Kristiane Kondrat für #kkl43 Moralisierung
Eine Begegnung in Wien
Da stehst du einfach vor mir: Mächtig und aus Stein: Abraham a Sancta Clara. Da stehst du, pfiffige Kutte, wir stehen uns gegenüber, plötzlich und unverhofft. Hatte eigentlich nach einem anderen Denkmal gesucht, in dieser Stadt voller Denkmäler. Nun bin ich über dich gestolpert, schwäbisches Schlitzohr, und ich freue mich darüber, denn ich möchte dir gerne einige Fragen stellen. Aber Steine antworten nicht. Noch nicht.
So frage ich einfach mich selbst und versuche zu antworten. So gut wie du kann ich es aber nicht.
Ich frage mich: Wie würdest du dich jetzt vor dem Kadi verteidigen, wenn dich eine tapfere Frau heute angeklagt hätte? – und das wahrscheinlich mit Recht.
Wie hättest du dich heute aus der Schlinge geschlängelt? Du weißt ja, die Geschichte mit dem Schubkarren. Obwohl: Das mit den Wiener Rinnen, na ja, das war auch nicht gerade vom Feinsten. Charmant warst du nie. Immer uncharmant aber mit Humor.
Wie hättest du das Gendern bewertet? Das hätte ich mir gerne aus der Nähe angehört.
Einer, der auch hier lebte, du hast ihn nicht gekannt, das war lange nach dir, der hätte dich aufs Sofa gebeten und dich gewaltig analysiert. Der Doktor Freud. Ich kann mir vorstellen, was du auf dem Sofa gepredigt hättest: Ja, so ist es, was man nicht haben kann, muss man beschimpfen. Die Trauben, die zu sauer sind oder weiß der Teufel wie, oder so ähnlich, aber der alte Äsop weiß es genauer.
Und wenn du wieder vor den Kadi gekommen wärest, wie hätte sich das angehört? Ich bin mir sicher, der ganze Gerichtssaal hätte gelacht. Was sehr befreiend gewesen wäre. Manche hätten auch darüber nachgedacht, ob Verbissenheit hilfreich ist. Egal in welche
Richtung gebissen wird. In Sache Beißen kanntest du dich ja aus. Du konntest es auch nicht lassen.
Kristiane Kondrat (Pseudonym), geb. am 11. Dez 1938 in Reschitz/Banater Bergland, Rumänien. Studium der Germanistik u .der Rumänistik in Temeswar, Kulturredakteurin bei der »Neuen Banater Zeitung«. Seit 1973 in Deutschland, als freiberufliche Journalistin (Kultur) für die SZ tätig, liter. Veröff. in: Literaturzeitschriften in Dtl., Österr. und der Schweiz, Anthologien, Beiträge im BR (Hörfunk, Bayern2, Literatur).
Eigenständige Veröffentlichungen (Auswahl):
»Regenbogen«, Gedichte, Jugendverlag Bukarest 1968
Abstufung dreer Nuancen von Grau“, Roman, 1997, Quell Verlag, Stuttgart
„Anastasius und andere Staatsbürger“, Satiren, 2013, Pop Verlag, Ludwigsburg
„Ein großer Buchstabe fällt von der Wand“, Gedichte, 2014, Pop Verlag.Ludwigsburg
„Abstufung dreier Nuancen von Grau“, 2. Auflage, 2019, danube books Verlag, Ulm
»Bild mit Sprung, Erzählungen«, 2. Auflage, danube books Verlag, 2021
Ebenfalls im »danube books Verlag:« Lyrikbuch »Wer tanzt im Niemandsland?«, März 2023.
Preise und Ehrungen:
Förderpreis für Lyrik 2011 der Cité der Friedenskulturen (Lugano)
Bei den Finalisten des Literaturwettbewerbs für politische Lyrik 2009, lauter niemand, Berlin
Bei den Finalisten des 20. Münchner Kurzgeschichten-Wettbewerbs 2016
»Grenzgänger – Grenzgänge«
Publikumspreis für Lyrik der Zeitschrift „Spiegelungen“, 2017, München
Nominierung für den Meraner Lyrikpreis 2022
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