Bendix Litten für #kkl43 „Moralisierung“
Als das Schiff zu sinken drohte
Als sich der Sommer des Jahres, in dem der Mann meiner Schwester von einer bislang unbekannten, zunächst fälschlich als chronisch obstruktive Lungenerkrankung identifizierten Krankheit befallen wurde, die nach meinem Tod keine Person als meinen Schwager Beschwerden bereiten sollte, bestieg ich im Hafen von Montevideo ein Schiff um einem urplötzlich ausgebrochenen Verlangen nach der Ferne nachzukommen.
Bei dem Schiff handelte es sich um ein gewaltiges, geradezu behemotisches Stahlmonstrum mit 22 Decks, wobei jedoch das Unterste nicht bewohnt und die vier Darüberliegenden der Besatzung, bestehend aus 598 Matrosen zugeteilt waren, deren Zahl jedoch bei jeder neuen Kreuzfahrt stark in die Höhe schießen konnte – ich fand mein Zimmer im zehnten Stockwerk, dessen Kost diejenige war, die mir am passendsten angesichts meiner finanziellen Lage erschien (je weiter man in den Stockwerken aufstieg, desto teurer wurden die Kabinen und desto wohlhabender wurden dementsprechen auch die Fahrgäste) – und dessen Boden, wie ich später mit, meinem Ansehen nach angemessener, Bestürzung feststellte, aus hölzernen, teils morschen Planken bestand.
Da ich jedoch erst im folgenden Verlauf zufällig über den Umstand unterrichtet werden sollte, dass der Boden nicht den geläufigen Sicherheitststandarts entsprach, genoss ich die ersten Tage meines Aufenthalts auf der Submergo aus vollsten Zügen, bis ich einer ähnlichen Neugierde Folge leistend, wie der, die mich fern des heimischen Hafens geführt hatte, die Treppen zum untersten Deck hinabstieg.
Dort wurde mir nicht nur der Umstand des maroden Schiffbodens bewusst, über den ich mich bereits zuvor geäußert hatte. Nein. Nach einigem entgeisterten Schreiten durch die dunklen Gänge, vernahm ich zunächst ein dumpfes Vibrieren an den Wänden und im Boden, dann ein rhythmisches, anhaltendes Schlagen.
Ich folgte dem Boden des Schiffes weiter und bei jedem Schritt wurde das Schlagen lauter, bis ich auf eine Gruppe von drei Männern – einen von ihnen erkannte ich als einen Gast des achten Decks wieder – traf, die dabei waren gemeinschaftlich mit drei rotgefärbten Beilen ein Loch in den Holzboden der Submergo zu schlagen.
Verwirrt fragte ich, was sie da täten und sie berichteten, dass eine Gruppe von Gästen aus den obersten beiden Decks ihnen eine ansehnliche Summe Geld für eine halbe Stunde dieser Tätigkeit angeboten hätten. Erneut versuchte ich durch genaueres Fragen zu ermitteln, ob die Männer sich der Konsequenzen ihres Handelns bewusst seien. Schulterzuckend erwiderten sie, dass sie eben auch etwas bräuchten, um die Ausgaben dieser Kreuzfahrt zu decken und wenn sie es nicht täten, würden es sicherlich Gäste aus den unteren Decks tun.
Kopfschüttelnd verließ ich die Gruppe, die nach diesem kurzen Gespräch ihre Arbeit wieder aufnahm, fuhr mit dem gläsernen Fahrstuhl, der von einer solch beträchtlichen Größe war, dass fünfzig Menschen hineingepasst hätten, aufs offene Deck hinauf, wobei ich die wunderschöne Sicht auf den atlantischen Ozean bewunderte und legte mich am Abend, nach einem üppigen Abendessen am Buffet ins Bett, ohne weiter über den Vorfall des heutigen Nachmittags nachzudenken.
Bereits nach einigen Tagen hatte ich dieses seltsame Ereignis vergessen und ging meinen alltäglichen, erholsamen Geschäften nach, bis ich am neunten Tag meiner Kreuzfahrt sah, wie sich der Mann aus dem achten Deck, ein Beil auf der Schulter, in Gesellschaft einer Gruppe, bestehend aus fast zehn Leuten, zum Fahrstuhl begab. Unauffällig folgte ich ihnen und als ich erneut im untersten Deck ankam, welches mir am heutigen Tag seltsamerweise Erinnerungen an die Weinkeller meines verstorbenen Onkels in Durazno, bevor er diesen aufgrund seiner unglücklichen Verarmung hatte verpfänden müssen, hervorrief, standen einige Zentimeter Wasser am Boden.
Diesmal vernahm ich das Schlagen, welches keinem rhythmischen Muster folgte, sofort, folgte dem Geräusch und sah bald eben jene große Gruppe mit Äxten auf den Holzboden des Schiffes einschlagen.
Erneut fragte ich sie, was sie dort täten, und eine Gästin aus der Gruppe, eine untersetzte Frau mit kurzgerschorenen Haaren und einem Tattoo an ihrer, durch ihre Dreiviertelhose freigelassenen Wade, welches eine Schildkröte, deren Panzer mit mehreren surreal verformten Zylindern, die einen grünen Qualm ausstießen, abbildete, erwiderte in gereiztem Tonfall, dass dies wohl doch offensichtlich sei und lies sich nicht von der Arbeit abhalten. Als ich das Warum erfragen wollte, verwies man mich erneut, diesmal unsanft, an die Gäste des obersten Decks.
Diese Nacht lag ich vier fünftel der Zeit über wach in meinem Bett und dachte über die Geschehnisse unter Deck nach, die wohl aktuell fortschritten und machte mir jetzt ernsthaftere Sorgen über die Konsequenzen, die dies für die Submergo und für mein Wohlbefinden haben könnte.
Das fünfte Fünftel träumte ich von der Schildkröte auf der Wade der Frau, die mir etwas äußerst Wichtiges mitteilte, nachdem sie sich, um sich von einem gemeinschaftlichen Ritt zu erholen auf eine Schaukel gesetzt hatte und mir in der Stimme meines Großvaters, die jedoch die meines Onkels war, eine Botschaft erteilte, die mein Leben verändert hätte. Den Inhalt der Botschaft vergaß ich 54 Sekunden nach dem Erwachen.
Am nächsten Tag fuhr ich wieder mit dem gläsernen Fahrstuhl hinab und stellte fest, dass sich zwei der Gäste, ein Ehepaar mittleren Alters – der Mann hatte noch volles, schwarzes Haar, während sich an der Stirn der Frau bereits ungewöhnlicher Weise Geheimratsecken die Hälfte des Kopfes hinauf gefressen hatten – bereits in einem der Besatzungsstockwerke begonnen hatten einen der Sicherungskästen vorsichtig aufzuschweißen.
Als ich einen Matrosen froschigen Aussehens auf diesen Umstand hinwies, zuckte er nur die Schultern und erwiderte, dass die Gäste eine zureichende, schriftliche Genehmigung für ihre Aktion hatten vorweisen können.
Nun entschloss ich mich mit dem Kapitän des Schiffes ein Gespräch über die Vorgänge im Bauch der Submergo zu führen.
Dieses Unterfangen erwies sich jedoch als weitaus schwieriger, als ursprünglich gedacht, da mich zunächst technische Schwierigkeiten, wohl dem Abschalten einer stockwerkweiten Sicherung zufolge, an einem Aufstieg in höhere Decks hinderten und ich anschließend erst nach einer dreieinviertelstündigen Wartezeit zum Kapitän vorgelassen wurde, der offenbar den ganzen Tag über äußerst viel zu tun gehabt hatte.
Als ich die Kapitänskajüte, eine luxuriöse Wohnungssuite mit Wohnzimmer, Büro, Schlafzimmer, zweifacher Toilette, einer Küche und einer anliegenden Pagenkammer, betrat, fand ich den Kapitän mit tropfenden Haaren, einem teilweise geschlossenen, weißen Bademantel und rot-schwarzen Farbstreifen im Gesicht, die wohl vor einem halbherzigen Waschversuchs einen Tiger hatten darstellen sollen, vor. Auf einem goldenen Namensschild an seinem Mantel prangten in weißen Buchstaben, die ich aufgrund der grellen Belichtung und des seltsam gewählten Kontrasts kaum erkennen wollte, die Worte S.Brandt.
Als der dickliche Mann meinen Blick auf die Schminkreste in seinem Gesicht bemerkte, kramte er in einer seiner Schreibtischschubladen herum, holte eine silberne Schale, die bis zur Hälfte mit klebrigen Feigen gefüllt war und eine Packung Taschentücher hervor, bot mir Ersteres an und fragte, nachdem ich abgelehnt und er sich zwei Früchte in den Mund geschoben hatte, nach dem Grund meines Besuchs.
Ich klärte Herrn S. Brandt über die Vorgänge in den beiden untersten Decks seines Schiffes auf und er nickte währenddessen, trotz der Tigerschminke, die wie mir jetzt auffiel überhaupt nicht die akkuraten Farben eines Tigers abbildete, mit würdevoller Ernsthaftigkeit.
„Besorgniserregend“, erklärte er schließlich, bot mir erneut die Schüssel mit Feigen an, die nach unserem Gespräch nur noch ein Fünftel des Gefäßes füllten und versuchte sich bereits zum vierten Mal die Schminke vom Gesicht zu wischen.
Nachdem ihm dieser Versuch erneut misslang, legte er das Taschentuch bei Seite und sah mich aus ernsten Augen an, während er sein Kinn auf die zu einer Raute gefalteten Hände stützte.
„Ich werde mich darum kümmern.“
Am zwölften Tag meiner Reise sah ich eine Kolonne aus fast dreißig Gästen, laut Wanderlieder singend, in Richtung des Glasfahrstuhls ziehen. Sie alle schulterten Äxte, Spitzhacken, Metallsägen und sonstige Werkzeuge, deren Zweck die Erzeugung von Löchern und Spalten zu sein schien.
Als ich ihnen diesmal folgte, sah ich, dass sich die Arbeiten jetzt vollständig auch auf das dritte Stockwerk ausgedehnt hatten. Ein Blick durch die Fenster des Fahrstuhls zeigte mir Gäste in Hawaiihemden, Badehosen und Bikinis, die Bullaugen einschlugen, mit allerlei Werkzeugen die Wände des Schiffes zu durchbohren versuchten, oder fröhlich pfeifend Benzin neben Stromkästen verteilten.
Im untersten Stockwerk begrüßte mich nach dem Öffnen der Schiebetür ein Schwall Wasser, welches mir dann anschließend bis zur Hüfte reichte. Kopfschüttelnd fragte ich mich, wie mich diese Räumlichkeiten jemals an die Weinkeller meines Onkels hatten erinnern können, bevor ich mit langen Kraulzügen das Deck zu durchqueren versuchte. Hier fanden mittlerweile nur noch wenige Arbeiten statt, da wohl bereits zu genüge Wasser eintrat.
Ich versäumte nicht einen kleinen, silbernen Fisch zu streicheln, bevor ich wieder hinauf fuhr und einige der anderen Fahrgäste auf den Umstand, dass die unteren Stockwerke des Schiffes gerade in diesem Moment zerlegt wurden, hinwies.
Die Meisten ignorierten mich, einige schüttelten etwas besorgt den Kopf und wieder andere reagierten mit Verärgerung auf meine Warnung. Ein Mann, der ein Jacket über einem Hawaiihemd und einer gelben Slip-Badehose trug, drohte mir sogar und sagte, ich solle ihm den Urlaub durch solche Gedanken nicht versäuern und das Technische den Profis überlassen.
Am nächsten Tag versuchte ich erneut Gäste und Besatzung auf die Zerstörung hinzuweisen, doch wieder wurde ich größtenteils ignoriert. So fuhr ich in die unteren Decks hinunter – kein einfaches Unterfangen, da der Fahrstuhl mittlerweile von dutzenden, mit Werkzeug ausgestatteten Gästen der unteren Decks gefüllt war – und nahm mit der Kamerafunktion meines Handys einige Bilder und zwei Videofilme auf.
Wieder oben angekommen zeigte ich diese Aufnahmen und nun schenkten mir die Gästewenigstens zu Teilen Beachtung. Einige zeigten sich schockiert und sicherten mir zu, mich bei Beschwerden an den Kapitän zu unterstützen, andere schüttelten nur den Kopf und setzten daraufhin ihren Urlaubsalltag fort. Wieder andere beschimpften, oder lächelten mich jedoch und behaupteten, dass eine regelmäßige Durchflutung für die Instandhaltung des Schiffes notwendig sei, oder, dass ich es besser verstehen würde, sobald ich erst ein wenig Erfahrung im Leben gesammelt hätte.
Schließlich erhielt ich sogar einen Schlag mittlerer Härte auf den Hinterkopf. Als ich michumdrehte erblickte ich die untersetzte, kurzhaarige Frau, mit dem Schildkrötentattoo die ich vor vier Tagen im Unterdeck getroffen hatte. Sie hielt einen Go-Pro Stick in der Hand, versuchte erneut mich damit zu schlagen und beschimpfte mich, dass ich als reicher Fahrgast ja leicht davon sprechen könnte nicht weiter zu arbeiten und ihr wohl sämtliche Lebensgrundlage entziehen wollen würde.
Die ganze Zeit über konnte ich meinen Blick nicht von der Schildkröte lösen und mein Gehirn arbeitete fieberhaft in dem unmöglichen Versuch mich der Botschaft dieses Wesens in meinem Traum zu entsinnen.
Als ich am vierzehnten Tag aus dem Fenster sah, wirkte es so auf mich, als wäre das Meer um einige Meter angestiegen und nach einiger Verwirrung wurde mir klar, dass das Schiff wohl bereits mit dem Sinken begonnen hatte.
Voller Entsetzen stürzte ich die Stockwerke zur Kapitänskajüte herauf, bei der ich mich für diese Urzeit mit einigen Dutzend anderen Fahrgästen verabredet hatte, die ich mit meinen Aufnahmen hatte überzeugen können, um mich über das Voranschreiten der Beschädigung zu beschweren. Von den 34 Gästen, die mir ihren Beistand zugesichert hatten, traf ich sechs an.
Zunächst dachte ich sieben, doch bei der älteren Dame handelte es sich einfach um eine Fahrgästin die, wie sie mir auf meine Frage des eigentlichen Zweckes ihres Wartens hin erzählte, bereits zum dritten Mal ihren Schlüssel verlegt hatte. Die Frau wurde nach einigen Minuten eingelassen und verließ die Kajüte sechs Minuten später mit einem übermüdeten Pagen, der einen laut klirrenden Schlüsselbund in der Hand hielt.
Wir sieben warteten noch eine Stunde und tauschten uns über die unglaublichen Vorgänge auf der Submergo aus. Nach einer Stunde ging der erste meiner Mitstreiter, da er sich um halb eins mit seiner Familie zum Brunch am Pool verabredet hatte – von den rosafarbenen Donuts mit Streuseln, im Bordcafé schwärmte er besonders. Ein Weiterer verabschiedete sich eine halbe Stunde darauf nur um kurz die Toilette aufzusuchen und kehrte nicht wieder.
Nach drei Stunden des Wartens, wurden wir darüber unterrichtet, dass der Kapitän heute viel zu viel zu tun habe, sich entschuldige und uns gerne am morgigen Tag empfangen würde.
Wir übrigen fünf entschieden uns es morgen erneut zu versuchen und passierten auf dem gemeinschaftlichen Weg zum Pool eine Gruppe aus fast 50, mit Werkzeugen ausgestatteten, Fahrgästen, die sich anstellten den Fahrstuhl zu betreten und diesmal ein seltsames Lied auf einer mir unbekannten Sprache angestimmt hatten, dessen Melodie, wie mir erst zwei Tage darauf einfiel, mich an die eines Kinderliedes, welches ich auf einer La Platischen Straße vor einigen Monaten aufgeschnappt hatte erinnerte.
Da überkam mich eine große Wut und ich stellte mich ihnen in den Weg, fragte sie erregt, was sie da täten und ob ihnen nicht klar sei, dass die Submergo untergehen würde, wenn sie weiter die unteren Decks beschädigten. Ich wollte aus dem Fenster deuten und ihnen zeigen, dass das Schiff bereits zu Sinken drohte, doch sie zerrten mich aus dem Weg und beschimpften mich. Einer von ihnen schlug mich und beinahe wäre eine Prügelei ausgebrochen, wären im letzten Moment nicht die Sicherheitsleute der Besatzung gekommen.
Unsanft zerrten sie mich davon und gaben mir zu verstehen, ich solle keinen Aufstand mehr machen, sonst würde man mich am nächsten Hafen des Schiffes verweisen. Entgeistert sah ich zu, wie die Fahrgäste ungehindert den Fahrstuhl betraten und nach unten fuhren um den Boden der Submergo aufzuschlagen.
Weitere Fahrgäste, die Publikum der Szene geworden waren blickten mich kopfschüttelnd und vorwurfsvoll an, bevor sie ihren Gang fortsetzten und auch zwei meiner Mitstreiter wiesen mich zu Recht, da der Weg zur Lösung nicht in der Gewalt läge.
Am fünfzehnten Tag meiner Reise warf ich einen Blick aus dem Fenster und stellte fest, dass bereits sieben statt der anfänglichen vier Decks unter türkis schimmernden Wasser lagen. Kaum zehn Meter war der Meeresspiegel von meinem Fenster entfernt und mittlerweile bildete ich mir ein, denselben gemächlich langsam ansteigen zu sehen.
Als ich wieder zur Kapitänskajüte aufstieg, traf ich dort keinen meiner Mitstreiter mehr an. Auch wurde ich nun gänzlich ignoriert und niemand kam, um mich ob der Fülle des kapitänischen Stundenplans zu belehren. Während ich wartete wurden zunächst einige reich gekleidete Jugendliche, wohl welche aus den oberen vier Decks – sie alle trugen weiße Kragenhemden und zwei von ihnen hatten sich einen gelben und einen flachsfarbenen, dünnen Pullover lässig um die Schultern geschwungen und ihre Ärmel miteinander verknotet – und anschließend erneut die alte Frau von gestern, die mich nun nur noch mit einem verachtenden Blick strafte, vorgelassen. Nach vier Stunden und zweiundzwanzig Minuten des Wartens, band ich mir die Schnürsenkel sicherheitshalber fester zusammen und entschloss mich zu gehen.
Erneut beobachtete ich immer und immer mehr Gäste in die unteren Decks hinunterfahren und schließlich begann ich sie aus vollem Halse anzuschreien, wie sie nur auf die Idee kämen dieses Schiff, auf dem wir uns doch alle befänden, zu zerlegen.
Einige Minuten darauf kam die Schiffssicherheit und forderte mich auf auf mein Zimmer aufzusuchen. Zähneknirschend gab ich nach und verbrachte den vollen Tag auf meinem Bett, während ich überlegte, dass der nächste Anlegehafen noch ganze sechs Tage der Reise entfernt lag.
Ich fragte mich, ob das Schiff dem wohl standhalten würde, blickte aus dem Fenster, stellte fest, dass ein weiteres der Decks nun vollständig unter Wasser lag und kam zu dem Schluss, dass dies bei dem exponentiellen Beschädigungswachstum wohl eher unwahrscheinlich sei.
Am sechzehnten Tag entschloss ich mich dem Wahnsinn ein Ende zu setzen, schlich mich früh morgens hinaus, steckte einige Flaschen Wasser und Proviant in meine Tasche und griff mir außerdem eine längere Metallstange, die ich nach einiger Suche in einem Werkraum des zu großen Teilen überfluteten vierten Decks fand.
Dann betrat ich den gläsernen Fahrstuhl, fuhr hinauf und rammte schließlich, es muss wohl auf Höhe des achten Decks gewesen sein, die Metallstange in die Elektronik des Aufzugs, die ich zunächst mithilfe eines herumliegenden Schweißgerätes vorsichtig freigelegt hatte. Natürlich hob mich der Stromschlag von den Beinen, aber nachdem ich einige Minuten später wieder, eine blutende Wunde am Kopf, auf dem Boden erwachte, bewegte sich das Gefährt keinen Zentimeter mehr.
Eine Stunden darauf kamen die ersten Fahrgäste vom Frühstück. Sie hatten hauptsächlichBohrmaschinen und Metallsägen dabei – durch den Stahl kamen sie mit Äxten nicht mehrhindurch – und stellten voller Verärgerung fest, dass ich den Fahrstuhl blockiert hatte.
Zunächst rüttelten sie an den verschlossenen Türen, dann versuchten einige das Panzerglas mithilfe des Werkzeugs und herumliegender Klappstühle einzuschlagen. Nach einer Viertelstunde kamen Angestellte der Bordsicherheit, die mich lauthals aufforderten zu kooperieren. Ich tat so, als würde ich sie nicht hören, obwohl sowohl sie, als auch ich uns bewusst waren, dass es sich bei diesem Manöver um eine Finte hielt, gegen die jedoch effektiv nicht vorgegangen werden konnte.
Anderthalb Stunden darauf hatten die Bordtechniker den Fahrstuhl geöffnet und die Sicherheit hatte mich mehrfach mit einem Taser behandelt, damit ich keine Gefahr mehr für sie darstellen konnte. Der Fahrstuhl lief zwei Stunden und 48 Minuten nach meiner Sabotage wieder einwandfrei.
Den ganzen Weg, über den mich die Sicherheit unsanft in Richtung eines der Arresträume zerrte, wurde ich von den anderen Fahrgästen, ob aus oberen, oder unteren Decks wüst beschimpft und mehrfach drohte man mir sogar.
In meinem Arrestraum beobachtete ich im Verlauf der nächsten drei Tage, wie das Wasser immer weiter anstieg und schließlich konnte ich am achzehnten Tag meiner Reise einige Fische beobachten. Zu dieser Zeit dachte ich viel an den Traum mit der Schildkröte von der Wade der Frau, die mich geschlagen hatte. Ich hoffte, der Traum würde zurückkehren und ich schwor mir mich diesmal der Worte der Schildkröte auf der Schaukel zu entsinnen, da ich mir sicher war, dass ihr Rat mich aus dieser prekären Lage würde retten können.
Statt von der Schildkröte träumte ich jedoch von hohen Türmen, die goldenen Rauch ausstießen und der seltsamen Zigarrenmarke meines Schwagers, der in Wirklichkeit seit elf Jahren strenger Nichtraucher war, die mit kyrillischen Schriftzeichen bedacht war. In dem Traum konnte ich die Schrift entziffern, vermochte die Sprache aber nicht zu verstehen. In der nächsten Nacht vergaß ich meinen Traum, ich war mir genau genommen aber auch nicht sicher, ob ich tatsächlich geträumt hatte.
Am zweiten Tag meiner Gefangenschaft hatte ich beobachtet, wie einige Fahrgäste –ausschließlich welche, die ich auf den obersten drei Decks getroffen hatte – und der Kapitän auf den Rettungsbooten die Submergo verließen und dabei mit vollem Enthusiasmus sangen, ohne dass ich die Worte durch die dicke Scheibe meines Bullauges hindurch verstehen konnte. Danach war mein Kontakt zur Außenwelt, bis auf die täglichen Mahlzeiten, die mir ein gemütlicher, runder Sicherheitsmann mit halb kahlen Lockenkopf, der sich nicht sonderlich um den Umstand des Schiffes besorgt zeigte, wortlos aber fröhlich pfeifend, brachte. Häufig trug er eine weiße Kochschürze, die ihm etwas zu klein war. Den Grund dafür erfuhr ich nie, doch nach meinem Traum über die Zigarren, beschloss ich, dass er wohl versuchte meine Laune zu heben.
Als ich ihn einmal darauf ansprach, dass unser Schiff zu sinken drohte, zuckte er die Schultern, faltete die Hände über dem aufs Ärgste gespannten Stoff seiner Schürze und erklärte, dass sich der Kapitän schon ausreichend um diesen Umstand kümmern würde.
Ich klärte ihn darüber auf, dass der Kapitän nicht mehr an Bord sei, sondern am gestrigen Tag das Schiff auf einem der Rettungsboote verlassen hatte.
„Hm“, erwiderte er, während er statt mir einen silbern glitzernden Fischschwarm beobachtete, der an dem Bullauge einer überdimensionierten Schildkröte hinterherjagte.. „Das scheint doch etwas bedenklicher zu sein, als ich dachte.“
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