Der beste Zuhörer

Joel Gotsch für #kkl43 „Moralisierung“




Der beste Zuhörer

Ein Mann machte eine Entdeckung, die sein ganzes Weltbild zu verändern in der Lage schien. Sofort wollte er jemanden davon erzählen, »die Entdeckung teilen«, wie man so schön sagte. Doch es fand sich niemand. Auf der Arbeit war kein Platz für lange Ausführungen. Ein kurzes Telefonat mit einem alten Freund war schon vorbei, bevor irgend etwas von Substanz überhaupt richtig zur Sprache kommen konnte. Selbst ein Treffen, wesentlich länger als das Telefonat, mit einem wesentlich besseren Freund, führte entlang ganz vieler Themen, an der Richtung von dem des Mannes ging die natürliche Strömung der Aussprache jedoch weit vorbei.

Er hätte es einfach verkünden, ganz aus dem Nichts damit herausrücken können, aber das traute er sich nicht. Zu groß schien ihm die Gefahr eines »Nicht Jetzt«, eines »Ich muss leider Schluss machen«, eines »Lass uns das vielleicht ein ander’ Mal besprechen«. Nicht, dass das unmögliche, zutiefst unfreundliche Aussagen gewesen wären, sie könnten sogar durchaus nett gemeint sein, aber den Magen hätten sie dem Mann trotzdem umgedreht.

Als er nach ein paar Tagen Nachhause kam, weiterhin unter dem einsamen Gewicht seiner immer noch nur ihm gehörenden Erkenntnis feststeckend, beschloss er, sich endlich frei davon zu machen, zumindest ein Wenig, indem er sie in ein altes Notizbuch mit kleinem Schlösschen schrieb, das ihm seine vor ein paar Jahren verstorbene Mutter während eines Urlaubs gekauft hatte, bei dem er noch Kind war.




Joel Gotsch, aufgewachsen in Leverkusen, studiert derweil Pädagogik in der Nähe von Stuttgart.  






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar