Dr. Barbara Neltings für #kkl43 „Moralisierung“
Nur zu Besuch
Einsam stand sie da, wirkte trotz des vielen Trubels um sie her, selbst trotz der zwei kleinen Kinder rechts und links an ihrer Hand, verlassen und mutterseelenallein. Wie oft war sie jetzt schon hier gewesen? Wie oft müsste sie noch kommen? Allein vor der Vorstellung, sich dies auszurechnen, gruselte es ihr. Mal abgesehen davon, dass sie mit ihrer kombinierten ADHS und Dyskalkulie (oder waren die Worte, mit denen vergangene Schulpsychologen herumgeworfen hatten, Dyslexie und LRS gewesen?) bei einer solch komplizierten Rechnung heillos überfordert gewesen wäre.
Es war ja nicht so, als hätte sie ihn nicht gewarnt. Mehr noch, ihn gebeten, zuletzt angefleht, es nicht zu weit zu treiben. Den Bogen nicht zu überspannen, schon gar nicht mehr, seitdem sie ihn erwischt hatten diese eine Nacht und es nun kein Erstvergehen mehr sein würde.
Doch vergebens. Natürlich hatte er es besser gewusst, ihre Bedenken, Sorgen und Ängste lässig abgetan. Sich mit „Mir passiert schon nichts“ und „No risk, no fun“ verabschiedet und ihr noch einen „Glückskuss“ („Komm Baby, zieh nicht so ein Gesicht!“) zum Abschied abgerungen. War seiner Wege gegangen, einen Schleichzug unternommen, in seinem Revier, stets mit diesem katzenhaften Grinsen auf den Lippen, was sie so liebte und was ihr nun so fehlte.
Nur, dass es eben dann doch passiert war.
Und deswegen stand sie jetzt hier, alle zwei Wochen, pünktlich um 2.
Sie wusste genau, was sie alle dachten. Hatte es in ihren Augen gesehen, am Tag des Prozesses, als sein Urteil verkündet wurde und sie aufgeschrien hatte vor Unglaube und Schmerz. Auch hatten sie sich nicht mal die Mühe gegeben, die Lautstärke ihrer Stimmen zu senken, als sie ihre Verwunderung kundtaten.
„Das ist doch nur ein Junkie, und ein Dealer dazu.“ „Dem weint keiner eine Träne hinterher.“ „Richtig so, dem tun ein paar Jahre im Bau ganz gut.“
Ihr war das Herz gebrochen, als sie ihn abführten, in Handschellen, mit gesenkten Kopf, dorthin, wo er auch jetzt noch war. Und sie heute auch.
Ein Junkie war auch sie.
Doch mehr noch als nach Drogen war sie süchtig nach ihm. Die Art, wie er ihre Hände hielt und nicht nur sie. Ihren Körper berührte, als sei er etwas ganz Besonderes, etwas Feines, Beschützenswertes – und nicht nur das heruntergewirtschaftete Fleisch einer zweifachen Mutter und langjährig Abhängigen. Damit auch ihre Seele streichelte, auch sie begehrenswert erscheinen ließ.
Wenn dies denn alles möglich gewesen wäre, hier an diesem menschen- und liebesfeindlichen Ort.
„Irgendwelche spitzen Gegenstände, Waffen, Alkohol oder verbotene Substanzen?“
Die gelangweilte Stimme des Sicherheitskontrolleurs, die genauso gut auch einem Roboter hätte gehören können, riss sie aus ihren Gedanken. Folgsam wie immer öffnete sie ihre Handtasche, gab neben Feuerzeug und Personalausweis wie jedes Mal auch das Handy am Eingang ab.
„Spiel ihr Spiel mit, aber lass sie nie gewinnen!“ – Auch das war einer seiner Sprüche gewesen. Viel hatten die ihm genutzt in der Nacht, als es eben doch eine unerwartete Razzia gegeben hatte an seinem Umschlagsplatz im Park. Viel auch vorm Gericht. Da hatte er mit seinem charmantesten Lächeln noch versucht als kleiner dummer Junge durchzugehen. Vergebens. Die Richterin urteilte nach Fakten, und die sprachen gegen ihn.
So einfach war das für sie alle. Und für sie, die kleine schmächtige Frau, die trotz der zwei Kinder an ihrer Seite selbst noch wie ein Mädchen aussah, interessierte sich sowieso keiner.
Außer er. Er hatte sich für sie interessiert. Doch offenbar nicht genug, um auf sie zu hören. Nicht genug, um das freie Leben des Straßenhandels gegen irgendwas Solides einzutauschen, etwas, was die Familie ernährte, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen. Zur Not auch Stütze. Jetzt war er unfreier, als jeder Job der Welt es ihn gemacht hätte.
Und sie? Lief ihm noch immer hinterher. Sollte ihn dahin schicken, wo der Pfeffer wächst, oder in die Hölle. Wie es ihr die Freunde auch geraten hatten.
Stattdessen war sie hier, zog die Kinder hinter sich her durch die Gänge, immun gegen ihr Gequengel, was sie heute gar nicht hörte. Zu sehr war sie befasst mit dem, was kommen würde, dem Ziel, zu dem sie ihre Schritte führten.
Ein kalter steriler Raum war es, der Boden gefliest, die Wände schmutzig grau verputzt, die Ecken des billigen Tisches mit Gummi abgerundet, ebenso wie die Füße der Stühle. Das erste Mal war sie zurückgeschreckt in der Tür wie ein scheuendes Pferd, entsetzt, dass das hier alles sein sollte, was ihnen blieb. Die nächsten … wieviel Jahre? Sie ermahnte sich nicht daran zu denken, ja, verbot es sich sogar.
Mittlerweile hatte sie es sich beigebracht, die schäbige Hässlichkeit des Raumes nicht mehr zu sehen. Nicht des Raumes wegen war sie schließlich hier, sondern wegen ihm.
Er war der gutaussehende Typ, der sie damals mit dem Zeug versorgt hatte. Und als Gegenleistung nicht nur ihre Knete bekommen hatte, sondern ihr Herz grad noch dazu. Oder ihre Seele. Oder was auch immer es war, was in ihr freudig hüpfte, wenn er lachte oder sie in den Arm nahm. Was so weh tat, wenn er weg war. Was wusste sie denn schon von solchen Dingen?
Da saß er an dem Tisch, dessen nüchternes Antlitz sie nicht einmal mit ihren spärlichen mitgebrachten Gaben mildern durfte. Auch diese hatte sie am Empfang abgeben müssen, damit über den Tag sichergestellt werden konnte, dass die Fa-Plastikflasche tatsächlich Männer-Shampoo und nicht Liquid-Ecstasy enthielt und keine Hanf-Fäden in die C&A-Boxershorts eingenäht waren. Sie hoffte, dass er, wenn er das jeweilige Geschenk, dessen emotionaler Wert seinen materiellen stets um Längen überstieg, am Abend erhielt, noch einmal liebevoll an sie denken würde. Das tröstete sie jedoch nicht über das hinweg, was sie ihr nahmen mit diesem entwürdigenden und unnötigen Inspektionsprocedere, nämlich die überraschte Freude in seinen Augen, vielleicht ein spontaner Dankeskuss.
Da saß er, der Vater ihrer Kinder. Die Kinder, derentwegen sie jetzt überhaupt hier sein durfte, das zweite Mal in diesem Monat. Die aus diesem Grunde immer mit mussten hierher. Nicht, dass sie sie hätte woanders unterbringen können, heute, am Samstag, wo die Krippe zu hatte. Hierher, in diesen Raum, der mit einem Kinderzimmer in etwa so viel Ähnlichkeit hatte wie ein Friedhof. Hierher, wohin auch sie nur widerwillig kamen. Vielleicht noch artig den Vater begrüßten, den sie kaum kannten. Dann ihre Blicke durch den Raum schweifen ließen, jedes Mal aufs Neue auf der verzweifelten Suche nach irgendetwas, was sie hier nie fanden.
Die Mutter verstand sie nur zu gut.
Doch Gefühle für die Kinder waren nichts, was sie sich leisten wollte. Nicht hier, nicht jetzt. Nichts, wenn sie bekommen wollte, weswegen sie gekommen war. Etwas von ihm, etwas zwischen ihnen. Etwas, was sie die Leere zu Hause aushalten ließ für die nächsten zwei Wochen. Etwas, was sie nie erhielt.
Den ein oder anderen auch mal intensiveren Kuss, das ja, und das immerhin war selbst hier nicht verboten. Manchmal, wenn die Kinder nicht hinschauten, griff er ihr auch unters Shirt, entfachte die alte Flamme in ihr. Doch so schnell, jedes Mal und immer wieder viel zu rasch, war es dann auch wieder vorbei.
Die meiste Zeit ihrer Besuche verging sowieso damit, Dinge zu besprechen. In hastigen schnellen Worten zwar, um 90 Minuten optimal zu nutzen. Doch immer gab es viel zu viel zu bereden. Die Kinder, ihr Job, was er hier drin so trieb – und dann natürlich seine Aufträge. Wo sie wann was für wen hinterlegen sollte und wie sie selbst an ihren Stoff käme. Nötig zwar, aber doch so lästig.
Nichts, was etwas zu tun haben sollte mit der Liebe, die sie verband – und doch unauflösbar mit ihr verwebt war.
Von der Frage, wo´s den besten Stoff gab und wie man ihn bezahlte bis hin zum gemeinsamen Rausch … ein Leben zu zweit im Zeichen der Sucht … beendet mit ´nem gemeinsamen goldenen Schuss? Alles wär besser als das, Hinzuhalten als sein Kurier, Auszuhalten die Trennung, zu halten die Hände der Kinder. Am besten auch den Mund, denn von ihrem Kummer will er nichts hören, heute nicht, und auch sonst nie. Hat immer gute Laune, selbst hier. Spricht von der Zeit danach, die sie nicht sehen kann, viel zu weit ist das weg und irgendwie leer.
Leer wie auch sie, wenn sie den Kasten wieder verlässt. Alles auf rückwärts, die Gänge, die Inspektion, Handy, Feuerzeug und Perso zurück. Ein gelangweiltes „Danke dann auch und auf Wiedersehen“. Bis in zwei Wochen, fügt sie leise hinzu.
Und dann steht sie wieder draußen. Eine schmächtige Frau, mit zwei weinenden Kindern dabei, eins links, eins rechts. Die strähnigen Haare zu Zöpfen gebunden, die sie weder älter wirken lassen noch seriöser. Die pinke Handtasche, die er ihr einmal geschenkt hatte, krampfhaft umklammert. Den Kopf voll dröhnender Worte, die Augen voll Tränen, das Herz schwer mit Sehnsucht, die keiner sehen will.

Dr. Barbara Neltings (geb. 1981) gesamte Schulzeit war begleitet vom Lesen und Schreiben. Dennoch gewann nach dem Abitur der mit der Journalistik konkurrierende Studienwunsch der Medizin. Aktuell wohnt sie mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Freiburg und arbeitet als Hausärztin und Psychotherapeutin in eigener Praxis. Während der Coronapandemie hat sie das Schreiben wiederentdeckt – zuerst als Möglichkeit der Aufzeichnung und Verarbeitung von Erfahrungen, später dann „einfach“ um der Erzählung erzählenswerter Geschichten wegen. Seitdem schreibt sie und schreibt und schreibt…
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