Martin A. Völker für #kkl43 „Moralisierung“
Wir wollen essen
Ob Bertolt Brecht ein Feinschmecker war? Schwer zu entscheiden. Wie viel Feinschmecker kann einer sein, der meint, erst komme das Fressen, dann die Moral? Was unterscheidet das Fressen vom Essen? Das Kochen, im besten Fall das gemeinsame Kochen, macht den ersten Unterschied. Umsponnen von schönen Gesprächen den Küchenwein öffnen, sich zuprosten, nochmals gemeinsam in das Rezept schauen, Varianten diskutieren, die Aufgaben für den Zubereitungsvorgang verteilen, das Mise en Place gestalten, Tipps und Tricks zum Zwiebelschneiden austauschen, sich lachend über unscharfe Messer aufregen, das Gewürzbedürfnis des Gegenübers kennenlernen, glücklich darüber sein, dass sich letztendlich alles gut duftend im Ofen, in den Töpfen und Pfannen befindet: das ist Kochen. Nach einem solchen Kochen kommt das Essen. Aber bitte nicht liegend aufgestützt. Ein freier Geist und ein guter Geschmack, beides braucht einen freien, aufrechten Blick. Kennst du diese Leute, die, bevor sie den ersten Bissen zu sich genommen haben, sofort anfangen, nachzuwürzen? Hier noch eine Fuhre Salz, dort noch einen Berg Chiliflocken, damit die Erinnerung an ein wohldurchdachtes Rezept sofort ausgelöscht und die Wertschätzung der Köche mit Füßen getreten wird. Mit diesen Leuten mache dich nicht gemein. Das Gemeine, die Gemeinheit unterscheidet das Fressen vom Essen. Wie, so frage ich dich, soll auf das Fressen die Moral folgen? Wer frisst, der hat überhaupt keine Moral. Denn was sollte das für eine sein? Höchstens eine Moral unter dem Motto Fressen-und-gefressen-Werden. Das ist die Unmoral der Unmenschen. Wer dagegen dem Essen huldigt, der benötigt keine gesonderte Moral. Alles, was als moralisches Empfinden und Gebaren angemessen ist, lernst du in der Küche, ohne eine Moraldoktrin von der Gesellschaft mit ihren Moralaposteln doziert zu bekommen. In der Küche verstehst du, dass dein Genuss nur möglich ist, wenn es anderen dabei ebenso gut geht. Wie solltest du freudig zubereiten können, während jene, welche die von dir benutzten Produkte herstellen, darben? Wie könntest du genießen, wenn andere weinen? Würde sich bei dir die wohlige Magenwärme einstellen, wenn du anderen das Abräumen und Abwaschen überließest? In der Küche lernst du, keine Moral zu haben, weil du sie längst hast, eine gelebte Moral, keine Moral der Phrasen, der faden Behauptungen und bedrohlichen Belehrungen. Erst kommt das Essen, und damit lasse es bewenden. Zur Ehrenrettung Brechts sei gesagt, dass er ein Mann mit geringem Appetit war. Der Appetit kann groß und wölfisch werden, er birgt die Gefahr, sich im Fressen zu verlieren. Vielleicht ein Grund für Brecht, den eigenen Appetit zu hinterfragen, wenn man am zügellosen Appetit seiner Mitmenschen leidet. Lieber drei Groschen für ein gutes Stück Brot als eine Unsumme für einen gequälten Hummer oder für eine herausgerissene Entenbrust oder eine halbrohe Bio-Moralkeule. Ist dir schon aufgefallen, dass die überteuerte Pseudomoral schmatzende Geräusche verursacht? Höre einmal genau hin. Entsetzlich! In der guten Küche lernst du, dir außerhalb der guten Küche mit Klebereis die Ohren zu verschließen, um wie Odysseus von jeglichem Unsinn verschont zu bleiben. Habe Mut, die Weisheit des eigenen Geschmacks zu entdecken.

Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.
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