Theresia M. Buchhold für #kkl42 „Selbstachtung“
Autorin A. C. Estime de Soir
Weinend saß Aurore Chrystelle Estime de Soi auf dem Boden, die Arme um die Beine geschlungen, den Kopf auf den Knien. Sie unterdrückte ein Schluchzten, niemand sollte hören, dass in dieser Klokabine jemand weinte.
Sie hatte sich eingeschlossen, weil sie alleine sein wollte. Sie hatte versagt und das wusste Aurore. Im Nachhinein waren ihr all ihre Fehler, die sie in dem Aufsatz gemacht hatte, so bewusst. Sie hatte einen mindestens einseitigen Text über ein moralisches Dilemma verfassen sollen und Aurore hatte in den zwei Schulstunden gleich fünf Seiten niedergeschrieben. Es hatte ihr sogar Spaß gemacht! Doch als sie in der Pause danach die Unterhaltungen ihrer Mitschüler gehört hatte, war sie unsicher geworden. Vielleicht war der Text ja doch nicht so gut, wie sie gedacht hatte?
Jetzt saß sie hier, verzweifelt weinend, sicher, tausende Fehler gemacht zu haben. Die Wortwiederholung direkt im ersten Satz, warum hatte sie die bloß nicht früher bemerkt! Und warum hatte sie überhaupt so viel geschrieben, sicher war der Text viel zu lang. Sie hätte sich wirklich kürzer fassen sollen, jede Menge Bullshit musste sie geschrieben haben.
Zwei Wochen später, als Frau Buchenwälder ankündigte, die Deutscharbeit zurückzugeben, zitterte Aurore innerlich. Die Lehrerin schrieb zu erst den Notenspiegel an die Tafel (Nur eine eins, dafür zwei sechser, oh weh, wenn das mal gut ging…), dann ging sie durch die Reihen und verteilte die Aufsätze. Aurores war der letzte, kleine Schweißperlen liefen über das Gesicht der Fünfzehnjährigen. Endlich legte die Lehrerin das Blatt auf ihren Tisch.
„Ich möchte bitte nach der Stunde mit dir sprechen“, sagte Frau Buchenwälder. Beklommen nickte Aurore. Sie hatte Angst, was das über ihre Note aussagte. Bestand akute Versetzungsgefahr? Dann drehte ich das Blatt mit dem Aufsatz um und erstarrte.
Eine eins? Aber es hatte doch nur eine gegeben! Moment… Hieß das… Sie war… Klassenbeste? Aber das war doch gar nicht möglich, so viele Fehler wie sie gemacht hatte! Oder etwa doch? Zum ersten Mal sah Aurore so etwas wie einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Sie lächelte.
Nach dem Unterricht ging sie auf Wackelpudding-Beinen zu Frau Buchenwälder.
„Aurore, du hast einen sehr schönen Aufsatz geschrieben. Du hast wirkliches Talent. Ich glaube, du solltest häufiger schreiben. Ich denke, dass könnte dir guttun. Vielleicht willst du ja mal bei einem Schreibwettbewerb für Schüler mitmachen? Ich kann mir vorstellen, dass dir das Spaß machen würde.“
Jetzt, Jahre später, war Aurore dankbar, dass sie dem Rat ihrer Lehrerin gefolgt war. Sie hatte dadurch ihre Leidenschaft entdeckt. Mit siebtzehn hatte sie ersten Roman veröffentlicht: Einen Thriller, der ein voller Erfolg wurde. Mittlerweile hatte sie einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht und verdiente auch wirklich Geld mit ihren Büchern. Doch darum ging es ihr gar nicht. Es ging darum, wie stark sie sich fühlte. Das hatte nichts mit dem Erfolg zu tun, nein. Der Erfolg kam durch ihre Stärke, nicht umgekehrt.
Wenn sie sich jetzt ihre Texte von früher durchlas, wusste sie, was der Fehler war. Sie hatte keine Selbstwertschätzung gehabt, sie hatte sich selbst viel zu sehr kritisiert. Doch ihre wunderbaren Buchfiguren hatten ihr gezeigt, wie liebenswert Aurore doch war. Jetzt, Jahre später wusste sie, dass Autorin A. C. Estime de Soir, es wert war, so stark zu sein.
Doch am glücklichsten machte es sie, wenn sie anderen dabei helfen konnte, sich selbst anzunehmen. Denn damit machte sie die Welt jedes mal ein kleines bisschen besser.
Theresia M. Buchhold, geboren 2010, lebt in der Pfalz und schreibt schon seit sehr jungem Alter mit Begeisterung Geschichten.
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