Martin A. Völker für #kkl42 „Selbstachtung“
Trete ein ins Leben
In unterschiedlichsten Lebenssituationen, gerade in den schweren, kommt von irgendwoher irgendeine Redeweisheit, die, auch wenn sie kein Problem löst, wenigstens eine Art Problembeschreibung bietet. Und das ist schon viel. In solchen Sprüchen und Redewendungen haben sich unzählige Lebenserfahrungen, geglückte wie missglückte Lebensgestaltungsversuche über Jahrhunderte hinweg erhalten und verdichtet. Das ist gut im Sinne von tröstend und schlecht im Sinne von denkwürdig, weil es offenbar stets dieselben Fragen waren, vor denen Menschen ratlos standen und stehen und trotzdem eine Antwort formulieren, eine entsprechende Handlung ausführen mussten und müssen. Das tun wir dann mit einem Ergebnis, welches sich kaum von früheren unterscheidet. Schlauer sind die Menschen nicht geworden, ihre Handlungen haben sich wenig verändert, es werden dieselben Fehler begangen und dieselben Wege beschritten, um diese Fehler, weil eine Redeweisheit die Antwort zu kennen scheint, zu tilgen, was zu neuen Fragen, zu neuen lebenspraktischen Antworthandlungen und Fehlern führt. Gleichwohl fragst du dich manchmal in aller Stille, was Handlungsfehler im Leben eigentlich sind, ob du in einer bestimmten Situation anders, nämlich Fehler vermeidend gehandelt hättest, ob du diese Fehler hättest vermeiden können und wollen. Was später als Fehler erscheinen mag, war früher eine gangbare Lösung und eine beglückende Erfahrung. Sei dir dessen bewusst, und gehe nicht zu hart mit dir ins Gericht. Es kommt gar nicht darauf an, aus einer Redewendung Zuspruch zu schöpfen, eine Ablehnung zu ersehen oder etwas, von anderen begründet und deshalb gerechtfertigt, ungetan zu lassen. Was kümmern dich die Lebensgestaltungsversuche und oberschlauen Tipps ferner Menschen aus fernen Jahrhunderten? „Hic Rhodus, hic salta!“ Hier ist Rhodos, hier springe! Ja, es ist dein Leben, das du gestaltend zu leben hast, mit eigenen Entscheidungen, eigenen Verantwortungen und eigenen Fehlversuchen. Hier und jetzt springe, in dein eigenes Leben springe hinein, antike Vorbeter hast du dazu nicht nötig, andere Menschen sind andere Menschen. Dennoch lassen sich solche Redeweisheiten, die einem sowieso unangefragt zufliegen, nutzen. Unternehme einmal den Versuch, aus diesen Sprüchen keine Legitimation einer Handlung abzuleiten, sondern dich in das geoffenbarte Sprachbild hineinzubegeben. Das begehbare Sprichwort kann als Kurzzeitmeditation dienen und so deinen Horizont erweitern, es kann deine Sensibilität erhöhen und beitragen, die Lebenshorizonte anderer besser zu erkennen, um sie anzuerkennen. Wie wäre es mit einer ersten Übung in dieser Sache? „Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten kommen.“ Vielleicht kennst du diese Weisheit in ihrer umgekehrten Formulierung: „Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg gehen.“ Das könnte dich dahin führen, eine Sache so oder anders anzugehen, könnte dich dazu überreden, den eigenen festen, angestammten Standort zu verlassen, um dich versöhnend, helfend, Brücken bauend auf andere zuzubewegen oder in guter Absicht und Hoffnung auf andere zu warten. Das begehbare Sprichwort funktioniert indes auf andere Weise. Es unterbricht den meistens in die Irre und ins Chaos führenden Glauben, dass einer Aktion unmittelbar eine Reaktion folgen muss. Das begehbare Sprichwort lässt dich den Propheten und den Berg sehen, es stellt dich neben einen Menschen, stellt dich in eine Landschaft hinein. Wie dieser Mensch wohl aussieht? Was treibt ihn um? Ist er einsam? Hat er sich die Einsamkeit ausgesucht? Was macht diesen Menschen zum Propheten? Ist es der Bart, das blaue Gewand mit den Sternen darauf? Was ist das für ein Berg? Ist er hoch, niedrig, bewachsen? Wie belebt und belebend muss eine Natur sein, die wandelnde Berge hervorbringt? Was haben der Prophet und der Berg miteinander zu schaffen und zu bereden? Stelle dir ihre Kontaktaufnahme, ihr Gespräch vor, das Gespräch von Natur zu Natur. Nahezu endlos sind die sich stellenden Fragen und sich anschließenden Bilder, und immer neu werden die Gedanken sein. Du hast dafür keine Zeit? Nehme sie dir. Sicher, Zeit ist Geld, aber das Geld wirst du nicht mit ins Grab nehmen können, sondern nur die guten Gedanken, die in anderen fortleben mögen. An diesen guten Gedanken arbeite, gehe in sie hinein, schließe sie dir auf, damit du zu ihnen zurückkehren, in sie hineingehen kannst wie in einen wunderreichen Garten, an dessen Ende sich eine magische Bibliothek befindet: Der Zauberer darin bist du selbst. Das ist der Weg und das Ziel der Selbstachtung.

Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.
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