Christoph Kneip für #kkl43 „Moralisierung“
Nur hinaus
Ich schritt in den Gang. Durch die Tür hinter mir fiel ein gezogener Streifen Licht. Der Korridor verlor sich in Dunkelheit. Ich konnte nichts sehen. Weit entfernt ein fahler Schimmer oder war es Einbildung? Ich konzentrierte mich, spähte weg und wieder hin, um mir über ihn klar zu werden. Er schwamm wie Glaskörperflocken umher, blieb aber bestehen. Verriet der Strahl einen Spalt? Was befand sich dahinter? Ein erhelltes Zimmer? Der Vorbau mit gläserner Front oder gar das Ende des finsteren Herrenhauses, in dem ich mein Leben zugebracht? Wie mochte es draußen sein? Ich wusste es nicht, hatte es nie gesehen.
Es gab nur Bücher und Gemälde. Diese hingen an den Wänden und zeigten Fenster samt Sprossen, Pfosten und Rahmen. Zu meiner Schande muss ich bekennen, diese Attrappen für echt gehalten zu haben, so täuschend waren sie der Realität abgerungen. Eines stach durch seine raffinierte Komposition hervor und hatte mich glauben gemacht, dass ein Hafen nahe. Vor ihm stehend sah ich Schiffsmasten, die sich trotz ihrer Seile in einer Reihe magerer Pappeln verloren. Sie standen in pastellener Luft an der Uferböschung und mir war, als könnte ich die Brise in ihnen rauschen hören, auf der ein Schiff über das Meer gesegelt war. Auf anderen betrachtete ich als Linie den Horizont. Lange träumte ich an dieser Spur hin und füllte mein hungriges Herz. Stunde um Stunde starrte ich sie an, begehrte auf sie zuzuschreiten und ein Punkt zu werden, der hinter ihr verschwindet, wie Endliches im Endlosen. Über Jahre war dies meine liebste, fast einzige Beschäftigung. Ich hatte die Bilder eingehend studiert, kannte jedes Motiv, jedes Detail, jede Farbnuance.
Eines Tages jedoch konnte ich mich nicht an ihnen erfreuen, ohne recht zu wissen, wieso. Der Glanz am Firmament auf einem Gemälde schien unstimmig. Meine Ruhe war dahin. Ich bemerkte nur noch den Fleck weichen Lichts, der mich bekümmerte. Die Verstimmung blieb und die wohlige Selbstvergessenheit schwand Tag für Tag dahin. Endlich betastete ich die Stelle und begriff: Der Schein war mangelhaft, da er nur gemalt, nur unbelebte Nachahmung. Ich hatte meine Wünsche lediglich als gepunktete Bahn auf seinen Strahlenkranz gezogen. Die Bilder waren nur Gesichte von einem Schwärmer auf die Leinwand gebannt. Der Versuch, Vorstellungen Räuberleiter zu geben. Das Signum eines Geistes, der über die Mauern der Welt melancholisch geworden. Denn auch der Maler hatte im Anwesen gewohnt. Er sehnte sich, eine Welt erstehen zu lassen und wenn auch nur im Rahmen, aber er hatte gleich mir nie das Draußen gesehen. Ich hatte mich anstecken lassen – ein infektiöser Wahn. Malad wie er, stand ich vor den Gemälden und trachtete, auf der blauen Spanne zwischen Himmel und Erde die enge Kammer zu vergessen. Nachdem ich erkannt, dass es Illusionen, waren sie mir unerträglich. Aufdringlich schienen sie manipulieren zu wollen, mir aufzuzwingen, was die vor mir geglaubt.
Schon beim Lesen kam mir der Verdacht der Indoktrination. Ich hatte mich durch Regalwände, welche das Anwesen füllten, gelesen. Es waren Chroniken vorhergegangener Bewohner, die neben der Kunstbetrachtung und Träumerei die Quelle meiner Zerstreuung darstellten. Egal, welchen Band ich zur Hand nahm, ich griff doch einen, der eher Abhandlung war als Biografie. Das Frontispiz zeigte meist greise Knaben mit hoher Stirn und einem Lehrerblick, der Strafarbeit aufgibt. Danach folgte über hunderte Seiten und unter Einbeziehung jedes nur erdenklichen Exkurses das pathetische Postulat von Pflichten und Werturteilen. Das Wort Gesetz häufte sich hunderte Mal. Diese Wiederholung erweckte meinen Widerwillen. Schüchtern aus dem Hinterhofschatten des Halbbewussten flüsterte eine Stimme. Nach einer Weile verstand ich, dass es Einwände waren, die rasch zum Schrei des Widerspruchs wuchsen. Das Werden war nicht im Starren zu fassen. Die Triangel meines Ichs passte nicht in die Rundungen des Gesetzes und ich befand, es sei Lüge. Die Denker, die es verherrlichten, hatten gleich dem Maler ihren Lebtag im Kabuff vertan, sodass ihre Überlegungen nur von einer Wand zur nächsten reichten. Ihrem heiligen Gebot: Das Himmelreich liegt in der Kammer, unterwarf ich mich nicht länger und wurde Abtrünniger.
Ich schob nicht länger auf und wagte es – keine Wände mehr. Ich wollte hinaus, wollte meine Arme spreizen und mich in die Luft schwingen, wo der Wind mir wehende Strähnen aus dem Gesicht strich, wo meine Augen wanderten über eine Landschaft, deren Bett Kontinente, wo ich dem Horizont entgegenflog, der fern und ferner versprach, dass er keine Grenzen. Ich wollte Atmen, wollte den Moment, der mir gehört, wollte leben, leben, leben …
Tür um Tür prüfte ich, doch sie waren falsche Schwüre, die zugemauert. Sie gaukelten dem Gefangenen vor, er könne gehen, wohin er wolle, indessen er in Wahrheit seinen Schädel blutig rennen würde. Die Chancen schwanden, gleichwohl ich hinter einer Tür einen Luftzug zu spüren meinte. Ich machte mich an ihr zu schaffen. Es dauerte, bis sie aus den Angeln gehoben war. Befreit riss ich die Tür auf und ging in den Gang.
Konnte der Himmel, an den sich kein Zollstock legen ließ, hinter dem Lichtpunkt warten? War das Herrenhaus nicht von Menschen gebaut? Ahnen, die das Fundament gelegt, unwissend, dass sie mit ihrem Mauerwerk, welches sie Stein um Stein gesetzt und mit dem Mörtel der Tradition verkittet, auf die Versklavung künftiger Generationen hingearbeitet. Warum hatten sie vor Jahrtausenden mit ihrer Angst Balken gesägt und daraus mit den Nägeln ihrer Regeln Verschläge gezimmert, um ein Außen auszusperren, wenn es dieses nicht gab? Nein, ich konnte es schaffen, konnte das Hüttenkastell, in welches sich der Mensch verbarrikadiert, als wolle er einer Belagerung standhalten, hinter mir lassen. Was unterschied mich von den Vorfahren? Warum war es mir gelungen, in den Gang vorzudringen, der, davon war ich mittlerweile überzeugt, unweigerlich nach draußen führen musste. Lag es an meiner Überempfindlichkeit gegen Bevormundung? Die Gemälde und Bücher hätten mich abhalten können, wie ach so viele vor mir, die sich täuschen ließen.
Ich schritt und schritt, der Schimmer kam dennoch nicht näher. Längst war der Schein hinter mir erloschen, sodass nur der Weg nach vorn blieb. Unbeirrlich strebte ich voran. Ja, es würde gelingen.
…
Seit wann war ich im Gang? Ich wusste keine Antwort. Nach knapper Rast, in der ich matte Glieder geruht, suchte ich das Nadelöhr meiner Hoffnung, aber konnte es nicht finden. Wo war der Glanz? Ringsum nur Finsternis. Statt Wänden, an denen ich entlang getastet, griff die Hand ins Leere. Pan stieg mir mit Hufen auf den Kopf, schrie mir in die Ohren und ich rannte los, doch nichts, nichts, nichts. War ich gar nicht der Überlegene, der hell Blickende? Unter dessen Augen sich Nebel verzog, dessen Finger der Illusion die Maske vom Angesicht pflückte? Glich ich am Ende meinem Vorfahr, dem Maler? War ich ein Fantast, dessen Verblendung die seine überstieg? Er erkannte seine Beschränktheit vielleicht und nur ich allein klammerte so fest an ihr, bis ich verloren ging. Ja, ich war irr gegangen. Der Spalt hatte sich geschlossen und ich konnte nicht hinaus.
Seit 2021 Arbeit an der Dissertation im Fachbereich Internationale Literatur
2018 Kunstausstellung KUNEXT in der Kulturhalle Tübingen
2019 Kunstausstellung DIALOG im Jamclub Tübingen
2019 Teilnahme an der Gemeinschaftsausstellung Geislinger Kunstfrühling
2020 Kunstausstellung Psychogramm mit Lesung im Buchcafé Agnesgasse Nürnberg
Bisherige Veröffentlichungen:
Der Griff um die Kehle, Erzählung, #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin 2023.
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