Schwarzweiß-Muster

Thyra Thorn für #kkl43 „Moralisierung“




Franzi und Hannerl lesen Zeitung

Schwarzweiß-Muster

Franzi: Du Hannerl, warum zeichnest du lauter schwarze und weiße Vierecke auf die Zeitung?

Hannerl: Ich zeichne die Welt, das universelle Geschehen, das Handeln der Menschen und überhaupt alles.

Franzi: Ein holistischer Ansatz also. Aber ich versteh trotzdem kein Wort.

Hannerl: Meine Vierecke bilden ein bestimmtes Muster, so wie wir alle uns das ganze Leben lang an Mustern orientieren. Stell dir mal vor, du bist ein kleines Kind und erkundest deine Welt. Du verbrennst dir die Finger am heißen Ofen, es tut höllisch weh. Diese Erfahrung ordnest du in deinem Hirn als schlecht ein – also schwarz. Du beißt zum ersten Mal in einen Pfirsich und findest den Geschmack toll – eine weiße Erfahrung.

Franzi: Es gibt für dich also nur gut oder schlecht, weiß oder schwarz, oder wie im Computerprogramm 0 oder 1?

Hannerl: Ja. Aus diesen simplen Bausteinen entstehen in deinem Gehirn Erfahrungsmuster. Im weiteren Leben und durch ständige Bestärkungen verfestigen sie sich. Auch bilden sich Sinncluster – die gute Pfirsicherfahrung wird auf alles Obst übertragen, verschiedene neue Entscheidungskriterien werden hinzugefügt, etc. In der Soziologie ist das ein alter Hut1.

Franzi: Aber besteht das Leben nicht aus zahlreichen  Grauschattierungen?

Hannerl: Grau ist generell gut, das heißt, da wurde viel nachgedacht und abgewogen. Denn wenn du genau hinschaust, dann siehst du, dass es lauter kleine Gut-oder-Schlecht-Entscheidungen, also Schwarzweiß-Vierecke sind, die nur zusammen mehr oder weniger grau erscheinen. Diese schwarz-weiß Muster sind, einmal festgelegt, im Übrigen für vieles gut.

Franzi: Z.B. um eine neue Situation mit einmal gemachten Erfahrungen abzugleichen?

Hannerl: Ja, Deutungsmuster sind sehr praktisch, wenn man eine neue Lage schnell erfassen will. Aber zugleich reduzieren sie die Wirklichkeitswahrnehmung auf ein bestimmtes, althergebrachtes Schema, das ist der Nachteil.

Franzi: Oder wenn man blitzschnell reagieren und keine Zeit fürs genaue Analysieren opfern will?

Hannerl: Dann nutzt man ein bekanntes und eingeübtes Handlungsmuster.

Franzi: Hört sich etwas starr und unflexibel an. Normale Menschen passen sich doch veränderten Situationen an und modifizieren ihre Denkmuster.

Hannerl: Schön wär´s.

Franzi: Zu denkfaul, zu konservativ, zu betriebsblind?

Hannerl: Politiker verändern sehr ungern typische Denkgewohnheiten!

Franzi: Aha, darauf läuft´s hinaus.

Hannerl: Faszinierend finde ich nun, dass man Denk- und Handlungsmuster auch bildlich darstellen kann. Wenn ich z.B. auf einer Landkarte von Bayern all´ die Orte schwarz einzeichne, in denen gemäß des Cannabisfolgebegrenzungsgesetzes das Kiffen verboten ist, dann ergibt sich ein beklemmendes Muster staatlicher Maßregelung.

(Holt sich eine Landkarte und malt auf alle öffentlichen Gebäude, Gaststätten, Kultur- und Freizeiteinrichtungen und deren Umkreis, auf sämtliche Außenbereiche von Cafés und Biergärten, Fußgängerzonen, auf eine Vielzahl von Stadtparks, öffentlichen Plätzen und anderen Treffpunkten: Bahnhöfen, Bürogebäude, etc., schwarze Vierecke)

Ich stell mir manchmal vor, dass es in den Gehirnen der Verantwortlichen genauso aussieht.

Franzi: Stopp, das wird immer schwärzer – schaut ja schlimm aus.

Hannerl: Das liegt daran, dass es im Hirn auch eine gegenläufige Tendenz zur Vereinfachung gibt. Komplizierte Denkmuster werden zu unübersichtlich und auf die Dauer zu anstrengend. Nimm z.B. den typischen bayerischen Politiker. Bei dem besteht seit frühester Jugend eine Prägung zugunsten des Bieres und zuungunsten anderer Drogen. Auf diese Prägung treffen nun komplizierte Denkmodelle aus Berlin.

Franzi: Das kann nicht gutgehen.

Hannerl: So kommt es zu einem Rückschritt des Denkens.

Franzi: Also überall, wo sich bereits Grauzonen etabliert hatten und geduldet wurden, wird nun die Realität wieder schwarz-weiß, bzw. sehr viel schwarz und ganz wenig weiß! (liest aus der Zeitung vor) „Wer in einer Gaststätte in Bayern einen Joint raucht, muss … mit bis zu 1500 Euro Strafe rechnen“2. Andernorts3 drohen sogar bis zu 30 000,- Euro Strafe.

Hannerl: Siehst du, da wird es wieder ganz simpel. Die Situation erfordert für bayerische Kiffer und Polizei nur e i n e Schwarz-oder-Weiß-Entscheidung: gehorchen oder zahlen. Da muss keiner viel nachdenken.

1 siehe dazu Talcott Parsons „cultural patterns“ und die Deutungsmuster von Alfred Schütz

2 Mittelbayerische Zeitung, 2.8.24, „Schärfere Regeln fürs Kiffen treten in Kraft“, dpa

3 siehe dazu: „Die Verbotszonen werden in Paragraf 5 des Cannabisgesetzes geregelt. Ein Verstoß dagegen wird als Ordnungswidrigkeit behandelt und kann gemäß Paragraph 36 eben dieses Gesetzes mit einer Geldbuße von bis zu 30000 Euro geahndet werden“

in MZ vom 26.3.24, „Cannabis wird entkriminalisiert: wo darf man in Regensburg bald legal kiffen?“ Philip Hell

Cannabis wird entkriminalisiert: Wo darf man in Regensburg bald legal kiffen? (mittelbayerische.de)





Thyra Thorn ist Ethnologin (M.A.), bildende Künstlerin  und Autorin, seit 2016 Mitglied im deutschen Schriftstellerverband. Sie schreibt für österreichische, deutsche und schweizerische Literaturzeitschriften und Kulturjournale. Ihr Roman: „Luxus?“ ist im April 2022 im PänK Verlag herausgekommen.

Ihr aktuelles Buch “ Drei!“, mit Zeichnungen von Edgar Piel ist ebenfalls im Pänk Verlag erschienen.

Interview mit Thyra Thorn im #kkl-Kanal HIER






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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