Marko Richter-Höfer für #kkl44 „Kosmos“
T-20 Minuten
Mein Vater ist genau so alt wie ich. Richtig gehört, wir sind jetzt beide fünfunddreißig. Das haben die heimlichen DNA-Analysen bestätigt. Er war früher auf der ISS 2 stationiert, damals in den Vierzigerjahren. Als er wiederkam, hörte er auf zu altern. Niemanden schien das jemals zu irritieren, auch ihn selbst nicht. Bis heute ist das so. Nur ich bemerke es, schon immer. Das ist natürlich nicht korrekt ausgedrückt, aber für mich gibt es im Grunde keine Zeitrechnung davor. Als wäre die in einem Feuerball aufgegangen, in dem Moment, indem ich es erkannte.
Ich musste mich vor einer Weile entscheiden: Psychiatrie oder die ISS 2 … Jetzt ist es so weit! Die Uhr in der Raumkapsel zeigt noch T-20 Minuten. Entweder ich finde da oben eine Antwort oder ich bin verloren.
Diese Sprachnachricht ist für den Fall, dass ich nicht zurückkehre. Ich werde sie in die Cloud laden. Ich fasse mich kurz, denn die Zeit drängt. Und doch will ich, dass man versteht, was ich durchgemacht habe.
Ich erkannte, dass etwas nicht stimmen konnte, an Weihnachten 2057. Wir hatten Familienfotos gemacht und mein Smartchip spülte mir die gleichen Weihnachtsbilder aus den letzten zehn Jahren in die Timeline. Ich war damals gerade achtzehn geworden. Wir alle trugen diese alten, roten Weihnachtsmützen – schön Retro. Meine Eltern außen, ich in der Mitte und im Hintergrund immer das warme Licht des Kaminfeuers.
Als die Bildfolge übergangslos vor meinen Augen ablief, geriet ich ins Stutzen. Ich hatte mich über die Jahre, vom Kind zum jungen Erwachsenen, stark verändert. Meiner Mutter sah man die Jahre ebenfalls an, so wie man es erwarten würde. Ihre Frisur variierte, ein paar Fältchen hier und da und sie bekam etwas schmalere Wangen.
Bei meinem Vater – nichts. Kein graues Haar, keine Falten, das exakt gleiche Gesicht. Auch die gleiche Statur. Bei leichten Veränderungen hätte ich es vielleicht gar nicht gemerkt. Gut gehalten, hätte man denken können. Aber es war so auffällig, dass sich rein gar nichts an ihm verändert hatte, seine Kleidung ausgenommen.
Somit wurde sein Anblick auf den Fotos für mich zum Fixpunkt, zum starren Fremdkörper in einem sich wandelnden Wimmelbild. Seit siebzehn Jahren ist das jetzt so – sein Zustand, wie ich es nenne. Mein Vater ist der Fixpunkt, um den herum sich alles zu verändern scheint.
Ich kann aus Zeitmangel nicht näher darauf eingehen, was in all der Zeit alles passiert ist. Nur so viel: Es war verrückt! Ihr könnt mir glauben, ich habe alles gründlich untersucht. Zuerst ihn selbst, inklusive besagter DNA-Analysen und biometrischer Daten, das ganze Programm. Er ist mein Vater, geboren am 01.02.2010, kein Zweifel. Aber alle Messwerte deuten auf ein Alter von fünfunddreißig hin – und das seit vielen Jahren. Wie kann das sein? Und wie ist es möglich, dass mir niemand Glauben schenkt, dass etwas nicht stimmt, geschweige denn helfen will, der Sache auf den Grund zu gehen?
Natürlich habe ich versucht, mir Hilfe zu holen, immer wieder. Jedes Mal wurde ich abgewiesen, alle weigerten sich, die Fakten anzuerkennen. Manche meinten, ich hätte Wahnvorstellungen oder ich gönnte meinem Vater seine Karriere als erfolgreicher Astronaut nicht. Auch die Presse wies mich zurück. Oft so vehement überzeugend, dass ich bis heute immer wieder an meinem Verstand zweifle.
Vor vielen Jahren habe ich angefangen, selbst alles an Wissen anzuhäufen, was da draußen zu dem Phänomen passen könnte. Ich studierte online Teilbereiche aus vielen Richtungen:
Zellbiologie, Genetik, Physiologie, Endokrinologie, Regenerationsmedizin und so weiter. Immer auf der Suche nach möglichen Erklärungen. Auch mit Psychologie und Philosophie habe ich mich befasst. Am Ende landete ich bei Gott und den Fragen: Was macht uns Menschen bei all der Komplexität an Daten und Werten eigentlich aus? Wer sind wir? Und wie sicher können wir uns bei der Antwort sein?
Das alles trieb mich an den Rand des Wahnsinns. Irgendwann wusste ich: Hier auf der Erde würde ich keine Erklärungen und keinen Frieden finden. Ich musste zum Ursprung. Dorthin, wo alles seinen Anfang genommen hatte. Also wurde ich selbst Astronaut und arbeitete verbissen daran, auf der ISS 2 stationiert zu werden.
Nun befinde ich mich also im Kennedy Space Center in Florida und sitze in der Raumkapsel. Die Uhr zeigt jetzt T-12 Minuten und ich sollte mich konzentrieren, obwohl ich alle Abläufe im Schlaf kenne. Von meinem eigentlichen Ziel weiß hier keiner.
Welche Hinweise hält die ISS 2 für mich bereit? Es muss dort welche geben, es muss einfach. Finde ich die Leichenreste meines Vaters hinter irgendeiner Abdeckung? Dann wäre das Wesen, das sich mit meiner Mutter ein Bett teilt, doch ein Alien. Ist ja nicht so, dass ich nicht auch daran schon tausendmal gedacht hätte. In einem Science-Fiction-Film wäre das sicher eine mögliche Wendung – wenn auch nicht sonderlich originell. Aber immerhin wäre es etwas.
Wie auch immer – es geht los, endlich! Mir ist klar, dass ich bei dieser Reise und der Suche draufgehen kann. Es ist ja durchaus möglich, dass keine Antworten gefunden werden sollen.
Für den Fall liefert diese Nachricht einige Antworten. Nehmt sie ernst, nehmt mich ernst! Ich bin weg. Ende.
Schauplatz: Silicon Valley, Hauptsitz und Rechenzentrum von SimSynergy, Gaming-Abteilung – Juni 2074
»Marc, schau dir das mal an«, sagt Nina. »Ich habe die Simulation des Games wie immer durch die Verifikation und die Analyse laufen lassen. Irgendwas stimmt hier nicht. Der Code zeigt einen Synchronizitätsfehler an. Wir sollten Sam informieren, nicht dass uns die Server abrauschen.«
»Lass mal sehen«, sagt Marc. Während er sich vorbeugt, setzt er seine Brille auf. Er schaut konzentriert auf den Bildschirm. »Du hast recht. Ich glaube, ich weiß, was das Problem ist. Ein NPC scheint nicht rundzulaufen. Ich lade mal seine Historie runter.«
Ninas Sohn, der heute seine Mutter zu ihrer Arbeit begleiten darf, fragt: »Was ist ein NPC, Mama?« Nina antwortet, ohne ihn anzusehen. Ihr Blick ist weiter auf den Bildschirm gerichtet: »Ein NPC, ein Non-Player-Character. Das ist eine programmierte und computergesteuerte Figur im Spiel, mit denen die echten Spieler interagieren können. Man kann sie aber nicht selbst steuern.«
Marc schaut sich die Historie an. »Das ist seltsam! Männlich, fünfunddreißig, Astronaut. Und hier ist der Fehler. Sein Vater ist auch fünfunddreißig steht hier, und dass schon eine ganze Weile. Er altert nicht mit dem Spielgeschehen. Was für ein Bug! Irgendwer hat hier Scheiße gebaut. Das ist ganz schlechtes Programmieren. Scheint bisher noch keinem Spieler aufgefallen zu sein, Glück gehabt. Das kann für Irritation sorgen und das Spielgefühl stören. Du weißt ja, dass Sam die Immersion am wichtigsten ist. Ich setze mich gleich ran und merze den Fehler aus. Am besten setze ich beide Character neu auf, Vater und Sohn.« Nina schaut zu Marc herüber. »Hältst du das nicht für etwas übertrieben?« »Ich bin gerne gründlich«, murmelt Marc, ohne sie ebenfalls anzusehen. Kurz bevor er die Historie schließen will, ruft Nina: »Warte! Da ist noch was.« Sie zeigt auf die untere rechte Ecke der Datei des NPCs. Da sehen sie etwas, das es dort gar nicht geben dürfte. Es ist das Symbol für eine Sprachnachricht. Sie hat einen Titel: T-20 Minuten.
Marko Richter-Höfer, geboren 1974 in Buchholz in der Nordheide, ist studierter Diplom-Pädagoge und Systemischer Psychologischer Berater.
Seine beruflichen Stationen liegen vor allem in leitenden Funktionen der Jugendsozialarbeit, der Kindertagesstätten sowie als Dozent und Referent für Kinderschutzthemen. Freiberuflich war er viele Jahre als Coach und Berater tätig. Inzwischen beschäftigt er sich ausschließlich mit der Schriftstellerei.
Seit seiner frühen Jugend schreibt Herr Richter-Höfer neben Songtexten auch Gedichte und war über 20 Jahre als Frontmann einer Band und als Singer-Songwriter auf norddeutschen Bühnen unterwegs.
Der Kinderroman „Prinzessin Ida und Soraya – das magische Portal“ soll seine zweite literarische Veröffentlichung werden. Zuerst wird im Juli 2024 eine Kurzgeschichte auf dem Patreon der Zombie-Zone-Germany veröffentlicht. Diese Geschichte wird 2025 ebenfalls in einer Anthologie erscheinen.
Die Teilnahme mit Bestnoten am Schreibkurs Kinder- und Jugendbuchautor*innen bei https://www.laudius.de/ unterstreicht seine langfristigen Ambitionen als Schriftsteller ebenso wie seine Aktivitäten im Forum Papyrus Autor Community. Weitere Bücher sind bereits in Arbeit, wie auch der Ausbau seiner Social-Media-Präsenz als Autor.
Herr Richter-Höfer ist verheiratet, hat eine sechsjährige Tochter und lebt mit seiner Familie samt Hund in Lüneburg.
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