Andreas Voß für #kkl44 „Kosmos“
Manche wurden in einer Kleinstadt groß, andere in einer Großstadt klein…
Da stand ich nun, ich kleiner Tor – war ich schon größer als zuvor? Ein nackter Fuß fest auf dem Boden, der andere auf dem Roller ruhend. Vom Gipfel – nun ja – ich sollte besser sagen: von der Kuppe dieses kleinen Hügels, der sich ungefähr genau in der Mitte des Weges befand, der das Areal unserer Gang von dem Herrschaftsbereich der anderen Gang, den „Krabben“, trennte, schweifte (oder dachte ich damals: schwiff?) mein Blick in die Ferne, eine Ferne, die sich allerdings lediglich auf die Distanz zwischen unserem und dem nächsten Nachbar-Häuserblock – im Architektenjargon „Riegel“ – beschränkte.
„Riegel“! Ich gebrauchte dieses Wort gerne, wählte diese Bezeichnung künstlich übertrieben oft, weil ich schon damals diesem eigentlich süßigkeitsaffinen Begriff eine andere, eine mehr als wahre Bedeutung zumaß: „Riegel“, also korrekterweise „Rigel“, ist nämlich der hellste Stern im Sternbild des Orion! Dieser brennende Gas-Ball strahlt mit der 46.000-fachen Leuchtkraft unserer Sonne und befindet sich in der Übergangsphase vom Blauen Riesen zum Roten Überriesen. Abgesehen davon, schwörte (oder heißt es: schwor? – ich weiß es gerade nicht) meine Mutter auf den Weißen Riesen, wobei die damit gewaschenen Klamotten keineswegs eine vergleichbare Strahlkraft aufwiesen wie mein Lieblingshimmelsobjekt. Dass der Stern Rigel heißt und nicht „Riegel“, lernte ich erst später – ungefähr zu dem Zeitpunkt, als sich meine Aufmerksamkeit dem (oder der) „Beteigeuze“ zuwandte, einem schon zum Roten Überriesen mutierten Monster-Stern, der sich mit der 135.000-fachen Power unseres Zentralgestirns namens Sonne ins Weltall, in die Leere des Raumes verschwendete (und noch immer verschwendet). Wie kleinmütig, dass die „Krabben“bei „Riegel“an „Mars“ von Nestlé dachten und nicht wenigstens an den roten Stern in unserer kosmischen Nachbarschaft! Ich fand es sowieso lächerlich, dass sich die „Krabben“ die „Krabben“ nannten. Offenbar ließ sich diese maritime Bezeichnung ein kleiner involvierter Depp einfallen, der seine Peer Group, seine Posse, explizit in die Nähe von Wasser, an die nahe Küste, an die Nordseeküste, rücken wollte. Dieser Kretin war offenbar (und das schon im jungen Alter) von einem lokalpatriotischen Gefühl gesteuert, ergriffen von einem unseligen Heimatbegriff, nicht in Betracht ziehend, dass sich sein geografischer Geburtsort rein zufällig auf der nördlichen Welthalbkugel befand, und dass deshalb seiner ethnischen Herkunft keine erhabene Erhabenheit zuzubilligen war. Mehr noch, ich lehnte es explizit ab, dem Stolz, der sich wohl in Brust und Hirn dieses Trottels ob seiner vermeintlich genialen Gang-Namensidee Bahn brach, irgendeine Wertschätzung zukommen zu lassen. Diesen Stolz, den ich den „Krabben“ bis zur letzten Konsequenz absprach, reklamierte ich allerdings für mich, denn meine Gang hieß einfach nur „Gang“. „Na, welche Idee war wohl die bessere?“, dachte ich. (Im Übrigen dachte ich nicht wirklich all das, dafür war ich ja noch viel zu klein und zu jung, vielmehr dachte ich all das später, viel später – dachte ich das überhaupt irgendwann?).
Ich stand nun also so da – und musste plötzlich weinen. Weinen, weil mich plötzlich ein Heimatgefühl beschlich, ja, bestürmte, ein ziehendes, grummeliges Heimatgefühl verwirbelte sich zu einem Staubteufel, zu einem Dirt Devil, der in alle meine Körperöffnungen eindrang und aus der Fontanelle wieder hinaustrat und sich in den Himmel meiner kleinen Welt streckte und reckte, um gleich darauf wieder zusammenzufallen, das Aufbäumen war nicht von Dauer, die Erschöpfung dagegen umso mehr. Als meine letzte Träne stand und stand und auch nicht fallen wollte, wusste ich: Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, dass es mich gibt.
Als ich also nun so da stand, stieß ich mich mit einem kräftigen Tritt ab, um mich mit dem Tretroller von diesem Hügel, von dieser Kuppe, von dieser topografischen Erhebung, in die Tiefe zu stürzen, beziehungsweise zu beschleunigen. Es lief sehr gut, der Roller lief sehr gut, von vorne kam die Richtung entgegen, nach hinten entfernte sich eine Blutspur – ich hatte mir den Fuß, den Barfuß, an einem spitzen Stein aufgeschlitzt – von mir unbemerkt, ungespürt, eine Ader oder Vene war betroffen, jedes Abdrücken mit dem Fuß hinterließ auf dem manchmal asphaltierten, hin und wieder gepflasterten, ab und an einfach nur sandigen Weg einen Gegenpart: einen Fußabdruck aus Blut, so präzise, so exakt, als handele es sich um eine monochrome Malerei von Franz Erhard Walther und anatomisch so detailreich, dass für jeden auch nur halbwegs kompetenten Orthopäden abzulesen gewesen wäre, ob bei mir ein Plattfuß, ein Hohlfuß oder ein sonst irgendwie abnorm ausgebildetes Fußgewölbe vorliegen würde.
Ich fand das nicht lustig, nie zuvor hatte ich eine derart große Menge Blut gesehen, auch wenn es sich eigentlich gar nicht um eine große, sondern eher um eine tret-rhythmisch verteilte, zurückgelassene, relativ geringe Menge Blutes handelte, die aber Fuß für Fuß – ein Pattern aus Lebenssaft – größer, länger und beständiger ausfließend aussah, als es tatsächlich den Tatsachen entsprach, ganz so wie diese uneeeeeeennndliche Wäscheleine in der Fernsehwerbung vom Weißen Riesen, die sich, vollgehängt mit frisch gewaschener Wäsche, in der perspektivischen Unendlichkeit des Fernsehbildes verlor. Diese überlange Leine weißer Unschuld lag für mich nun allerdings im Dreck, im Staub, am Boden, an dieser Leine war nun keine weiße Wäsche mehr geklammert – angeklammert an diesen unglückseligen Faden des gehässigen Schicksals waren vielmehr dunkelrote Fußabdrücke, es waren meine, leider meine, Abdruck für Abdruck blickte ich rückwärts in die blutige Ferne – ach, wäre es doch stattdessen der Frühling gewesen, der sein blaues Band durch die Lüfte flattern ließ!
Nun denn, während also der Weiße Riese mit seiner Ergiebigkeit an Waschleistung, mit seiner langen Leitung, seiner langen Leine, mit seiner langen Wäscheleine, einen Zugewinn von Kaufkraft in der real existierenden Bundesrepublik symbolisierte, spürte ich mit jedem blutigen Tritt, mit dem ich mich auf meinem Weg, auf meiner imaginären Leine, nach vorne stieß, einen Verlust von Lebenskraft, mein Lebenssaft versickerte im Schotter des schlängelnden Weges. Aber gemach, gemach, natürlich erreichte ich noch lebend unseren „Riegel“, lieber wäre mir allerdings gewesen, es wäre der „Rigel“ gewesen. Denn während sich meine Mutter in besonnener Art – um nicht zu sagen: in besonnter Art – denn „Rigel“ ist ja eine Sonne – um diesen blöden, blutenden Schnitt in meinem Fuß kümmerte, hickste meine Oma, im Türrahmen erscheinend, die Hände vors Gesicht schlagend, in die Szene und in sich hineinstürzend: „Oh, da is’ ja ’ne Ader verletzt!“ Endlich wurde mir schwarz vor Augen.
Als ich die Augen wieder aufschlug, stand „Krabbe“ Susi in meinem Zimmer, mit scheelem Blick und wackeligen Bewegungen hielt sie den Hefty-Schlumpf in ihrer kleinen Hand. Ich erkannte Hefty leicht an seinem Herzchen-Tattoo auf dem Arm, oder passender: Ärmchen. Fest entschlossen und gleichzeitig unsicher unentschlossen, hatte Susi ihn aus ihrer Schlümpfe-Sammlung ausgewählt, um ihn mir zu geben, und nicht nur, um ihn mir zu geben, sondern um ihn mir zu schenken – und das ist ein Unterschied, Geben und Schenken, ein bedeutender, wesentlicher Unterschied! Ausgerechnet Hefty, den stärksten aller Schlümpfe, auf den alle anderen Kobolde immer zählen konnten, wenn sie Hilfe brauchten, hielt Susi in ihrer kleinen Hand – und reichte ihn mir rüber!
Sprachlosigkeit. Peinlichkeit. Kindliche. Unfähigkeit. Dankbarkeit. Zu. Zeigen.
Wie schön wäre es, wenn sich schon Kinder lieben könnten?
Susi und der Hefty-Schlumpf waren es jedenfalls, die mir bewusst gemacht haben, dass Gangs und Abgrenzungen falsche Holzdampfer-Wege sind, gespeist aus hilfloser Identifikation durch Ablehnung. „Krabbe“ Susi! Wie sie da in meinem Kinderzimmer stand! Und wie sie dann wieder weg war, die Treppe runter, fast wie auf der Flucht, aber eine Schleppe von Zuneigung hinter sich herziehend, wie das Blaue Band im Frühling – hier war es also nun doch, sei es das Blaue oder das Rote oder das Geistige oder das Emotionale Band – weltbewegend!
Wir zogen um. Ganz schön weit weg, bestimmt so 120 Kilometer, in ein Dorf, das – im Gegensatz zum Herrschaftsbereich der „Krabben“ – tatsächlich direkt an der Küste lag. Kein Riegel mehr und auch kein Rigel mehr, stattdessen echtes Meer. „Ich träumte oft davon, ein Segelboot zu klau’n, und einfach abzuhau’n.“ So hörte ich Lindenberg im Kino in „Nordsee ist Mordsee“ nölen. Ich wusste zwar, dass Lindenberg ein eher kommerzieller Sänger war, der sang, um Geld zu verdienen, ich wusste auch, dass Hark Bohm ein eher semi-professioneller Filmemacher war, der filmte, um Geld zu verdienen, und natürlich wusste ich auch, dass „Nordsee ist Mordsee“ eine Story, ein Märchen war, eine fiktive Geschichte, die Menschen – also auch mich, weil: ich zählte mich ja zu den Menschen – dazu bringen sollte, in einem zeitlich begrenzten Augenblick der Fantasterei innerhalb eines Kinobesuches, die Fantasie für bare Münze zu nehmen, von einer Welt zu träumen, ja, nicht nur zu träumen, sondern bedingt durch das audio-visuelle Erlebnis des Filmanguckens, einer Welt zu begegnen, die man womöglich in seiner Jugend verpasst, und später in seinem Alter vergessen oder verdrängt hat. Also, ich wusste all dies, aber ich war dennoch schwer beeindruckt von diesem Film.
Aber von wegen Fantasy und Fiktion oder Fiction: Keine Ahnung, ob Bohm und Lindenberg quasi subversiv im Schilde führten, Jungs wie mich dazu zu bringen, es ihren Filmhelden tatsächlich gleichzutun und auf große kleine Fahrt zu gehen. Oder auch auf kleine große. Hatten es die beiden alternden Kunstschaffenden Lindenberg/Bohm nachgerade darauf abgesehen, dass ihre filmische Erzählung bei den Filmanguckern im realen Leben Schule machen würde? Bei mir haute, wie gesagt, dieser Zelluloid-Streifen jedenfalls voll rein, und ich befand mich wegen des Umzugs meiner Familie, also meiner Eltern und mich im Schlepptau, ohnehin im Entdeckermodus. Das Land, die Menschen, fast wie in irgendeiner Bier-Werbung, die mit dem Slogan „das Land, die Menschen“ eine vermeintlich lokal geprägte, regional gehandelte Ware anpreist, sah ich die Welt, naja, die nähere Umgebung, mit immer anderen Augen, sorry, es waren natürlich immer dieselben Augen, nämlich meine, aber ich bemühte mich, die chemisch-elektrischen Signale, die meine Sehnerven in mein Gehirn leiteten, zu einer immer wieder neuen Sichtweise zu modellieren. Was ich wahrnahm, nahm ich nicht als wahr wahr. Stattdessen bemühte ich mich, dass ich das, was ich wahrnahm, eben nicht als wahr, sondern als falsch wahrnahm. Wenn Wahrnehmung bedeutet, etwas als wahr anzunehmen, versuchte ich es eben mit Falschnehmung. Am Strand übte ich Kopfstand. Als er gelang, war der Himmel das Meer und das Meer der Himmel. So einfach war das.
Ich wusste auch, wo ein „Pirat“ lag, wo so ’ne olle fünf Meter lange Knickspant-Jolle im Silberweidengestrüpp versteckt lag. Klar, das Teil gehörte irgend jemandem, irgendeinem Jemand oder auch einem Niemand, der vielleicht auch „Nordsee ist Mordsee“ gesehen hatte oder noch sehen wollte oder noch sehen wollen würde. Aber auf dessen Mut, das im Kino Gesehene oder vielleicht noch erst zu Sehende in eine tatsächliche Handlung umzusetzen und einen Stapellauf zu wagen, konnte ich und wollte ich keine Rücksicht nehmen – schließlich sind überlange Wartezeiten der Tod jeder Idee. Selbst Schuld, du unbekannter Besitzer, wenn du deinen Kahn da so lange ungenutzt im Gestrüpp rumliegen lässt! Deine Nussschale hast du über Monate nicht bewegt, das habe ich beobachtet. Gedankenlos hast du sie dort der Vergessenheit anheim fallen gelassen, die Jolle, den „Piraten“, dort, in diesem schlickigen Niemandsland zwischen auflaufendem und ablaufendem Wasser – zugegeben: so geschickt vertäut, dass die Flut das Boot nicht unter Wasser drücken konnte und die Ebbe die Zille nicht übertrieben weit vom Fahrwasser entfernt trocken fallen ließ. Diesen Stocherkahn, inzwischen schon fast kein Boot mehr, sondern ein Nistplatz für Haubentaucher und Krickenten, würde ich also klau’n, Dschingis und Uwe hatten es ja in „Nordsee ist Mordsee“ vorgemacht. Film ist ja die kleine Realität, so wie Schlaf der kleine Tod ist, jetzt wollte ich aber den großen Tod, also die große Realität, und sollte das Abenteuer für mich tatsächlich den Tod nach sich ziehen, weil: „Nordsee ist ja offenbar Mordsee“, wäre es mir auch egal gewesen, mehr noch: es wäre mir geradezu recht gewesen, denn was gibt es heldenhafteres als der durch Abenteuerlust selbst herbeigeführte Tod eines 14-jährigen Draufgängers?
Ich höre schon die Einwände: „Waaas? Das alles wegen eines Films? Wegen eines Films hat sich der Junge in Gefahr begeben? Und ist darin umgekommen? Es war doch nur ein Film!“ Leute, ich sag’ euch: Wer so argumentiert, ist für mich gestorben oder zumindest hat er für mich intellektuell voll verkackt. Von wegen: „Es ist doch nur ein Film“ – was ist denn Film anderes als das wahre Leben? Die geflügelte Sentenz: „Es gibt kein wahres Leben im falschen“ aus der Minima Moralia von T.W.A. (Adorno) ist Quatsch, natürlich gibt es das wahre Leben im falschen, nämlich als Film, der Film ist das wahre Leben im falschen, und sei das Wahre (also der Film) auch noch so falsch! Aber für diese Erkenntnis war Adorno natürlich zu blöd, zu ungebildet, intellektuell zu minderbemittelt. Jahre später, als ich noch lebte, kamen mir diese Gedanken natürlich reichlich übertrieben vor, aber wer hat nicht schon einmal übertrieben, ob gedanklich oder in Taten oder gleich in beidem?
Ich studierte also die Tidezeiten, studierte Dutzende Bushcraft– und Outdoor-Videos, studierte Unmengen Survival-Blogs und –Vlogs und malte mir aus, wohin es mich wohl mit diesem „Piraten“, also dem Boot, das der Jollenkonstrukteur Carl Martens ursprünglich „10 m² Einheits-Jugendjolle“ nannte, wehen würde, wohin es mich mit ihm wohl treiben, mit ihm schieben und ziehen würde, wenn ich mich mit ihm diesem himmlischen Kinde, diesem wirbelnden Winde, ausliefern werden würde. Am Donnerstag war Neumondnacht.
Ich schlich also im Dunkeln durch das Unterholz, durchs Gestrüpp, stapfte durch den matschigen Auwald, suchte Halt am Stamm der Schwarzerle, um gleich darauf die Zitterpappel zu umarmen, ebenso zitternd streckten sich meine Hände der Eberesche entgegen, meine tastenden Finger berührten hoffentlich bald die Zweige der Silberweide, die den Lagerplatz des Einbaums anzeigen würden. Ich kam mir vor wie ein Gibbon – ein „Waldgänger“ – der im Altgriechischen umherwandert, umherläuft, ein Wiedergänger seiner selbst, unheimlich, aber doch vertraut. Halt! War da was, ist da was, ist da was gewesen, ein Wesen? Nein, kein Wesen, sondern es war es, dort lag es im Dreck, im Schlamm, das Boot, der „Pirat“, mein „Pirat“, meine – ich war nicht ganz unbescheiden – RMS Titanic! Natürlich war mir klar, dass, historisch betrachtet, die Titanic sinken würde, aber ich wollte das Schicksal wenden, den Lauf der Dinge zurückdrehen, mit gutem Beispiel nachträglich vorangehen und diesem Dampfer der Olympic-Klasse ihrem originalen Ruf der Unsinkbarkeit Geltung verschaffen. So schien mir also der in diesem Sinne umgedeutete Name Titanic als zumindest angemessen. Meine Idee war, mit der Dschunke nicht wirklich zu segeln, ich konnte ja gar nicht segeln, hab mich nie für’s Segeln interessiert, genauso, wie ich mich nie für das Angeln interessiert hab’, das tat zwar jetzt gar nichts zur Sache, aber mir wurde gerade in diesem Moment bewusst, dass ich mich immer nur für die Raumfahrt interessiert hatte oder habe, was mir jetzt auch wieder nichts nutzte, doch halt, es nutzte mir doch etwas, denn mir kam in den Sinn, wie Neil Armstrong, Kommandant von Apollo 11, kurz vor Daddeldu, also kurz vorm technischen Versagen des Autopiloten und ebenso kurz vorm Verebben des Treibstoffvorrats, das Heft, also den Steuerknüppel, in die Hand nahm und den Eagle, diese merkwürdig vorsintflutliche, aber durchaus zweckdienliche und zweckerfüllende Landefähre, manuell sanft und easy auf unserem Trabanten im Mare Tranquillitatis, im Meer der Ruhe, im Staub des Mondes, im Staub der Jahrmilliarden, heil niederbrachte. Die Niederkunft einer Maschine mutete an wie die Niederkunft eines Säuglings. Deshalb verstieg sich Armstrong ja auch zu dem legendären, jedem Kind vertrauten Funkspruch: „That’s one small step for (a) man, one giant leap for mankind“. In german: „Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit.“
Ach, als ich nun so da stand, besser: halb stand, halb kauerte, im dunklen Auwald, knöcheltief ins Watt und nicht in den Mondstaub reingetreten, dachte ich: „This is a giant leap for me and a small one for mankind.“ In german: „Dies ist ein riesiger Sprung für mich und ein kleiner für die Menschheit”. In diesem Moment war Neil Armstrong mein Alter Ego, auch ich riss, ganz so wie dieser erste Mensch auf dem Mond, den Steuerknüppel des Schicksals an mich und landete nicht auf dem Mond, sondern im Schilfgürtel des Hier und Jetzt’ – Musik an: „An der Nordseeküste…“, Musik aus. Apropos Musik: Schon damals fand ich die Vorstellung lustig, wie lustig es wäre, wenn nicht Neil Armstrong der erste Raumfahrtkommandant, sondern Louis Armstrong der erste Trompeter auf dem Mond gewesen wäre. Über diese Idee innerlich kurz erheitert, war dies aber auch der Moment, in dem mir klar wurde, dass dieses Boot, das ja wahrscheinlich fortan, oder zumindest für ein paar Tage, meine Überlebenskapsel sein würde, auf keinen Fall Titanic heißen sollen sollte. Das kam mir nun völlig unpassend vor. Denn man muss bedenken: Noahs Arche wurde von Laien gebaut, und sie schwamm, die Titanic wurde von Profis gebaut, und sie versank! Und ich war weder ein Profi, noch wollte ich untergehen. Vielmehr war ich ja ein Laie! Und als ein Solcher kam mir die Idee, mich namenstechnisch an der Apollo-Landefähre zu orientieren. So taufte ich denn mein kleines Segelboot um, es sollte nun „Igel“ heißen – mein Tribut an die Weltraumfahrer oder besser -flieger: Neil, Buzz und Michael – in ihrer „Eagle“!
Ich lauschte. Das Meer war so ruhig. Mare Tranquillitatis terrenum. Ich schätzte, dass in ein, eineinhalb Stunden, der blanke Hans meinen Igel heben würde, dass die auflaufende Flut mein neues, hoffentlich schwimmendes Gefährt, oder besser: meinen kleinen, namenstechnisch stacheligen Gefährten, zum Leben, zum Schweben erwecken würde. Und so sollte es sein: Schwipp, schwapp, nochmal schwapp, der Igel erwachte aus dem Winterschlaf, wackelte von links nach rechts, rollte über die kleine Kiellinie von Steuerbord nach Backbord und zurück, schüttelte sich ein wenig und zog schon bald an seiner Leine, an seiner Kette – oho, an seiner Kette! Ich hatte vergessen, eben diese Kette, die den Igel an die Silberweide kettete, zu kappen, zu knacken, nun war schon ordentlich Spannung auf den Gliedern. Ich klaubte so schnell ich konnte den Bolzenschneider meines Vaters aus dem Rucksack, setzte das kneifende Werkzeug an, musste zwei- oder dreimal nachfassen, bis die Fessel sprang, und ebenso entfesselt flog mir das geknackte Kettenglied um die Ohren, gerade jetzt bäumte sich eine Welle auf, ich sprang mit nassen Füßen in die Schaluppe, verlor erst den Halt und dann die Haltung, knallte auf die Knie und ging fast über Bord – was bei einem „Piraten“ ohnehin leicht vonstatten gehen kann. Rücklings unter der um sich schlagenden Pinne liegend, starrte ich in die Sterne und to the Stars, die vor meinen Augen tanzten, meine Stirn hatte nähere Bekanntschaft mit der peitschenden Ruderpinne gemacht. „Schön, wenn der Schmerz nachlässt“, dachte ich und merkte, dass ich allmählich den wirklichen Sternenhimmel sah, der sich kreisend um die eigene Achse drehte und sich optisch zunehmend gegen die inneren tanzenden Sterne durchsetzte. Schließlich packte die ablaufende Welle den Igel und seinen Reiter, seinen Skipper, also mich, sie nahm uns beide huckepack auf ihren bockigen Rücken und zog uns gurgelnd, zischend und buckelnd hinaus, hinaus aufs offene Meer, hinaus zum schwarzen Horizont, Bootsmann, hol över, Seemann, komm’ bald wieder – hoffentlich…
Andreas Voß, Jahrgang 1962, ist Gärtner und Musiker und lebt in Hamburg.
Er ist Mieter einer Wohnung, Pächter eines Schrebergartens und Besitzer eines Paddelbootes. Er arbeitet abwechselnd in St. Pauli und Altona.
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