Syelle Beutnagel für #kkl43 „Moralisierung“
Moralisierung
Ich stolperte geradezu über das Wort. Leuchtete mir intuitiv sogleich ein ganzes Bild innerlich auf, hielt mein Verstand inne. Wie bitte, Moralisierung?
In Zeiten wie diesen macht es oftmals Sinn, die Bedeutung in sein Gegenteil zu verkehren, und kommt dadurch der eigentlichen Aussage sehr viel näher.
Demoralisierung.
Jemanden zu demoralisieren, kommt schon vor. In der Schule wird man unter Umständen demoralisiert. Oder in der psychologischen Kriegführung. Oder im Alltag, wenn ein Hindernis unüberwindbar im Wege zu stehen scheint.
Alles in allem geht es aber immer um Einzelfälle, vielleicht beispielhafte Fälle, aber nicht um die Norm. Höre nur ich das, oder schwingt das bei der Moralisierung mit, die Normhaftigkeit. Gestaltung der Norm durch Moral, kurz Moralisierung.
Aber wie ist das denn mit der Moral? Dieses Wort kannten zumindest schon die alten Römer, denn es findet sich in meinem alten Latein-Wörterbuch.
moralis: moralisch, ethisch (mos)
mos, moris:
1. Wille, Eigenwille
2. Vorschrift, Gesetz, Regel
3.Sitte, Gewohnheit, Herkommen, Brauch
4. Art und Weise, Beschaffenheit, Natur
5. Sitten a) Benehmen, Lebenswandel b) Gesinnung, Charakter, Individualität
Aber auch in unser aller Leben ist die Moral nicht erst in den letzten zwei Jahren entstanden. Manchen sind Äsop und seine Fabeln bekannt. Und wenn auch nur wenigen eine Moral vorangestellt ist, so kennen doch viele Wilhelm Buschs Geschichten und „seine Moral von der Geschicht’“.
Von den wenigen äsopischen Fabeln mit einer Moral vorne weg, habe ich eine schon in der Grundschule kennengelernt und ein Blick ins Internet zeigt, dass sie auch heute noch bekannt ist. Es geht um die Fabel vom Fuchs und Raben.
“Corvus et vulpecula
Wer sich an einer Schmeichelzunge Lob ergötzt, wird in nutzloser Reue später Buße tun.
Ein Rabe stahl vom offenen Fenster einen Käs und setzte sich zum Schmaus auf einen hohen Baum. Da nahte gierig ihm der Fuchs mit solchem Spruch:
“Wie herrlich strahlt, o Rabe, dein Gefieder doch! Wie adlig ist dein Haupt und deiner Glieder Bau! Wärst du nicht stumm – es käme dir kein Vogel gleich.”
Doch wie Tor nun seine Stimme zeigen will, entfällt der Käs dem Schnabel, den der schlaue Fuchs mit gierigen Zähnen auffängt. Nun erst stöhnt, zu spät, des Raben schwer betrogeneTorheit auf.” (Tusculum S. 63, ca. 1944)

Im Internet findet sich auch gleich mit dem ersten Suchvorgang die Definition der Moral als Einzelfall.
“Wenn das Kind älter wirkt, begreift es sich als Individuum und lernt, dass jeder Mensch ein wenig andere Moralvorstellungen hat.” (Moral: Definition & Unterschied zu Ethik (nordbayern.de).
Und wie das mit dem Internet so ist, sehen die angezeigten Einträge nach einer Woche schon wieder ganz anders aus.
Die Moral. Nicht von der Geschichte, sondern nur die Moral. Nach der Moral handeln. Moralisch sein. Da gibt es also – ungeschriebene – Gesetze des Verhaltens, einen Verhaltenskodex. Und der ist sicherlich in jeder Kultur verschieden.
Aber auch dieses hat sein Gegenteil. Ein Moralapostel wird im Gegensatz zum moralisch Handelnden belächelt. Es lässt sich also nicht die Moral über einen Kamm scheren, es ist die Einzelsituation, die nach moralischem Verhalten verlangt.
Und dann wird Moralisierung verlangt. Die Armee der Moralapostel gaukelt mir meine manchmal überbordende Fantasie vor.
Warum lächeln wir nicht mehr darüber? Warum belächeln wir nicht unsere täglichen kleinen und großen Moralapostel? Sind wir schon eingereiht ins Heer der Moral?
Das, so hoffe ich sehr, lässt die Moral nicht zu.
Kurzvita:
Syelle Beutnagel wurde 1972 in Braunschweig geboren. Neben dem Studium absolvierte sie ‘Die große Schule des Schreibens’. Heute arbeitet sie als freie Texterin und Autorin.
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