Nassim für #kkl43 „Moralisierung“
Stille Post
„Guten Morgen Herr Schenk, ich hörte von der Abteilung neben an, dass ich eine Information überbringen soll?“. „Ja, das ist richtig Herr Dumplin. Wenn ich richtig gehört habe, sind Sie für solche Aufgaben in diesem Haus verantwortlich“. „Ja, sehr wohl, ich mache diese Aufgabe schon seit 15 Jahren hier. Worum geht es denn genau?“ „Es geht um einen neuen Paragrafen, den wir in unserem Hause einführen möchten. Dieser soll Bestandteil des Hausordnungsbuches werden, um gesunde Sitten zu pflegen und eine angenehme Atmosphäre zu erschaffen. Wenn jede Person in diesem Haus diesen Paragrafen verinnerlicht hat, dann kommt in diesem Haus endlich Ordnung rein. Und wir können uns perspektivisch darauf verlassen, dass der Betrieb zu den Spitzenkandidaten gehört, wenn es um das Vertrauen geht. Dafür braucht es allerdings eine Person, die den Paragrafen vorerst streng vertraulich zum Druckmeister in die Druckerei bringt. Nachdem der Paragraf in das Hausordnungsbuch aufgenommen wurde, werden mehrere Exemplare gedruckt und jede Person dieses Hauses erhält eine neue Version des Buches“. „Das hört sich echt gut an Herr Schenk, nun bin ich doch sehr gespannt, um welchen Paragrafen es sich dabei handelt“. „Es geht um den Paragrafen: Ein Mensch darf nicht Lügen. Kann ich mich darauf verlassen, dass Sie diese Information streng vertraulich und originalgetreu an die Druckerei weiterleiten?“. Herr Dumplin steckte sich die Kappe seines Stiftes in den Mund und schrieb den Satz auf einen Block nieder. Dabei nuschelte er den Satz: Ein Mensch darf nicht lügen vor sich her und sagte nach einigen Sekunden entschlossen. „Ja aber natürlich Herr Schenk, ich bin Profi auf meinem Gebiet. Aber eine Frage habe ich noch. Warum ist es Ihnen so wichtig, dass dieser Paragraph verinnerlicht wird Herr Schenk?“ So richtig wollte Herr Schenk nicht auf diese Frage antworten. Dann sagte er nur: „Es gab einige Vorfälle in diesem Haus, die nicht mehr zu dulden sind“. Herr Dumplin nickte zustimmend und schaute sich dann neugierig im Raum um. Herr Schenk wurde langsam etwas ungeduldig und sagte nur noch: „Gut. Dann machen Sie sich am besten jetzt gleich auf den Weg. Die Aufzüge lassen manchmal lange auf sich warten und ich möchte, dass heute schon die ersten Exemplare gedruckt werden, sodass zum Ende nächster Woche jede Person des Hauses ein Exemplar besitzt. Die Druckerei nimmt ab 18 Uhr keine Aufträge mehr an“. Herr Dumplin lenkte seine Aufmerksamkeit wieder zurück auf Herr Schenk, nickte, und machte sich zügig auf den Weg zum Aufzug.
Im Aufzug hing ein verschachtelter Wegeplan von dem gesamten Gebäude. Auch wenn Herr Dumplin diese Wege schon mehrere Jahre abgelaufen war, konnte er sich diese nie merken. Darum studierte er erneut den Plan und entschied wieder nach 15 Minuten sich durchzufragen. So wie er es jedes Mal nach 15 Minuten Arbeitsbeginn entschied.
Angekommen im 3. Stock hielt er Ausschau nach Menschen. Er sah eine große Tür und hörte dahinter viele Stimmen reden. Er wollte gerade die Tür öffnen, als er plötzlich eine Stimme hörte, die sagte: „tu das lieber nicht“. Nachdem Herr Dumplin links und rechts niemanden finden konnte der zu ihm gesprochen hatte, sah er wie ein Hund ihn von unten anschaute. Herr Dumplin überlegte kurz, ob es sein könne, dass der Hund mit ihm redete, machte sich dann aber weiterhin keine Gedanken, nachdem er den Hund weiter zu ihm sprechen hörte: „Tu das lieber nicht, die haben es hier nicht so gern, wenn man sie bei ihrer wichtigen Arbeit stört. Guck Dir mich an, ich wollte neulich lediglich auf Toilette gehen, ein ganz natürliches Bedürfnis und da haben sie mich gleich aus dem Raum verbarrikadiert, und dass nur, weil ich aus Versehen auf ein Kabel drauf gepinkelt habe. Diese wichtigen Leute sind manchmal unglaublich sag ich Dir“. Herr Dumplin nickte und sagte zu dem Hund: „Ich verstehe. Vielleicht ist es möglich, dass Du mir helfen kannst? Ich suche nämlich die Druckerei. Weißt du wo diese ist?“ Der Hund nickte und sagte: „Ja ich denke ich kann Dir da helfen, aber warum willst Du dorthin?“ „Ich habe den Auftrag bekommen einen wichtigen Paragrafen zu überbringen“. „Und was für ein Paragraf soll das sein?“ antwortete der Hund. „Das ist streng geheim.“, sagte Herr Dumplin. „Aber ich bin doch ein Hund, mich versteht doch sowieso kein Mensch, wem soll ich das denn erzählen, was Du mir erzählst?“ Herr Dumplin erinnerte sich wieder, dass er mit einem Hund sprach. Nachdem der Hund seinen besten Hundeblick aufgelegt hatte, war es für Herr Dumplin nahezu unmöglich nichts zu sagen. „Na gut, ich soll den Paragrafen: Ein Mensch darf nicht lügen, zur Druckerei bringen. Es soll ergänzt werden in der neuen Auflage des Hausordnungsbuches“. „Ach Papperlapapp!“, sagte der Hund plötzlich. „Hat dir das der Schenk aufgetragen?“. „Ja“, antwortete Herr Dumplin. „Der wieder mit seiner Ideologie“, sagte der Hund. „Was für eine Ideologie? Zu mir sagte er nur, dass es einige Probleme in diesem Haus gab und dass es deshalb diese Ergänzung geben soll“, sagte Herr Dumplin. „Ja das kann ich mir denken, dass er das sagt. Man munkelt, dass er früher eine Babysitterin gehabt haben solle, die den Zwang hatte immer Lügen zu müssen. Sie war psychisch krank und die Eltern vom Schenk haben es lange Zeit nicht mitbekommen, dass sie den Kindern immer sehr viele, nicht Kind-gerechte Lügen aufgetischt hat. Das hat ihm längerfristig geschadet, sodass er jetzt seine Vision eines lügenfreien Ortes umsetzen möchte. Bevor er also möchte, dass seine Mitarbeiter nicht lügen, müsste er erst mal anfangen selbst die Wahrheit zu sagen. Überarbeite diesen Paragrafen! Schreib lieber Gewisse Menschen sollen nicht lügen, ich denke das wird eher die Realität im Haus abbilden“. „Aber so wie ich das verstanden habe, ist es eben genau das Ziel, jeden Menschen im Haus dazu zu bewegen, eben nicht mehr zu lügen“, sagte Herr Dumplin. Der Hund lachte. „Aber Du glaubst doch nicht im Ernst, dass sowas durch einen harmlosen Satz in einem Buch, welches sich sowieso niemand durchlesen wird, erreicht werden kann“. „Ja wahrscheinlich wohl eher nicht.“ sagte Herr Dumplin. „Aber ich kann doch nicht einfach den Paragrafen ändern“. „Aber natürlich kannst Du, was heißt können. Du musst! Hör doch nur hin, alles scheinheilig hier“. Der Hund deutete auf den Raum hin. Herr Dumplin versuchte zu hören, was in dem Raum erzählt wurde. „Wenn wir den Mitarbeitern die realen Zahlen vorlegen, dann werden sie die Hoffnung in unser Projekt verlieren. Sie werden kündigen und dann wird das Unternehmen pleitegehen. Das kann doch nicht wirklich ihr Ziel sein“. „Was schlagen Sie dann vor?“, sagte eine weitere Stimme. „Naja Sie können die oberen und die unteren Zahlen einfach miteinander vertauschen. Dann stellt das auf jeden Fall ein besseres Ergebnis da und im Nachhinein können wir immer noch sagen, es gab einen Zahlendreher. Dafür haben die meisten Leute Verständnis“. Herr Dumplin schaute verblüfft den Hund an. Der Hund antwortete: „Siehst Du!“ und deutete auf den Zettel von Herr Dumplin. Herr Dumplin tat sich etwas schwer damit, aber steckte dann trotzdem wieder die Kappe des Stiftes in seinen Mund und begann den Paragrafen zu korrigieren. „Und wo finde ich denn jetzt die Druckerei?“. „So genau kann ich es Dir leider auch nicht sagen.“, sagte der Hund und grinste Herr Dumplin an. Aber Ich würd mal in den zweiten Stock fahren, ich habe das Gefühl, dass sie Dir dort weiterhelfen können“. Herr Dumplin schaute kopfschüttelnd auf die Uhr und stellte mit Erschrecken fest, dass es schon 15 Uhr war“. Schnell flitzte er zum Aufzug und fuhr in den zweiten Stock.
Angekommen im zweiten Stock, hörte Herr Dumplin überall laute, piepende Geräusche, die aus Medizingeräten herausdrangen. Die Schwestern trugen grüne Kittel und Hauben, und liefen hektisch den Gang hin und her. Auf einem Schild oben stand: Betreten verboten! Lediglich Angehörigen sowie dem medizinischen Personal ist der Zutritt zum OP-Saal gestattet. Herr Dumplin wurde relativ schnell klar, dass ihm auf dieser Station wohl niemand helfen könne, geschweige denn die Zeit dafür habe, ihm den Weg zu seinem Ziel zu zeigen. Gerade wollte er sich wieder auf dem Weg zu einem anderen Stockwerk machen, als eine attraktive Frau aus dem Aufzug trat. Sie hatte schwarze, lange Haare und leuchtende Augen. Die Frau lächelte ihn an und legte ihre Hand auf seine Brust, um ihn anzuhalten. Herr Dumplin fühlte sich geschmeichelt. „Herr Doktor“, sagte sie. „Wie gut, dass ich Sie hier treffe. Wissen Sie wann das Ergebnis meines Mannes endlich da ist?“ In diesem Moment kehrte bei Herr Dumplin die Realität wieder ein. Bevor er die ganze Situation aufklären konnte, zog ihn die Frau in einen Besprechungsraum hinein. Dort wartete ein Mann, der einen Verband um seinen Kopf trug. Sie gab ihm einen Kuss auf den Mund und sagte dann nur: „Hier ist Dein Kaffee, Schatz“. Herr Doktor können Sie mir nun sagen, ob mein Mann sterben wird? Bitte sagen Sie mir, wird mein Mann leben können?“, betonte sie ein zweites mal mit zittriger Stimme. Herr Dumplin überlegte kurz wie er diese Situation nun am besten aufklären könne. Dann sah er auf einem Tisch eine Mappe liegen. Nachdem er darin etwas blätterte, fand er eine Zeile in der stand: Patient hat eine statistische Überlebenschance von 0.01 %. Dies entspricht einer klinischen Relevanz, die darauf hindeuten lässt, dass der Patient mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit sterben wird. Er sah in die hoffnungsvollen Augen der beiden. Herr Dumplin sagte dann: „Ja es gibt durchaus eine Chance, dass ihr Mann leben kann“. Herr Dumplin sah nun die vielen Tränen, die eine Erleichterung der beiden zum Ausdruck brachten. Nicht glücklicher hätten zwei Menschen sein können. In diesem Moment ging die Tür zum Raum auf und ein älterer Mann mit weißem Kittel kam hinein. Er stellte sich kurz vor: „Guten Tag, mein Name ist Prof. Dr. Derrin, ich bin der leitende Oberarzt auf der Station und bin für ihren Fall zuständig“. Die Frau und ihr Ehepartner schauten sich verwirrt an und wollten Herr Dumplin zur Rede stellen. Da hörten sie auch schon die Tür klacken und Herr Dumplin war aus dem Raum verschwunden. Herr Dumplin setzte sich vor dem Raum erschöpft auf die Bänke hin und atmete einmal tief durch. Dann nahm er seinen Notizblock, steckte die Kappe erneut in den Mund und ergänzte den Paragrafen, um einen weiteren Satz: Er schrieb auf: Notlügen darf es geben.
Herr Dumplins knurrender Magen signalisierte ihm, dass er dringend was Essen müsse. Er sah einen Snack-automaten gegenüber von der Bank auf der er saß. Ihm sagte nicht wirklich was zu. Aber er entschied sich dann für die Smarties, von denen konnte er ein paar Essen und den Rest notfalls entsorgen. Als er sich wieder auf die Bank setzte, um sie zu essen, sah er, wie ein Junge auf der Bank gegenüber, ihn beobachtete. Er sah aus, als würde er auch Smarties essen wollen. Also ging Herr Dumplin auf die andere Seite und fragte den Jungen, ob er auch welche haben möchte. Der Junge nickte und fischte sich ein paar wenige aus der Tüte. „Hast Du auch Krebs?“ fragte Herr Dumplin den Jungen. „Nein, aber mein Vater!“, sagte der Junge und zeigte auf das Zimmer aus dem Herr Dumplin zuvor herausgekommen war. „Oh das tut mir leid“, sagte Herr Dumplin und erinnerte sich wieder an den schrecklichen Moment in dem Raum. „Bist Du ein Freund von meinem Vater?“ fragte der Junge. „Joa, so kann man das auch sagen“. „Und glaubst Du, dass mein Vater sterben wird?“ In diesem Moment kam die Frau des Mannes aus dem Zimmer und sah Herr Dumplin skeptisch an. „Na!“ sagte sie zu ihrem Jungen“. „Wollte der Mann Dir auch was verkaufen?“. Herr Dumplin schaute beschämt auf den Boden. „Nein Mama“, sagte der Junge, „der Mann ist super nett!“, er hat mir sogar was von seinen Smarties abgegeben und er sagte, dass er ein Freund von Papa ist“. „Sag ich doch, dass er gut Dinge verkaufen kann“, antwortete die Mutter. Der Junge verstand die Worte seiner Mutter nicht, drehte sich aber wieder zu Herr Dumplin und sagte: „Und was ist denn nun, glaubst Du, dass mein Vater sterben wird?“. Bevor Herr Dumplin darauf antworten konnte, sagte die Mutter des Jungen: „Hase, wartest Du bitte hier, Mama muss mit dem Mann kurz was besprechen“. Kaum hatte sie das gesagt, griff sie das Handgelenk von Herr Dumplin und zog ihn an die Seite. „Was fällt Ihnen eigentlich ein? Was glauben Sie, wer Sie sind? Erst tischen Sie mir und meinem Mann eine Lüge auf und jetzt wollen Sie auch noch meinen Sohn in die ganze Sache mit einbeziehen. Haben Sie noch alle Tassen im Schrank? Mein Mann und ich haben uns dafür entschieden, unserem Sohn bis zu dem Tod meines Mannes nichts zu erzählen. Er soll glauben, dass sein Vater wieder gesund wird und nicht sterben wird. Und da Sie jetzt wunderbar dieses Gespräch angefangen haben, werden Sie jetzt die glorreiche Aufgabe haben, ihm genau das jetzt zu verklickern. Dass Sie ein Lügenprofi sind, haben Sie ja kürzlich bestens bewiesen“. „Aber das können Sie doch nicht machen!“, sagte Herr Dumplin. „Der Junge hat doch ein Recht darauf sich von seinem Vater zu verabschieden“. „Unser Sohn wird nächstes Jahr eingeschult. Was glauben Sie, was passieren wird, wenn er erfährt, dass sein Vater nicht mehr lebt? Dann heißt es nur noch von einem Psychologen zu einem anderen Psychologen zu rennen und die Schule kann er dann auch knicken. Verstehen Sie jetzt was ich meine?“, sagte die Frau. „Aber er wird es doch sowieso irgendwann erfahren“, erwiderte Herr Dumplin. „Ja“, antwortete sie. „Aber zu einem weitaus günstigeren Zeitpunkt als diesen jetzt. Einem Zeitpunkt, wo er das besser verkraften kann und wo auch nicht so viele Lebensveränderungen anstehen. Und bis dahin, braucht es eine sehr gute, angenehme und glaubhafte Lüge!“. Sie sagte ihre Worte zu Ende und forderte ihn mit einer Armbewegung heraus. Als Herr Dumplin sich etwas schwer damit tat, trug die Frau nochmal nach: „Außerdem sind Sie uns was schuldig!“. Nun stand Herr Dumplin auf und setzte sich zu dem Jungen. „He kleiner“, sagte er. „Ich schulde Dir wohl noch eine Antwort“. Der Junge blickte zu ihm auf und hörte ihm aufmerksam zu. „Dein Vater wird nicht sterben!“, sagte Herr Dumplin. Er wird auf jeden Fall wieder gesund werden hat der Arzt gesagt. Allerdings gibt es da noch etwas, dass dir Dein Vater noch nicht gesagt hat“. Auch die Mutter des Jungen hörte jetzt sehr aufmerksam hin. „Ich bin ein Arbeitskollege Deines Vaters und wir helfen Menschen in Ländern wo es kein Wasser gibt und auch kein Essen. Dort ist ein Junge in Deinem Alter. Er wird wahrscheinlich auch nicht so alt werden, weil dieser Junge schwer krank ist. Aber Dein Vater hat die Aufgabe bekommen ihn soweit wie möglich auf die Beine zu bringen, sodass er sich selbst helfen kann. Und dafür muss Dein Vater schon morgen mit mir dort hinfliegen“. „Fliegen?“, fragte der Junge. „Ist das denn weit weg?“ „Ja mein kleiner. Es ist sehr, sehr weit weg und Dein Vater wird wahrscheinlich auch sehr lange dort sein, da der Junge ziemlich schwach ist. „Und kann ich denn wenigstens mit meinem Vater telefonieren?“ Es gibt dort zwar keine Telefone, Dein Vater hat mir aber schon gesagt, dass er Dir so oft wie möglich schreiben möchte. Als Herr Dumplin merkte, dass der Junge noch mehr Fragen wollte, schaute er auf seine Uhr und sagte, „Huch, es ist ja sehr spät geworden. Ich muss ja noch packen für morgen“. Er sagte dann noch zu dem Jungen: „Vielleicht magst Du Dich noch von Deinem Vater verabschieden, bevor wir morgen die große, große Reise antreten werden“. Der Junge nickte und wirkte erleichterter als zuvor. Herr Dumplin verabschiedete sich und flitzte zum Erdgeschoss, um ein bisschen an die frische Luft zu gehen.
Er hatte noch eineinhalb Stunden Zeit, um den Paragrafen zur Druckerei des Hauses zu bringen. Er war sehr zuversichtlich, dass er dies schaffen würde. Draußen angekommen, schnappte er sich aber vorerst noch sein Notizblock, um den Paragrafen wieder um einen weiteren Satz zu erweitern. Er steckte sich wieder den Deckel des Stiftes in den Mund und schrieb auf: Kinder darf man anlügen. Kaum hatte er seinen Stift wieder geschlossen, geriet er in eine Prügelei hinein. Von hinten kam ein Mann, der zu seinem Gegenüber rief: „Du Mistkerl, wenn du denkst, dass du einfach so an mein Mädchen rankommst, hast Du Dich gewaltig getäuscht!“, zwei weitere Jungs versuchten den Mann festzuhalten. Der Mann gegenüber erwiderte: „Schlag mich doch, wenn Du denkst, dass du den Mut dazu hast“. Der festgehaltene Mann, wurde immer wilder und versuchte sich von den Händen der anderen zu befreien“. Herr Dumplin stand zwischen den beiden Männergruppen und versuchte plakativ den Streit zu schlichten. Der Mann gegenüber provozierte weiter: „Sie steht auf Männer mit Eiern in der Hose! Hast Du mich nicht verstanden? Spare Dir diese Energie für die Kämpfe mit Jungs gegen die Du ankommen kannst. Außerdem hat sie doch ausdrücklich gesagt, dass ich jetzt ihr neuer Kerl bin. Akzeptier es, oder lass es!“. Der festgehaltene Mann konnte nicht mehr festgehalten werden, er war zu wütend. Er stürzte sich auf den Mann gegenüber und schlug wiederholt auf ihn ein bis dieser ohnmächtig wurde. Die Leute drumherum liefen panisch zur Notaufnahme, um Hilfe zu holen. Eine Stimme von der gegenüberliegenden Straßenseite rief: „Nein, bitte nein, tu es nicht“. Eine Frau mit betonten Lippen und üppiger Oberweite kam weinend auf das Krankenhaus zugelaufen und sagte nur: „Was hast Du nur gemacht?“ Der Mann stand nun langsam auf, wischte sich den Dreck weitestgehend von den Klamotten und sagte ihr nüchtern: „Ich habe das für uns getan!“. Er zog dann eine Pistole aus der Hosentasche, setzte sie and seine Schläfe und drückte ab. Er fiel zu Boden und die Frau mit den betonten Lippen erstarrte. Dann kam auch schon Hilfe vom Krankenhauspersonal. Sie transportierten den bewusstlosen Mann zur Notaufnahme. Die Frau mit den betonten Lippen ging mit ihm mit.
Herr Dumplin brauchte ein bisschen Zeit, um das ganze Geschehen zu verdauen. Dabei dachte er an den Hund, an den Mann mit Krebs, an den kleinen Jungen und schließlich auch an die Prügelei. Mit soviel Trubel an einem Tag hätte er nun doch nicht gerechnet. Er holte sein Notizblock heraus, steckte die Stiftkappe in seinen Mund und notierte: Lügen ist nicht schlimm, es gibt viel schlimmeres. Der Pastor kam auf ihn zu und fragte ihn, ob er ihm irgendwie helfen könne. Herr Dumplin schaute auf die Uhr und bemerkte, dass er tatsächlich nur noch eine halbe Stunde Zeit hatte bis die Druckerei schließen würde und sagte dann: „Ja, lieber Herr Pastor. Können Sie mir sagen, wo die Druckerei zu finden ist?“. Aber natürlich mein Herr, Sie müssen lediglich aus der Kapelle raus gehen und in dem Gebäude Gegenüber die Treppe in den Keller laufen. „Wunderbar, vielen Dank Herr Pastor“. „Gerne gerne mein Herr, aber wollen wir nicht noch eine Runde beten, Sie sehen so aus, als ob Sie das gerade gebrauchen können“. Herr Dumplin rief noch beim Rausgehen aus der Kapelle: „Das ist eine sehr gute Idee Herr Pastor, ich muss aber vorher noch eine wichtige Sache erledigen“. Er ergänzte noch: „Wenn ich den Weg zurück zur Kapelle wiederfinden sollte, dann würde ich sehr gerne mit ihnen beten“. Der Pastor lachte und winkte Herr Dumplin zu.
Unten im Keller fand Herr Dumplin eine Tür mit der Aufschrift Druckerei. Es war 17:45 Uhr. Er hatte noch 15 Minuten Zeit den Paragrafen abzugeben, sodass noch heute Exemplare gedruckt werden konnten. Er klopfte an die Tür. Als niemand die Tür öffnete, klopfte er noch öfter und stärker. Ein kleiner, älterer Mann in Pantoffeln öffnete die Tür und sagte dabei: „Ist ja schon gut. Ich komm ja schon. Kein Grund meine Tür gleich zu demolieren“. „Entschuldigen Sie bitte. Das war wirklich nicht meine Absicht. Ich wusste nur nicht, dass Sie aufgrund ihres Alters nicht mehr so schnell sind.“, sagte Herr Dumplin und bemerkte im selben Moment, dass er den Herrn mit den Pantoffeln beleidigt hatte. Außerdem habe ich es sehr eilig, sagte Herr Dumplin, um den Satz davor zu relativieren. Der Mann in den Pantoffeln setzte seine Brille auf die Nasenspitze und schaute Herr Dumplin anklagend in die Augen: „Sie machen es nicht besser! Na sagen Sie nun, was haben Sie denn für eine Mission? Ich habe keine Zeit für Leute, die was von mir wollen und dann auch noch beleidigend werden“. Herr Dumplin sagte: „Entschuldigen Sie, das..“, Der Herr mit den Pantoffeln unterbrach Herr Dumplin: „Sparen Sie sich die Erklärung und kommen Sie endlich zum Punkt“. Ich soll einen Satz an Sie überbringen. Dieser Satz soll als neuer Paragraf in das Hausordnungsbuch eingeführt werden und erste Exemplare sollen heute schon gedruckt werden, sodass zum Ende der nächsten Woche jede Person dieses Hauses ein Exemplar der neuen Auflage besitzt“, sagte Herr Dumplin. Um welchen Satz handelt es sich denn? Herr Dumplin kramte in seiner Tasche bis er seinen Block fand. Er schaute auf sein Blatt und antwortete: „Naja genau genommen sind es mehrere Sätze“. „Das geht nicht“, antwortete der Mann. Das Hausordnungsbuch kann derzeit nur einen Satz ergänzend mit aufnehmen. Hat Ihnen das niemand gesagt? Herr Dumplin sagte daraufhin. „Kleinen Augenblick“. Er ging in die Ecke und murmelte die Sätze wie in einem Gebet vor sich hin: „Gewisse Menschen sollen nicht lügen, Notlügen darf es geben, Kinder darf man anlügen, Lügen ist nicht schlimm, es gibt viel schlimmeres. „Ich dachte er hätte es eilig“, schimpfte der Mann leise vor sich hin. Dann trat Herr Dumplin dem Mann wieder gegenüber und sagte: „Nehmen Sie folgenden Satz mit rein. Ich denke, das wird alle anderen Sätze gut zusammenfassen: „Lügen ist nicht schlimm“. Der ältere Herr schaute Herr Dumplin kritisch an und fragte: „Sind Sie sicher, dass der Oberboss das angeordnet hat?“. Ja, ganz sicher, ich gebe Ihnen mein Wort, außerdem bin ich Profi auf meinem Gebiet“.
Ich bin Nassim, 34 Jahre alt, ich bin gelernte Psychologin, sitze seit frühster Kindheit im Rollstuhl und habe Interesse am Schreiben. Genau wie in fast allen Kreativberufen ist auch das Schreiben eine wunderbare Möglichkeit sich in andere Perspektiven hinein zu fühlen und gleichzeitig neue interessante Informationen dazu zu gewinnen. Dies ist für mich meine Hauptmotivationsquelle, um das Schreiben weiterhin auszuüben.

Mein Interesse am kunstvollen Schreiben wurde erstmals 2017 geweckt nachdem ich an einem Weiterbildungsangebot meines Stipendiums zum Thema „Kreatives Schreiben“ teilnahm. Durch das vorrangegangene Interesse bewarb ich mich 2018 mit meiner „Kurzgeschichte „Todlebendig und Lebendigtod“ beim Q5 Verlag und wurde zur Gewinnerin des Schreib- und- Publikumspreises gewählt. Im gleichnamigen Jahr nahm ich an einem VHS-Kurzgeschichtenkurs teil, um auch technische Fertigkeiten für das Schreiben von Kurzgeschichten zu erlernen. Eine weitere Publikation erfolgte im Jahr 2019. Der Artikel „Nicht das Mädchen im Rollstuhl“ wurde in der Zeitschrift „Behinderte Menschen Zeitschrift gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten“ veröffentlicht.
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