Stoffbeine

Klara Weyerer für #kkl43 „Moraliserung“





Stoffbeine

Es ist Ende August.

Es hat seit sieben Wochen über dreißig Grad.

Ich warte mit dem Rad an einer der größten Kreuzungen der Stadt und schaue den querenden Fahrzeugen zu, wie sie träge an mir vorbeitreiben.

Mein Top klebt an meinem Rücken, ich versuche den Stoff zu lösen und verziehe schmerzhaft das Gesicht, als ich die Brandblasen am Rücken erwische.

Ich habe mich in die Mückenspiralen gelegt, bei dem Versuch meine Bikini-Hose möglichst diskret im Sitzen zu wechseln.

Letztes Wochenende, beim Geburtstag meiner Arbeitskollegin.

Am hellblau – glänzenden Pool im Garten einer Vorstadtvilla. Wo sonst.

Eigentlich wollte ich nackt gehen.

Mir macht das nichts. Ich denke da nicht mal drüber nach.

Keiner steht hier auf Frauen, habe ich meiner Freundin gesagt.

Bitte. Wenigstens ein Höschen, hat sie dann gemeint und nach unten gesehen.

Das gehört sich doch nicht, wenn man zu Gast ist.

Sie saß mit langen Leggins und Tunika am Beckenrand.

Die Füße sanft im Wasser baumelnd.

In der einen Hand ein Weinglas, in der anderen eine halb abgebrannte Zigarette.

Zwischen uns der Aschenbecher, hinter uns überall um den Beckenrand müde glimmende Mückenspiralen.

Mein Shirt war aus Kunststoff und die Spirale hat drei riesige, hartkantige Löcher hineingebrannt. Bis runter auf meine Haut.

An dem Abend habe ich gar nicht gemerkt, wie tief.

Der Wein. Der Pool. Die Zigaretten. Ihr wisst schon.

Willst du nicht mit ins Wasser?, habe ich sie gefragt.

Ist doch dunkel. Ist doch keiner hier.

Sie hat den Kopf geschüttelt.

Als ich schwimmen war, hat sie auf meine Beine geschaut, das weis ich.

Nackt. Schon gar nicht bei Tag. Wenn jemand da ist.

In ihren Augen sind das keine Beine, mit denen man schwimmen gehen kann.

Jetzt blinzle ich auf meine Beine hinunter, spüre wie die Oberschenkel leicht wund und feucht vom ganzen Schwitzen am Fahrradsattel kleben.

Spüre wie feine Schweißperlen in meinen Kniekehlen nach unten in die offenen Birkenstocks laufen. Ganz schwarz ist schon der Kork des Fussbetts.

Schnell sind die Beine. Stark sind die Beine.

Ich kann mit Ihnen ohne mit der Wimper zu zucken 1000 Höhenmeter in weniger als drei Stunden zurücklegen.

Kann mit dem Rad auf 40 Stundenkilometer beschleunigen, ohne das meine Oberschenkel kneifen.

Kann die Hüfte eines Mannes solange umschlingen und ihn auf Abstand halten, bis er ganz verrückt und erschöpft ist vor unerfülltem Verlangen.

Aber ansehen kann ich diese Beine nicht.

Ein Kleid anziehen, kann ich diesen Beinen nicht.

Kurze Hosen bei über dreissig Grad tragen, kann ich mit diesen Beinen nicht.

Die Ampel schaltet, ich trete in die Pedale, die laufenden Schweißperlen tropfen auf den grau-schwarzen Asphalt als ich weiterfahre.

Hinterlassen eine kleine Schweißperlenspur hinter mir und dem Rad, bis ich schließlich auf dem kleinen Platz ankomme, an dem ich mich mit meiner Freundin verabredet habe.

Die, die meine Beine beobachtet hat.

In der Mitte des Platzes ist ein kleiner Kreisverkehr, links und rechts zwei riesige, silberne Platanen, die Blätter noch erstaunlich grün nach der langen Hitzeperiode.

Fast majestätisch vor den geweissten Zinshäusern, die den kleinen Platz zu allen Seiten hin umrahmen.

Als ich vom Rad steige, sind alle Kleidungsstücke so durchgeschwitzt und nass, als wäre ich direkt mit Ihnen in den See gesprungen.

Ich schließe das Fahrrad ab und spüre wie der Schweiß mir den Hals entlang rinnt.

Ich kann mich selbst riechen, diesen warmen, leicht süßlichen Geruch beständig feuchter Haut unter zu wenig atmender Kleidung.

Dabei habe ich schon nur mehr Leinengewand an.

Damit man den Schweiß nicht so sieht.

Damit der Stoff elegant die Beine umhüllen kann, ohne das man ihre eigentliche Form sieht.

Die Beine, mit denen ich als Kind schneller und höher auf Bäume geklettert bin als alle Anderen.

Alle Anderen hieß damals – schneller und höher als die Buben.

Du kletterst so wild, das trauen sich nicht mal die Buben, haben die Nachbarn gesagt.

Es war kein Kompliment.

Auch meine Mutter hat geflüstert, klettere nicht so hoch.

Renne nicht so schnell.

Das schüchtert die Buben ein.

Niemand mag kräftige Mädchen. Oder Mädchen die stärker sind als die Anderen.

Dann haben Sie mich ins Ballett geschickt.

Das war ordentlich, mädchenhaft.

Aber die Lehrerin war nicht glücklich mit mir.

Weist du, das ist was für zarte Mädchen.

Mit deinen Beinen…

Ich habe meinen Eltern vorgeschlagen, dass ich doch mit meinen Beinen zum Fussball gehen könnte. Dort brauchen sie kräftige Beine.

Aber Fussball, haben sie gelacht. Das ist doch nichts für Mädchen.

Da müsstest du ja auch Shorts tragen, da könnte ja jeder meine Beine sehen.

Das würde ich doch nicht wollen.

Jetzt hüpfen meine Beine über den Bordstein hinüber zu der kleinen Bar, in der ich mit meiner Freundin verabredet bin. Sie sitzt schon auf einer der Hochstühle, ganz am Rand, nahe dem Pappelstamm, die Kopfhörer noch über den Ohren, die Sonnenbrille auf der Nase, eine Zigarette in der Hand.

Wir begrüßen uns, ich umarme sie nur aus der Ferne, der Schweiß, das Rad, sage ich, sie nimmt die Kopfhörer ab, die Sonnenbrille nicht.

Ich hab einen großen Spritzer für dich mitbestellt, sagt sie.

Wie war dein Tag?

Okay, sage ich, ich glaube okay, wie war deiner?

Warm, sehr warm, ich bin froh wenn es bald Herbst wird, dann kleben die Klamotten nicht mehr so. Ich fühle mich seit Wochen einfach nur klebrig.

Aus den offenen Fenstern der Bar weht der kräftige Geruch von frischem Gulasch und zerkochten Kartoffeln.

Der Geruch erinnert mich an die Sommertage bei meinen Großeltern.

Sie hatten ein kleines Ferienhaus mit einer Terrasse aus rauen Betonfließen, in deren Zwischenräumen kräftig – grünes Moos wuchs und welches ich oft stundenlang herauskratzen musste.

Die Terrasse war mit einem geschwungenen Messingzaun umrahmt.

Den haben meine Schwester und ich oft abgeleckt und den Metallgeschmack dann den ganzen Tag auf unseren Lippen getragen.

Mittags haben meine Großeltern meist Gulasch gekocht, weil mein Vater das so mochte.

Die dampfenden Töpfe haben Sie dann auf die Betonfließen gestellt, damit der Essengeruch nicht zu lange in dem kleinen Haus verweilen und sich in den Gardinen festsetzen konnte.

Ich habe den Geruch geliebt und das Gefühl, wenn man den heißen Topf öffnete und der Wasserdampf einem kitzelnd ins Gesicht stieg.

Na, hast du schon wieder in die Töpfe geguckt, haben meine Großeltern dann gesagt.

Immer in den Fleischtopf, hm?

Das Mädel hat echt einen Appetit.

Na das sieht man.

Nicht so wie bei der Kleinen. Ganz zarte Ärmchen hat die.

Ist aber auch nicht so gierig wie die Große. Guckt auch nicht in die Töpfe.

Richtig süßes Mädel ist das, die Kleine.

Weist du, Mädels sollten nicht so einen Appetit haben. Oder ihn zumindest nicht zeigen.

Warum?, wollte ich dann wissen.

Das gehört sich nicht, für eine Dame.

Als unsere Spritzer kommen, fragt der Kellner, ob wir auch etwas zum Essen bestellen wollen.

Nein, nein, sage ich und winke ab. Nicht bei der Hitze.

Nicht bei dir, hätte ich eigentlich sagen sollen.

Meine Freundin bestellt natürlich auch nichts.

Ich habe Hunger.

Sie hat Hunger.

Aber das sagen wir natürlich nicht.

Das gehört sich nicht.

Und wir wissen ja, was sich gehört.

Stattdessen zünde auch ich mir eine Zigarette an.

Und schlucke meinen Appetit runter.

Heute Abend, wenn wir heim kommen, wird jeder für sich vor der offenen Kühlschranktür stehen.

In die Salami beißen.

Den Frischkäse löffeln.

Im Dunkeln.

Allein.

Wo uns niemand sehen kann.

Dann werden wir den Salamigeruch beim Einschlafen an unseren Fingern kleben haben.

Und uns schuldig fühlen.

Wir werden versuchen, den Salamigeruch an unseren Beinen abzustreifen.

Dann werden wir uns an unsere Beine erinnern.

Und uns vor uns selbst ekeln.

Wie kann man nur Salami essen.

Mit solchen Beinen.

Naja.

Zumindest hat es niemand gesehen.




Klara Weyerer wurde 1990 in Dresden geboren, studierte Theaterausstattung an der Hochschulefür Bildende Künste in Dresden und konnte sich nie zwischen ihrer Liebe zum Malen und zumSchreiben entscheiden . Seit 2012 lebt und arbeitet Sie in Wien – und macht einfach Beides. Kontakt: http://www.klarawey.at






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar