Maxim Stüve für #kkl43 „Moralisierung“
Das Spiel
Der alte Mann auf der anderen Seite des Bretts spielt e5. Langsam wie einen vor triefender Farbe schweren Pinsel zieht er den Bauern über das Brett, als wolle er keinen ungeeigneten ersten Strich dieses Kunstwerks setzen. Dabei hat er sich so viel Zeit gelassen, als hätte er diesen Zug nicht schon hunderte Male gespielt, schließlich ist er die logische Antwort auf meine Eröffnung e4. Da steht sein Bauer nun, im Zentrum meinem gegenüber. Noch friedlich sind sie und wir, uns gegenseitig nicht bedrohend, obwohl schon jetzt jeder die unausweichliche Wahrheit kennt.
Man ist nicht hier erschienen, um ein Unentschieden zu erspielen. Vorteile wird man sich jetzt bei jeder Gelegenheit suchen, es auf den Konflikt anlegen. Würde man das nicht wollen, könnte man auch gleich den König entblößen und auf den Todesstoß warten, denn der wird kommen, nie legt es der Andere nicht darauf an. Das glaubt man am Anfang vielleicht noch nicht, in den frühen Spielen, aber das alberne Geplänkel mit den schwarzen und weißen Figuren, als wären sie harmlose Kriegerminiaturen, findet schnell ein Ende. Dann merkt man, was es mit dem Spiel eigentlich auf sich hat. Irgendwann wird deutlich, dass man nicht verliert, weil Verlieren ein Ergebnis kindlichen Ausprobierens ist. Nein, man verliert, weil der Andere gewinnen wollte. Man muss sich also straffen, die eigenen Ressourcen bündeln, um nicht immer der Verlierer zu sein, sondern andere verlieren zu lassen. Wenn beide das verstanden haben, führen sie alles ins Feld, was sie haben. Das ist die Wahrheit des Schachs und deshalb liebe ich das Spiel.
Ich weiß nämlich, dass ich ein guter Spieler bin. Klug bin ich, das ist mein Glück, und was für eine Verschwendung wäre es, sein Glück nicht zu nutzen. Und getrieben bin ich. Perfekte Kontrolle müsste man über dieses Spiel haben können, das ist das in ihm angelegte Versprechen. Dieses Versprechen jage ich, da ich nicht verstehe, wie man weniger als das Beste von einem Spiel wollen kann. Besser muss ich also stetig werden, jeden Tag ein wenig mehr dem Ideal entgegen.
Ich glaube aber nicht, dass mein Gegner so denkt. Jeden Tag besser wird er wohl kaum, eher im Gegenteil. Ein wenig tut er mir leid. Da sitzt er etwas zusammengekauert und braucht immer noch lange für jeden einzelnen dieser doch eigentlich selbstverständlichen Anfangszüge. Er lässt die Uhr laufen, als hätte er noch viel Zeit. Dabei ist das nicht der Fall, so viel mehr Zeit ist für ihn schon vergangen als für mich. Alt ist dieser Mann, ja, unvorstellbar alt. So alt, dass er sich gehen lässt. Ihm ist scheinbar inzwischen egal, was andere von ihm denken. Ich denke: So jemanden kann ich besiegen. Erfahrung hat er, klar, aber wie sollte jemand wie er, mit diesem müde gelangweilten Blick, diesen fahrigen Bewegungen, diesem Mangel an Dringlichkeit, eine seriöse Partie Schach spielen?
Schach ist ein Spiel der Ambitionen. Man ‚spielt‘ es eigentlich gar nicht. Größte Ernsthaftigkeit ist gefragt und wer den Gegner und das Spiel nicht ernstnimmt, kann nur verlieren. Schach ist ernst und das Leben ist ernst. Und weil ich das weiß, werde ich besser, Stück für Stück, Tag für Tag, diesem perfekten Spiel näherkommend, das es doch geben muss. Ich wüsste gar nicht auszuhalten, gäbe es das nicht.
Im Zentrum sind jetzt die Figuren aufgezogen. Läufer starren Springer und Springer Läufer intensiv an. Sie spüren die große Spannung, fragen sich, was die Zukunft bringt. Aber so oder so, einer muss gehen, das wissen sie alle. Ich bin etwas erstaunt, wie ausgeglichen die Stellung noch ist, aber die Zeit ist auf meiner Seite. Der Druck wird für meinen Gegner jetzt steigen und dann werden Fehler gemacht, Verzweiflung treibt Menschen zu schlechten Entscheidungen.
Der alte Mann hatte schon seit einigen Minuten das Gesicht auf seine Hände gestützt wie eine schwere Last. Jetzt sind aber auch seine Augen geschlossen und fast wirkt es, als schlafe er. Resignation muss das sein. Nach quälend langen Momenten blickt er wieder auf und macht schnoddrig, ja gelangweilt fast, einen uninspiriert wirkenden Zug. Und schon ist es passiert, ein paar Figuren werden plötzlich mit boxerhaften Schwüngen abgetauscht und eine seiner Figuren verbleibt ungedeckt. Meine Augen glühen, ich fühle die raubtierhafte Spannung vor einem tödlichen Satz.
Ich schlage. Wieder hat er die Augen geschlossen und erst, als nur noch wenige Minuten auf seiner Uhr verbleiben, öffnet der alte Mann sie wieder und nimmt Notiz von der Situation. Dann geht alles ganz schnell. Augenblicklich macht er einen Zug, in gleicher Bewegung zum ersten Mal seinen Blick direkt auf mich richtend. Mild und vertraut schaut er mich an, als würde er mich schon seit langer Zeit kennen. Ich brauche einen Moment, um zu verstehen. Eine Falle hat er mir gestellt, meine schlagende wertvolle Figur mit einer Stellung eingeschlossen, der ich in noch keiner der endlosen von mir durchgespielten Positionen begegnet bin. In keinem Schachbuch dieser Welt ist das zu finden. Ungläubig gebe ich auf.
Mit einem „Gutes Spiel, Kindchen“ stemmt er sich jetzt von seinem Sitzplatz und trottet gemächlich zu einem anderen Schachtisch, noch immer, als hätte er zu viel Zeit. Mit plötzlich munterer Miene und unwahrscheinlich wachen Augen bewegt er sich und ich sehe, wie er sich zu jemand anderem in seinem Alter setzt, ein Schlag auf Schlag ablaufendes Spiel beginnend, in dem auf jeden Zug lautes Gelächter folgt.
Nach wie vor das gerade Geschehene nicht ganz begreifend bringe ich die Figuren wieder in größtmöglicher Ordentlichkeit in ihre Ausgangspositionen und warte auf meinen nächsten Gegner.
Maxim Stüve wurde 1995 in Berlin geboren und lebt dort auch heute. Er hat viele Jahre mit einem Literaturstudium verbracht und letztendlich einen Master im Fach Europäische Literaturen an der Humboldt-Universität zu Berlin abgeschlossen. Inzwischen arbeitet er als Lektor für wissenschaftliche Texte. Das Schreiben konnte bisher nur nebenher geschehen, soll zukünftig aber deutlich mehr Raum erhalten.
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