Pandora die befreiende

Lucas Meyer für #kkl43 „Moralisierung“




Pandora die befreiende

Die Fabel, eine kleine morale Geschichte, die große Umschwünge mit sich bringt, geht sich aus auf diese Geschichte. Die anti-feministische Fabel, der Grundbaustein vieler modernen Gesellschaften, wurde durch diese gelegt und ausgebreitet, die Ursünde, der Sündenbruch, das Ende der Perfektion, der Reinheit, des Lebens an sich? Das Paradies für immer verschwunden, die titanische Schönheit auf nimmer vergangen. Oh Hesiod, du brachtest uns diese anti-feministische Fabel, wüsstest du nur, was sie bewirkte, was sie verquirlte, welches Leid sie mit sich brachte.

 Den Schmerz eines anderen zu verstehen, ist eine der anstrengendsten Aktivitäten. Man muss sich versetzen, fühlen, sich Zeit nehmen und narrativ verstehen, was passiert hier, welche Komplexe gehören dazu, welche sozialen Strukturen verschmutzen das Verständnis und welche menschlichen Aspekte wurden verloren. Man muss zugeben, dass man beteiligt ist, vielleicht nicht direkt, aber nun kann man doch stets mehr tun, tut es aber doch nicht. Man muss einsehen, dass es diesen Schmerz gibt und dass andere mehr leiden und dass man selbst in einer Prioritätenkette steckt, in der man privilegiert ist. Man muss fühlen, sich einlassen und gefälschten Stolz auf dem Boden lassen. Man muss zugeben, ein Täter zu sein, ein Lügner, vielleicht sogar ein Mörder, man muss über diese moralischen Konstrukte, die niemals übertreten werden dürfen, springen und ihnen ins Auge sehen, sie in sich sehen und verstehen, was man tut. Und nur dann, mit dem Verständnis, muss man anfangen zu agieren…

Titanen von Männern, muskelbezogen und der Weisheit überschüttet, zumindest einer von diesen, ein anderer doch eher töricht, emotional, Hals über Kopf. Sie wollten es den Menschen geben, sie zum Verständnis bringen, das Bewusstsein erregen und ihnen das freie Denken, das freie Leben in einer perfekten Welt ohne Laster, erbringen. Ohne Gebete nur sich erleben. Das Feuer, es kommt nicht einfach so zu uns, es muss gestohlen werden. Das Feuer, das erschafft, zerstört und wieder erschafft. Das Feuer, das vom Funken springt und zur Entwicklung zwingt. Das Feuer, es greift um sich und wütet mit blindem Blick, alle auf ein Podest, man muss es nur ergreifen, etwas leiden, aber doch erreichen. Das Feuer, von den Titanen gestohlen, die Götter verflucht. Peinlichster Akt, wird niemals vergeben und wird niemals revidiert werden. Die Titanen selbst in Missgunst verfallen, streifen im Dunkeln umher, im Wissen und Furcht vor der göttlichen Rechnung. Aber den Kindern, den Menschen, den erwartungsvollen Kreaturen, gegeben, befreit vom lästigen Beten und Warten auf impulsiven Abbrand. Endlich, nun besitzen sie diese heilige Fackel, können stets und immer selbst erzeugen. Sich regieren und mehr Zeit in ihr eigenes Verständnis, ihren eigenen Aufwand ergeben. Weniger Selbsterhaltung, mehr Muße. Was wird das nur bringen? Eins davon, die Unterwerfung der Frauen.

Die erste Frau. Geschmiedet, erschaffen, gemacht von den Göttern, als austragendes Objekt der schönsten Dinge angesehen. Mit nur einer Mission, einer Aufgabe, die die Natur der Frauen sollte bestimmen. Rache, Unheil, Verschmutzung. Die Menschheit, in den Beginnen, als unterliegendes Wesen, nur verkorkst menschlich, da nicht männlich, als zweites Geschlecht geschaffen, daher weniger Recht, und nicht als Lebensobjekt gesehen, sondern als Werkzeug, als Instrument, als Untertan, Diener mit unfreien Willen. Dieser Kälte des Inneren, gegenüberliegend die äußere Schönheit, die Sinnlichkeit, die Reinheit in Form, die Betörung, die Grazie, die Wertschätzung, der Preis, die Glorie, die Reinlichkeit. Alles Wahre dieser Welt ist mit einem glänzenden Hauch Widersprüchen überzogen – Attraktivität. Fallen wird sie gelassen, ausgespuckt von dem mächtigen Olymp, in die Wüste ausgesetzt, ihres eigenen Schicksals bedingt, sicher getan, dass sie wird gefunden, von den richtigen, die sie nutzen werden, die, die das Schicksal durchzecht, nicht anders können, es steht so geschrieben, es musste so geschehen – Gerade der, der nur tut, der nicht denkt, sondern agiert, bekommt diese Macht, diese Tatenkraft, der zu spät Bedenkende, der immer erst muss tun, bevor er denkt, was kann geschehen, seine Natur – Epimetheus. Sah sie an, war verfallen, konnte nur noch sein, von Sinnen sein. Bestimmte sie durch seine Schicksalshand? Sehen sie durch seine Geschichte an Hand? Die schöne, lebende, denkende, erste Frau? Nur von Männlichkeit umringt, nur von diesen narrativiert. Doch nun ein Blick, ganz tief in Sie, nicht auf ihre Haut, in ihren Kopf, schlängeln wir uns durch ihre Ohren, in ihren Kopf, in ihre Perspektive und sehen, was die Synapsen da verspielen, wie Sie es sieht, was sie da tut, eine Ermächtigende oder nur ein Objekt; Rache oder doch Treue, Emotionen oder doch gezieltes Agieren. Etwas zu Wertschätzendes oder doch nur Dreck? Ein Mensch, ein Mensch, einfach nur ein gewöhnlicher Mensch.

Dämmerung: Ich bin hier. Ich sehe. Ich rieche. Bin an einem Ort. Ich fühle die Kahlheit der Erde, den erschütternden Hauch auf meiner nackten Haut, den staubigen Geschmack in meinem trockenen Mund. Ich spüre meinen Körper, meine Kontraktionen, meine Möglichkeiten. Ich bin mir bewusst, so plötzlich, bin ich da, aber was, wer, wo, wie. Ich habe eine Aufgabe, ein Plan wurde für mich gesetzt. Ich muss dort, ja genau dorthin. Also stehe ich auf und gehe. Aber warte, wieso habe ich diesen Plan in meinem Kopf. Ist es meiner oder bestimmt es jemand, sollte ich gehen oder nicht. Aber was sonst sollte ich nun tun, das Beste ist es, erstmal meinen Instinkten, dem Automata zu folgen. – Gerade hinabgestiegen, als fleischlicher Glotz zurückgelassen, einen kleinen glitzernden Flügel hinter den Wolken noch zu erkennen, erwägt Pandora, die erste Frau, die Unheilsbringerin, das göttliche Gesetz. Sie fängt an, ein Bewusstsein zu erwägen, ist direkt mit allem Wissen gefüllt, das ihr von den Heiligen gewährt wurde und muss es nun greifen, muss es sacken lassen, es greifbar werden lassen. Sie fängt an zu hinterfragen, das heißt, eine eigene Identität zu ergreifen, ein Mensch zu sein. Der Plan ist in ihr eingraviert, den wird sie allbestimmend verfolgen. Aber sie wird selbst entscheiden, wird selbst ihre Physis lenken müssen, ihre Mentalität selbst bestimmen, aber ist festgelegt im Drang, im Zwang, im unbewussten Pflichtverstand.

Erstkontakt: Da sind zwei Wesen, nur mit Schurz bekleidet und der Rest des Körpers stählern glänzend. Die Haare kurz vom Scheitel herabfallend, der Blick ernst und befragend. Hier mitten in der brachen Wüste, wo nicht ein Stein von Fruchtbarkeit zeugen wird, bewegen sich Leute. Was suchen sie hier, sind sie hier für mich, sind sie wie ich. Ich vernehme Ihre Worte, sprechen im gleichen Mundes Klang, sie wissen, wer ich bin, wissen, wo ich herkam, warum weiß ich das nicht. Sie meinen, ich bin anders, eine weibliche Natur, die Erste von Ihnen. Sie wollen, dass ich etwas anziehe, auch über meinen Brustkorb, da dieser zu betörend ist. Betörend für mich? Warum sollte ich mich anders verhalten müssen, meine Sprachweise ist die gleiche, meine Natur scheint sehr ähnlich, nur meine Körperfunktion etwas anders. Der Kopf funktioniert gleich, tut er nicht? Das Dreigespan macht sich auf den Weg, ein staubiges Tal durchqueren sie, hier ein zwei Klötze und da ein strohiges Wüstengewächs, die Natur, sie wächst, blüht auf, aus dem staubigen Hauch. Bitte bedecke dich, wenn wir in der Stadt sind. Sie sagen, ich sei ein Fluch und man müsse mich für das Wohlergehen der Menschheit in einen Turm sperren. Du würdest sie alle blenden, mit deiner grazilen Schönheit, deiner Feinheit, deinen kurvig geformten Gliedmaßen, der zärtlichen Verletzbarkeit, die strömenden Haare, deiner Andershaftigkeit, nein, nein, du erregst sie, verstecke dich! Bedecke dich! Aber mein Stolz, meine Redlichkeit, mein eigener Wille. Ich kann nicht differenziert werden, wegen meines Körpers, der mentale Effekte auf euch andere hat. Ich gehöre zu euch und muss daher das Gleiche genießen wie ihr! Was sind die Gründe für die Andershaftigkeit? Der Körper zählt nicht, er ändert nichts, nur die Form, die Funktion, aber die Sache an sich nicht. Noch gibt es nur einen Grund, dass du bist ein weiteres Geschenk, gesandt vom Gottesvater, der uns hasst. Etwas Böses steckt in dir, es muss so sein, wir wissen es, und wenn du dich nicht freiwillig selbst unterdrückst, übernehmen wir das für dich. Ihr seid Bestien, differenzieren, unterdrücken, ausgrenzen, nur wegen Gerüchten, Eingebungen, Humbug. Sie kommen an in der Stadt, auf dem Markt, wo gerade ein Bazaar ist, die Leute schreien voller Lust, sich gegenseitig etwas abzunehmen, zu tauschen, fair Produkt gegen Produkt, ohne Streit, ohne Wettbewerb, jeder hat genug und gibt gerne etwas her. Sie starren das Dreierpaar an, als sie den rundlichen Platz betreten. Der Geruch von süßem Obst, stinkenden Fischen und blutigen Fleisch durchzieht die Luft. Trockener Hafer, sanfte Hefe, hauchendes Brot. Nur Nützliches, nur Flüchtiges, ist im Angebot. Prometheus und Epimetheus stellen vor ein Geschenk von Zeus, eine Person, fast wie wir, bisher ganz nett. Sie bewundern das weitaus dünnere Wesen, erkennen sich in ihr, aber nicht vollkommen. Sie fragen, was ist mit der Person? Wir wissen es noch nicht. Sie ist bisher nur ein bisschen frech. Lasst sie uns im Ganzen sehen. Nein, nein, noch nicht, das würde euch gelüsten und dann würdet ihr die Person zerreißen. Nun gut, dann bringt sie erstmal weg. Pandora krümmt sich, stöhnt auf tiefsten Frequenzen, umfasst ihren Unterleib und hoch sich nieder, die Tränen brechen ihr aus, die Befreiung kommt, es ist vorbei, sie höchelt tief und fest. Seht nur, seht nur, es ist ein Fluch, sie blutet, unten, aus dem Schwanzbereich, was ist das, eine Lage, eine Lage Blut, eine Sünde, ein Fluch. Ihr Mantel bricht auf, nun ist sie vollkommen zu sehen, Pandora versucht sich zu bedecken, aber es ist schon zu spät. Die Männer schauen erschrocken, begierig auf diese Form, sie beulen sich im unteren und bereiten sich vor. Sie kriechen hervor, wollen ein Stück, wollen etwas von der Schönheit, der Haare, reizbaren Ovalen und des kurvigen Bottoms. Sie wollen es besitzen, verherrlichen und aufbrechen. Pandora taucht seine Hand in ihr Blut, selbst Ekel, aber zielbewusst, schmiert sie es in die Gesichter der näherkommenden. Nicht an Blut gewöhnt, schreckten sie auf, liefen zerstreut um die nächste Quelle zu finden. Prometheus scheucht noch ein paar Streuner weg, nimmt die Frau bei der Hand und zeigt ihr den Weg zum Turm.

Sinnesverstand: Warum, warum lässt du mich bluten, mich vor Schmerzen krümmen, Körper, was tat ich dir jemals. Pandora erwacht in einem Turm, oberster Stock, die leichten Morgenstrahlen der Sonne scheinen hinein. Sie läuft umher in ihrem Zimmer, über persische Teppiche, auf dem Boden und an der Wand, schaut sich die schon angeknacksten starken Holzmöbel an. Sie schaut aus dem geschwungenen Marmorfenster und hört das Getriebe der Stadt, das Fauchen und Hauchen, die Kommunikationspracht. Das Zimmer schimmert in angedrückter herrlicher Pracht und in seiner Mitte steht ein mit starken Linien, in Muster versetzten Vierecken, einbein Tisch. Darauf eine Box, golden glänzend, Juwelen beschmückt, Samt an den Griffen und zu eines Turmes Spitze aufgespickt. Nun bin ich also voller Gegensätze, erzeuge einen begehrenswerten Effekt, aber schrecke gleichzeitig alle hinweg. Aber wie kann es sein, wie kann ich nur hell und dunkel zugleich sein. Ist nicht das Binär der einzigste Realverstand. Wie ich hier nun Frau bin, sind sie nicht Männer, wohl ein Hell und Dunkel, ein kompletter Gegensatz. So zeigen sie mir es doch. Wie kann es sein, dass alle nicht rechtens sind, dass alle von einer falschen Idee ausgehen. Wenn so viele diesen Binärglauben schenken, dann kann ich kleine einzelne Persönlichkeit doch nicht dagegen trotzen. Das wäre nicht recht, das wäre nicht demokratisch. Meine Körperzüge sind schön, im Ansinnen, sind geschmeidig und doch stark, sind schmal und doch akzentuiert, sind starr und doch flexibel. Mein Geist, der erscheint schrecklich, gruselig, angsteinjagend und zum Vergessen, für diese. Sie sehen ihn an, aber haben ihn noch nie gesehen, noch nie wirklich erlebt. Aber irgendetwas sagte ihnen, dass mein Verstand nicht rational sein kann, definitiv nicht so wie ihrer, ganz anders, nur zum lieblich Philosophieren. Doch auch zeigte ich Ihnen meine Grausamkeit, indem ich Ihnen trotzte, meinen Mut und Erfindungsgeist, meine Antipathie von dem, was sie tun wollten, und meine aktive Reaktion. Und jetzt bin ich hier und grüble, und grüble, denke über alles kritisch nach und analysiere. Gebe mich nicht nur meinen Sinnen hin und verspüre, was auf mich äußerlich einwirkte, ich bin ein Geschöpf, ich denke, ich fühle. Wie kann ich anders sein, als ein gleiches Geschöpf, was nichts anderes kann, keine variierenden Operationen vermag auszuführen. Denken und Fühlen. Beides ist immer da und nie überwiegt eines. Das eine bedingt das andere und das andere bedingt das eine, ein Prozess, eine Kette, die stets das Gleiche vermag.

Eigennutzen: Nun, wenn mich dieses Leiden schon heimsucht, diese körperliche Entstellung und euer umgreifender, angleichender, ausgrenzender Blick, dann sollte ich doch meinen Nutzen draus ziehen, den ihr vielleicht auch ein Weilchen mal umzusetzen vermögt sein werdet. Während ihr mich wähntet zur Idealfigur, werde ich dies meinerseits euch gegenüberstellen. Parleus, der Weinhändler, ein langer männlicher Körper, leicht straff in jeder Partie aufgebeult, der kommt stets vorbei, um die Lager aufzufüllen. Ich glaub, er ist ein wenig schüchtern und fürchtet mich mehr, als findet mich verherrlichend, doch dazu beschwinge ich mich nicht, ich brauch nur seinen Körper, um meinen Hormonhaushalt zu kontrollieren. So taps ich nun, jeden Dienstagmorgen, hin zur Speisekammer, bekleidet in leicht hauchigem Gewand, ihm direkt die Message zu geben, und schließe uns ein, zwischen Wein, Gemüse, Fisch und Fleisch, und ich speise, wie ich will, mein Verlangen. Und dann gehe ich hinaus, auf den Markt alle paar Tage, auch wenn das Prometheus nicht sehen verwollt, streife hindurch auf das Podest, während all das märkliche Treiben nur auf sich gewandt ist, reiße mir, dem Himmel ganz nah, alles vom Leibe, verblende sie unrasiert und mit nur Natürlichkeit am Leibe, verfechte ihre Idealfigur, schneide mir meine Haare ab und pisse auf ihre Angst, ihre Unschuld, ihre Fiktionenkultur. Laufe hinweg in ihrem Zittern vor der Wahrheit, im Ruf der Zeus gebrachten Covid-Pest, reiße hinweg ihre Masken, mit denen sie versuchen, sich nicht persönlich zu besudeln, und nehme mir Parleus am Kragen und streife ihn mit hinweg. Ich muss sagen, ich genieße diese Machtposition. Aber nein, ich benutze sie nicht nur des Freudes willen, ich nutze sie, um zu zeigen, ihr Eigenbild, wie es nicht funktioniert, ideal ist und verstimmt im Grundton. Und der Hass, der kaltblütige Hass, den sie entwickelten, die Ausgrenzung bis aufs Letzte, die Einsamkeit, die nur durch die beiden rettenden Herren und das schweigende Werkzeug Parleus gebrochen wird, ist nur ein geringer Trost. Aber ich tue es, der Zukunftswillen, der kommenden, die sich nicht verstellen müssen, nicht nur einem einzigen Ideal hinterherrennen müssen, frei sein können, sich entfalten vermögen, wie sie es wollen und trotz all dem Ansehen genießen. Ja, eines Tages, schwelgt Pandora zuletzt, eingehüllt, bei Kerzenlicht, bei Lavendel-Tee-Duft, in ihrem marinowollüberzogenen Bett, nach dem all diese Gedanken Schicht für Schicht, für Sicht abgetragen sind, dann werde ich mich auch entfalten können, ruhig sein können, zärtlich und ideal.

Pflichtbewusst: Die Eule, sie schreit, schreit mitten in der Nacht. Ihr Auge gleißt von Weitem, starrt in das offene Fenster hinein. Auf dem Ast sitzt sie, ruhig, quälend ruhig, und uhut nach Plan alle 20 Minuten. Sie wartet ab und signiert. Tauchte doch plötzlich auf, aber war schon immer hier. Pandora, verschwitzt, zerzaust im Bette liegend, atmet unkontrolliert rapide und erinnert sich. Ja, penetrante Eule, ja weise Eule, ja aufmerksame Eule, ich weiß es. Ich bin aber nicht nur das, für was ich geschickt wurde, ich habe all das hier aufgenommen, hab mich eingelebt in diese Strukturen, in das männlich-geschäftliche Leben, das Marktschrei, die bewunderte Angst vor mir, die Untergebenheit und das Misstrauen der beiden. Ich bin nicht mehr nur die Aufgabe. Ich habe die Natur in mich aufgenommen, die sozialen Umgangsformen und bin an diesen gewachsen und nun kann ich nicht mehr nur noch an das eine, an das Öffnen denken. Die Bestrafung für das, was sie taten, den Götterbruch, das Glaubensedikt, die Pflichtaufnahme, ja, ja, ja, ich weiß es. Uhuhu. Jetzt hör auf, ich begreife deinen Zyklus, sei doch einfach ruhig. Ihr habt mir nicht umsonst Verstand gegeben, wozu das Ganze, wenn ihr eine Gestalt ohne Gedanken hättet schaffen können, die einfach diese Box öffnet. Das Aussehen hätte gleich bleiben können, die Männer wären darauf reingefallen. Aber nun, da ich denke, kann ich mich von den anderen unterscheiden, verstehst du das, ich kann mich unterscheiden wie kein anderes Wesen auf diesem Planeten. Ich werde angesehen als eine Gestalt, die nicht wie sie ist, ein Eindringling, die sie begehren, aber müssen mich unterwerfen. Ganz, ganz, ganz anders, angeblich, körperlich und im Kopfe, auch wenn es nur eine Konzipierung von ihnen ist und ich weiß, wie gleich wir doch eigentlich sind und ich extra so „anders“ gemacht wurde, damit diese da, diese Verfluchten da, die nicht begreifen können, weil sie einfach nicht wollen, damit ihr mich am Ende als Sündenbock hinstellen könnt und sie nicht euch die Schuld auflasten zu hundert Prozent in der Lage sein können. Ich als die Schuld. Pandora, den marmornen Balkonsims fest im Griff, starrt der Eule tief in die Augen. Sie höchelt unkontrolliert, ihr Mund ist halb geöffnet, die Lippen zittern, die Haare fallen zerzaust in alle Richtungen. Es vergehen unendliche Sekunden, der kühle unvoreingenommene Blick der Eule ist eingefroren, dessen Pandoras stets noch von der Wildheit durchzogen. Die Eule zuckt, öffnet leicht den Schnabel und lässt ein sanftes Geräusch in die Dunkelheit hinaus fahren. Sie fällt hinab und schmettert die Flügel dem Monde entgegen. Pandora bricht, setzt sich in sich selbst gerollt auf den kühlen Boden und weint, weint grässlich in sich hinein.

Identitätsverstand: Wir müssen Sie ihrer selbst überlassen und sie aus unseren Gefilden schmeißen. Du weißt, wo sie herkommt. Früher oder später wird sie sich gegen uns wenden, uns Schaden zufügen, vielleicht sogar vernichten. All das, was wir hier erbaut haben, die Menschen, die endlich frei denken, wir können dies nicht in Gefahr bringen lassen. Spricht die Stimme Prometheus voller Inbrunst, während er im kahlen Sandsteinzimmer auf und ab läuft. Entgegenend Epimetheus, sitzend auf einer Schafswolle und einen schon ausgekühlten Tee trinkend – Jetzt ist sie hier, jetzt bleibt sie hier. Wir warten ab, bisher hat sie nichts getan. Ein bisschen die Menschen verschreckt, aber was erwartest du. Sie ist halt anders. Denkst du manchmal ein wenig, bitte? Prometheus stoppt abrupt und gestikuliert hastig. Die zehrende Morgensonne scheint durch das grob ausgeschraffierte Fenster. Sie ist zwar ein körperliches Gegenstück, aber sie denkt indessen genau wie wir. Wir handeln ebenfalls in diesen zwanghaften Sinnen und das erste Mal, als wir sie sahen? Agierte sie da wie eine Giraffe? Ein Löwe? Nein, sie wurde extra so geschaffen, sie soll anders wirken, aber nur zu dem Punkt, dass wir sie nicht als anders empfinden. Da steckt ein Plan dahinter und vor diesem habe ich Angst, vor den Göttern, von denen wir stahlen. Die Frage ist, ob sie ihn durchschaut, ob sie ihn bekämpfen kann, ob sie gesteuert wird oder selbst Entschlüsse ziehen kann… Pandora, gerade wie eine Kerze, ist gezwängt in den dünn hölzernen Schrank, in dem ein paar schlichte Leibe hängen. Das Gespräch der beiden verklingt im steinernen Echo des Turmes und ist nun nicht mehr zu hören. Nach einer kleinen Zeit des Wartens, schreitet sie langsam aus dem hölzernen Kasten und geht zurück in ihre Kammer im Zenit des Turmes. Sie wissen es also auch, dass ich geschaffen wurde, von den Göttern geschickt, um diese Aufgabe zu erfüllen. Sie steht vor ihrem Spiegeltisch, wo ein wellenförmiges Stück Metall ihr Gesicht in grässlichen Zügen zurückgibt. Der eine hat offensichtlich Verstand, ist weder überzeugt von dem einen noch vor dem anderen, auf Vorsicht getrimmt. Der andere scheint wie all die anderen, verzerrt von der offensichtlichen Andershaftigkeit und verleugnet die unterliegende Gleichheit. Er scheint nicht groß nachzudenken, agierend und ausprobierend. Diesen sollte ich nutzen, zu meiner Sicherheit, ihn bezirzen und seinen Hoheitsstand ausnutzen, Informationen bekommen und mich in Freiheit wiegen lassen. Und so kann ich es weiter hinausschieben, die Beabsichtigung der Öffnung, der wundersamen Box, dieser Drang, der mich vollzieht, die Gesichter, die mich jede Nacht heimsuchen, mich zwingen, mich reizen, mich prügeln, um endlich diese Box zu öffnen, ich jedoch nicht weiß, was in ihr sein wird, nur annehmen kann, es muss etwas Schreckliches sein. Pandora, den Kopf auf dem Arm stützend, verliert ihren Blick für einen Moment, fällt in etwas, schüttelt sich und schafft es wieder zurück. Ich werde diese beiden nutzen, um aufzuwiegen, ob sie es verdient haben, dieses Geschenk oder diese Vernichtung zu erlegen. Dafür muss ich mich eingliedern, ihnen zeigen, ich will auch nur leben, angepasst an die Gesellschaft, in Verknüpfung mit anderen meinesgleichen, aber vor allem Dingen in Freiheit, frei von Niederträchtigkeit, Andershaftigkeit und Verleugnung. Ich bin der Nenner zur Gleichheit. Ich bin der Nenner zur Ungleichheit.

Entscheidungskraft: Er liebt mich, ich weiß es nun, er verpönt mich, sieht mich als ungleich, etwas anderes, aber liebt mich über alles. Vertrauen tut er mir nicht, Pandora grinst und runzelt die Stirn, hin und her, läuft indessen einen Marathon, in konzentrischen Kreisen, im Wipfel ihres Turmes, eine andere Kraft zieht ihn jedoch zu mir, eine, die er selbst nicht versteht, urtümlicher noch ist als die Götter selbst. Er tut alles für mich und der andere? Misstraut mir mehr und mehr, er weiß, es kommt zum Ende, zum Entscheidungspunkt, wo ich muss die Aktion betreten. Aber doch fühle ich mich so gebunden zu all diesen Wesen, fühle mich ihnen näher als zuvor, trage etwas in mir, von ihnen und werde es weitergeben. Doch all dessen steht noch immer die Aufgabe. Die Pflicht zu tun, was getan werden muss, jetzt darf ich den Wut der Götter nicht mehr auf mich ziehen, nicht dieses brutale Feuer ihre, was mich verbrennt bis in alle Ewigkeiten, nein, ich muss es beschützen. Diese Box hier, verziert mit nichts als purem, glattem Gold, leicht angehoben ist sie schon, ich kann leicht in seine ewige Dunkelheit schauen, leicht erahnen, was sich drin befindet, den Dunst, den es ausspeit, einen Hauch davon vernehmen, eine Kraft strömt daraus, eine Macht. Die Freiheit, die Befreiung meiner Pflicht, meine Treue, die Erfüllung all dessen, weswegen ich hier unten verweile. Pandora, starrt auf das Gefäß, betastet es leicht, zittert, fokussiert ihren Blick stark. Ich kenne die Götter, erwägt sie zitternd, ich bin eine offensichtliche Falle, doch ich muss uns befreien, ich schließe es im letzten Moment, rette uns vor all dem Göttlichen, ich verspreche es, es wird gut sein. Ihre Turmestür bricht hinein, schlägt zurück an die Wand. Haaaallllllllt. Prometheus stürmt hinein, darauf in Schrecken Epimetheus. Es ist eine Falle, du wirst unser aller Werk zerstören, tu es nicht, Pandora, lass uns weiter von einander lernen. Ich muss es tun, wendet sich Pandora hastig mit hervorquellenden Tränen, den beiden zu. Nein, was tust du da Epi, nein du, du liebst mich über alles, das kann nicht sein, bitte, nein, tu das nicht. Epimetheus, sein Schwert gezogen, hängend neben sich, schreitet mit zagend klaren Schritten auf Pandora zu, sein Blick ist klar und leer. Prometheus wendet sich zu ihm, Bruder halt, lass uns denken, lass uns erst reden, wir finden eine andere Lösung, eine leichte, wir werden die Box einfach los. Nein. Sie wird es tun, ich weiß es, schau sie an, sie will es, sich befreien, es führt kein Weg für sie vorbei. Du hast recht, ich muss, ich kann nicht anders, versteht doch, die Ausfaltung, nur so könnt ihr verstehen, nur so werdet ihr sehen, ich bin gleich, mit Verstand, werdet ihr sehen, ich bin gleich, wenn ihr euch nicht auf euren Zorn verzeiht, seht ihr, wir sind alle eins, ich verspreche es, bitte glaubt mir doch. Pandoras Hände beben an den Seiten der Box, es bebt, ist fest, zieht sich an wie ein Magnet, Pandora bleibt daran, will befreien, will an Vernunft glauben, will der Schuld nicht glauben. Epimetheus, vom Groll übermannt, holt sein Schwert währenddessen aus, so hoch wie möglich, der Schweiß tropft von seinem Tempel, seine Muskeln zerren sich in jedwägliche Richtung, die Augen, sind offener als die Äpfel selber, sein Mund leicht offen, die Zähne aufeinander. Prometheus, schreit entgeistert weiter hin und her, betet an die Vernunft, kann nicht glauben an die Exzentrik und hofft, hofft weiter auf Besinnung, auf den Verstand. Ruft, ruft und ruft. Außerhalb des Turmes, bläst der Wind, die Bäume schütteln sich, die schwachen Äste stürzen ab. Der Himmel verdunkelt sich, es grollt von oben herab. Blitze sprießen aus dem dunklen flauschigen Meer, Blitze, die näher kommen, an des Turmes Spitze, währenddessen sich im Inneren die Zukunftsmächte messen, Entscheidung für alle treffen.

 Ich trage sie, die erste freie Frau, libera femina, in meinem Bauch. Sie ist Spes, ist der Schmerz und Freude in einem, kein Binär, kein eines, kein anderes, ein Ganzes, eine erste freie Menschlichkeit.




Mein Name ist Lucas Meyer, wohne in Leipzig, ich bin 28 Jahre alt, und frisch gebackener Journalist. Nach meinem Studium in Anglistik, habe ich dieses Jahr begonnen, meinen ersten Vollzeitjob auszuführen. In meiner Freizeit träume ich immer noch davon, wie wahrscheinlich viele andere, die sich auf diese Ausschreibung bewerben werden, Schriftsteller zu werden. Daher schreibe ich tagsüber ein wenig über alle möglichen Themen, meist jedoch mit einem Fokus auf gesellschaftliche Entwicklungen.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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