Es ist mir ein aufrichtiges Anliegen

Ralf M. Ruthardt für #kkl43 „Moralisierung




»Es ist mir ein aufrichtiges Anliegen«, erklärt sich Max Grund und hat das Gefühl, dass er unter Druck gesetzt wird. Er hat sein Smartphone am Ohr und spricht mit einer Journalistin. Um ihn herum ist reger Verkehr. Es ist kurz vor neun Uhr und damit eine der Hauptverkehrszeiten in Berlin-Mitte. Fahrradfahrende brausen auf ihren E-Bikes die breit angelegten Radwege entlang, während Menschen in ihren Fahrzeugen in den Wahnsinn getrieben werden. Achtsam, um keinen eine rote Ampel überfahrenden Radelnden zu gefährden, steuern manche Autofahrenden ihre ökologisch in Ordnung gehenden Car Sharing PKWs und mit Elektromotoren ausgestatteten Fahrzeuge durch die verengten Straßen. Andere Leute lassen ihre Autos von Verbrennungsmotoren antreiben, deren Verbot von klimabewegten Menschen begrüßt wird – mindestens so lange, bis die Subventionen für E-Mobilität eingeschränkt wurden. Seither sind manche Leute ergebnisoffen, was die Antriebsarten der Fahrzeuge anbelangt.

Am Rande seiner Wahrnehmung bekommt Max die Alltagshektik mit. Seine zeitweilige Unaufmerksamkeit im Telefonat lässt das eine und andere Fragment an Gedankengängen zu, die vom Umfeld beeinflusst werden. Er steht an ein Halteverbotsschild gelehnt zwischen Geh- und Radweg. Weit genug weg von der Fahrbahn, welche den Autos zusteht. Mit der Metallstange, die das Verkehrsschild trägt, ist er fast eins. So hofft er, keinem der Fußgehenden und schon gar keinem der Radfahrenden im Weg zu stehen.

Das Rauschen des Verkehrs und das Reden vorbeieilender Passanten stört den Gesprächsverlauf kaum. Nur selten muss Max oder die Journalistin eine Rückfrage stellen, weil man sich akustisch nicht versteht.

»Uns interessiert nicht ihr Anliegen, sondern was Sie an Redenswertem für unsere Lesenden zu bieten haben«, klärt die Journalistin ihn auf. »Das Spiel ist ganz einfach. Sie haben etwas, was die Neugierde oder Sensationsgier unserer Leserschaft befriedig – oder ich kann nichts für Sie tun.«

Max fällt auf, dass zweimal ein Wort mit ‚Gier‘ gefallen ist. Sind wir soweit gekommen, überlegt er, dass wir Menschen ein heftiges, ungezügeltes Verlangen nach News und Skandalen haben und das Bedürfnis nach differenzierten und auf Erkenntnissen und Erfahrungen beruhenden Informationen eine nur sehr eingeschränkte Bedeutung hat? Oder war das schon zu allen Zeiten so, nur ist es ihm nicht aufgefallen? Wie sieht es eigentlich bei ihm selbst aus? Will er sich mit der Journalistin nur deshalb unterhalten, weil er am Ende ein ungezügeltes Verlangen danach hat, endlich mal mit seiner Meinung oder mit seinen Argumenten in dieser Zeitschrift abgedruckt zu werden? – Er stellt sich aufrecht hin. Verwirrt schaut er die metallgraue Stange des Verkehrsschilds an. Ob die Rohrstange aus Aluminium oder aus Stahl ist? Max hat keine Ahnung, welche Region seines Gehirns ihm diese völlig irrelevante Frage zuwirft. Der frontomediale Cortex dürfte es nicht gewesen sein, der ist beim Interferieren von Intentionen involviert. Also, vielleicht doch der Cortex.

»Haben Sie etwas für mich oder haben Sie nur Belanglosigkeiten?« Diese Frage gilt Max. Die Journalistin drängt auf eine Antwort und auf ein Ende des Telefonats.

»Ich habe etwas für Sie«, antwortet Max und hält seinen Gesprächsfaden wieder in sprichwörtlichen Händen. »Da gibt es Menschen in den Medien, die ihre redaktionelle Arbeit so verstehen, dass nur das in ihrer Wahrnehmung ‚Gute‘ zu Wort kommen darf. Allem anderen dürfe man keine Plattform bieten.« Max hört ein genervtes Schnauben am anderen Ende der schnurlosen Leitung.

»Das ist doch langweilig!«, schimpft die Journalistin. »Das Jammern der Rechten will doch keiner hören.«

»Wieso sprechen Sie von den Rechten?«, will Max wissen.

»Ob rechts oder rechtsextrem. Das ist am Ende dasselbe«, bekommt er als Antwort.

»Ich habe davon gesprochen, dass Leute in den Medien filtern. Ich selbst habe es erlebt, dass in Redaktionen anhand von persönlichen oder subjektiven Einschätzungen von ‚gut‘ oder ‚böse‘ Beiträge selektiert werden und unliebsame Positionen zum Rauswurf führen. Dies ist doch nicht Aufgabe des Journalismus. Man muss ein breites Spektrum an Argumenten und Gegenargumenten und an Erfahrungen abbilden«, insistiert er. Der Widerspruch kommt umgehend.

»Nein, das war früher und es war falsch. Sie sehen ja, wo es hingeführt hat. Da lieferte der Journalismus eine differenzierte Berichterstattung und jetzt schauen Sie sich die Wahlergebnisse der Hellblauen und anderer Bündnisse an. Ich habe mich als Journalistin der Herausforderung zu stellen, den Menschen zu erklären, was richtig und wichtig ist.« Max hört verwundert zu, obwohl er das in den vergangenen Monaten mehrfach exakt so gesagt bekommen hat. »Das Schlechte, Herr Grund, Sie haben es als ‚das Böse‘ benannt, bekommen die Menschen in den sozialen Medien über die vielen Kanäle der Rechten ohnehin vermittelt. Da gilt es dagegen zu halten. Darauf müssen wir uns konzentrieren.«

»Warum haben Sie als Journalistin nicht das Vertrauen, dass die Menschen sich demokratisch vernünftig entscheiden werden, wenn ihnen Informationen und die verschiedenen Argumentationen und Sichten vorgetragen werden?«

»Weil viele Leute einer solchen Entscheidung nicht gewachsen sind!« Max dröhnt es in den Ohren.

»Ich sehe das anders. Einen guten Journalismus kennzeichnet unter anderem, dass er mehrere Seiten zu Wort kommen lässt. Die Menschen sollen eine Fragestellung aus mehreren Perspektiven betrachten können«, argumentiert Max. »Das macht die Wahlberechtigten handlungsfähig. Das stärkt die Demokratie«, fügt er hinzu.

»Eigentlich müsste ich über das berichten, was Sie hier äußern«, sagt die Journalistin und es klingt, als ob eine Drohung in den Raum gestellt wird. »Wahrscheinlich gehören Sie zu den rechtsradikalen Elementen in unserer Gesellschaft und haben sich einen Schafspelz übergezogen.«

»Einen Schafspelz? Aus was bestünde Ihrer Meinung nach mein Schafspelz?«, will Max wissen und wird vorsichtig. Keiner seiner so manches Mal leicht ablenkbaren Gedankengänge greift nach der Frage, aus welchem Material die Rohrstange des Verkehrsschilds ist. Keine Aufmerksamkeit für den Verkehr um ihn herum. Kein unnötiges, beiläufiges Sinnieren über die Antriebsarten der vielen Fahrzeuge vor ihm auf der Straße. Er ist ganz bei der Frage, aus was sein Schafspelz bestehen soll, indem er als potentieller Wolf steckt.

»Ihre vielen Worte. Ihre vielen Fragen. Die ständigen Gegenargumentationen, für die wir als Menschheit keine Zeit haben, weil sie uns bei der Abwendung der Klimakrise hemmen.«

»Die Herausforderungen vor denen wir als Gesellschaft stehen, sind nun einmal komplex«, hält Max dagegen. »Da ist es doch gut, wenn man einander zuhört und ergebnisoffene Diskussionen führt. Zudem ist der Wechsel der Perspektive ein bewährtes Mittel, um einander zu verstehen und Missverständnisse aufzulösen.« Max will der Journalistin keine Meinung aufzwingen. Er möchte nur, dass in der Debatte in Deutschland allseits Argumente gehört und diskutiert werden. Wieso wird hier selektiert? Es widerspricht seiner Erwartung an die Medien zutiefst. Seine Wahrnehmung ist, dass sich einerseits die sogenannten Mainstream-Medien verrannt haben und die als Alternative-Medien bezeichneten Akteure nur den Gegenpol zu bilden versuchen – aber ihrerseits ebenfalls kaum Perspektivenwechsel anbieten. Nun, Max kennt die eine und anderen Publikation, deren Journalismus er als professionell bezeichnet; er hat zwei Abos in der Schweiz laufen.  

»Wäre es nicht zielführend und inspirierend«, versucht Max der Journalistin einen Vorschlag zu unterbreiten, »wenn wir uns bei für Sie passender Gelegenheit zwei Stunden Zeit nehmen, um die Fragestellung zu diskutieren? Gerne komme ich zu Ihnen in die Redaktion.«

»Dafür habe ich leider keine Zeit und halte es ausdrücklich nicht für zielführend«, lautet die Antwort. »Vielmehr sehe ich es als meine Aufgabe, Ihnen keine Plattform zu bieten.«

»Aus welchem Grund, sollte ich keine Plattform geboten bekommen?«, will Max wissen.

»Unsere Redaktion steht für Menschlichkeit. Wir stehen für die Rettung unseres Planeten. Mit unseren redaktionellen Beiträgen und mit unseren Kampagnen haben wir uns klar gegen rechts positioniert. Wir repräsentieren die Werte, die unsere Gesellschaft ausmachen muss«, ruft die Journalistin Max zu und die ganze Gewalt ihrer Überzeugung und ihres Bewusstseins drängt Max in eine Ecke. Es ist eine Ecke, in welche seit einiger Zeit die Menschen gestellt werden, welche sich den moralischen Vorstellungen der medial Dominierenden und sich politisch als übergeordnet Verstehenden nicht unterordnen – weil damit nicht einverstanden. Max fühlt sich in dieser Ecke nicht alleine. Ganz im Gegenteil. Seit geraumer Zeit wird es in dieser Ecke zunehmend voll – von Menschen, die er zumeist als anständig, ehrenwert und freundlich erlebt. »Sie glauben doch nicht wirklich«, fährt die Journalistin fort, »dass ich einem verirrten Individuum – wie Ihnen – Raum in unserer Zeitschrift biete?«

Das Gespräch findet einen zügigen, beidseits angemessen höflichen Abschluss.

Auf einer Straße zu Berlin-Mitte steht, resigniert und an einem Halteverbotsschild halt suchend, der Mittfünfziger Max Grund. Ein Versuch mehr, sich gesellschaftspolitisch zu Wort zu melden, ist gescheitert. Seine Bitte um Austausch von Argumenten und Gegenargumenten, sein Bedarf, von Erfahrungen berichtet zu bekommen und sein Interesse an einem konstruktiven Diskurs hat ein weiteres Mal keinen Anklang gefunden.

Da steht er nun und stellt sich die Frage, ob er doch lieber sein mit viel Zeiteinsatz, Unternehmerrisiko und Mühe erwirtschaftetes Geld für schöne Urlaube und anderweitigen Konsum ausgeben soll, als sich vergeblich und fast schon zum Idioten gemacht, in einen gesellschaftlichen Diskurs einbringen zu wollen – für den er wo möglich gar nicht gebraucht wird.




Ralf M. Ruthardt hat sich als Unternehmer mit Digitalisierung und Soziologie beschäftigt. Seit 2023 ist er publizistisch tätig. Ihn interessieren vor allem die Menschen in deren Vielfalt und der jeweilige soziologische Kontext, in welchem Menschen leben. In seinem Roman „Das laute Schweigen des Max Grund“ meldet er sich zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen zu Wort und plädiert für einen konstruktiven, freundlichen Diskurs.

Internetseite zum Autor: https://ruthardt.de/

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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