und essayistisch.

Ihr Lieblingsspruch: „Es ist so und nicht anders, es sei denn es ist nicht so.“

Buchveröffentlichung: Der letzte Beobachter – EcHt Jetzt. Eine Meditationskomödie.

ISBN: 978-3-347-22945-7

Website: www.eugenia-maranke.jimdofree.com

Interview Audio aus 2022 für den #kkl-Kanal HIER






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar