Emma-Grace Perry für #kkl43 „Moralisierung“
Jugendfreundschaft
Die Kübel voller Schnittblumen standen vor dem Fenster des Floristen in Reih und Glied. Celeste sog den zarten Duft einer Rose ein. Danach richtete sie sich auf und zog an der Tür, weshalb eine Glocke erklang. Hinter der Kassa lächelte ihr eine junge Frau, fast mehr Kind als Frau, dachte Celeste, entgegen. „Schönen guten Morgen. Ich suche ein Bouquet für meine Mutter. Sie feiert heute ihren Sechziger.“
„Natürlich. Ich zeige Ihnen die fertigen Blumensträuße, ansonsten können wir auch einen für Sie zusammenstellen.“ Das Mädchen führte Celeste zu den Bouquets.
Da erklang das Läuten wieder. „Hallo, ist da jemand?“, dröhnte eine forderne Stimme, die Celeste überall erkannt hätte, auch wenn es zehn Jahre aus war, dass sie sie zum letzten Mal gehört hatte. Zu ihrer Überraschung fühlte sie nichts.
„Augenblick, die Kollegin kommt gleich!“, rief die Mitarbeiterin in Richtung des Eingangsbereichs.
„Ich habe nicht ewig Zeit.“ Die Stimme und damit auch die Frau näherten sich rasch.
Celeste drehte sich zu ihr um. Valerie und sie sahen sich immer noch verdammt ähnlich, nur dass Valerie Sommersprossen um die Lippen, die sie einen Augenblick lang zusammenkniff, hatte. „Celi?!“
Celeste musterte Valerie. Die trug ein schwarzes Designerkleid, hochhackige Schuhe und ließ ihrerseits einen abfälligen Blick auf Celestes Strickweste ruhen. Die Verkäuferin sah zwischen den beiden hin und her. „Ich suche schnell nach meiner Kollegin.“ Daraufhin verzog sie sich.
Valerie richtete sich auf. „Was machst du denn hier?“
„Ich kaufe Blumen für meine Mama. Die wird heute sechzig.“
„Oh, Glückwunsch!“
Celeste drehte sich zu den Sträußen und konzentrierte sich auf eine leuchtend orange Ringelblume. „Werde ich ausrichten.“
„Celi?“
„Ja?“
„Lass uns doch mal treffen.“ Valerie fummelte in ihrer Handtasche herum und reichte Celeste eine Visitenkarte. Die steckte sie in die Hosentasche, ohne ihr Beachtung zu schenken.
Valerie hob die Hand zum Gruß. Dann drehte sie sich um und verließ das Geschäft, ohne etwas gekauft zu haben. Celeste entschloss sich für ein Bouquet aus Inkalilien, Chrysanthemen und Rosen, das sie zur Kasse trug, wo sie von gleich zwei Mitarbeiterinnen erwartet wurde.
Erst vor der Tür des Ladens zog sie die Visitenkarte aus der Hosentasche.. „Valerie Trebel, MBA“, stand darauf und in der Zeile darunter „CFO“. Sie hatte es also zu etwas gebracht. Während Celeste in Richtung der elterlichen Wohnung spazierte, wurde sie von unterschiedlichen Erinnerungen eingeholt.
Der gemeinsame Gitarrenunterricht mit ihrer besten Freundin, als die Mädchen zehn waren. Die Entscheidung, während des Studiums eine WG zu gründen. Dann Valeries herablassende Bemerkungen während der Studienzeit, die sie Stück für Stück auseinander getrieben hatten. Sowie die unangenehmste aller Erinnerungen sich in Celestes Gehirn breit machte, war sie so abgelenkt, dass sie die riesige Pfütze erst bemerkte, als sie mit beiden Sneakers hinein getreten war und patschnasse Füße hatte.
Die Freundinnen waren gerade auf dem Sofa gesessen, zwischen ihnen eine Packung Schokokekse. Celeste hatte ihre Beine an sich gezogen. „Kannst du dich an Greta erinnern, die ich bei der Infoveranstaltung über Auslandspraktika kennen gelernt habe?“
„Ja, sicher. Du hast sie oft genug erwähnt.“
„Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und ich mag sie sehr gern.“
„Was soll das heißen? Willst du eine dritte Mitbewohnerin? Wir haben doch kein leeres Schlafzimmer.“
Celeste hatte ihre Beine so fest umarmt, dass ihre Finger weiß wurden.. „Nein, das meine ich nicht.“
„Jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Was ist mit dieser Greta?“
„Ich denke…Ich glaube… Ich habe mich in sie verliebt.“
Valeries höhnisches Gelächter klang immer noch in Celestes Ohren. „Celi, das hast du jetzt davon. Ich habe dir oft genug gesagt, dass du mit mir und den Mädels feiern gehen sollst, weil du sonst NIE einen Kerl kennen lernst und nun ist es so weit gekommen. Also Celeste, schön und gut, dass du so einen auf alternativ machst, aber das ist wirklich lächerlich.“
Über zehn Jahre später schämte sich Celeste dafür, die Freundschaft nicht an diesem Tag beendet zu haben. Valerie und sie hatten wenig Kontakt, während Celeste in Paris arbeitete, doch nach ihrer Rückkehr nach Österreich trafen sie anlässlich von Celestes 26. Geburtstags wieder aufeinander.
Celeste und zwei weitere Freundinnen hatten sich in der Pizzeria Gusto um einem Ecktisch versammelt und verspeisten die letzten Stücke Pizza, als Valerie, einen Anzugträgertypen im Schlepptau, auftauchte. „Tut leid, Matthias war noch in einem Meeting. Deshalb konnten wir nicht früher kommen.“
Sobald der Kellner in Sichtweite kam, hatte Matthias mit den Fingern geschnipst und Valerie in die Runde gelächelt. „Ich werde wohl nichts Weltbewegendes verpasst haben, oder?“
„Den Großteil meiner Geburtstagsfeier.“
Es war Matthias, der die darauf folgende Stille unterbrochen hatte. „Ach, du hast Geburtstag? Gratulation, das wusste ich ja gar nicht.“
Seit jenem Abend hatte Celeste nichts mehr von Valerie gehört.
Celeste erreichte die Tür des Wohnhauses. Nun fischte sie die Visitenkarte noch einmal aus der Hosentasche und betrachtete den Namen. Dann seufzte sie, warf die Karte in den Mülleimer, der neben der Tür stand, und patschte mit ihren nassen Schuhen in das Wohnhaus.
Emma-Grace Perry
Emma-Grace Perry lebt in Österreich, wo sie 1988 geboren wurde und als Nachhaltigkeitsberaterin arbeitet. Zwischenzeitlich wohnte sie in Deutschland, Belgien, Kalifornien und Dänemark, wo sie auch promoviert hat. Seit 2021 wurden einige ihrer Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht.
Über #kkl HIER
